http://www.faz.net/-gr3-uacu

: Holland in Not

  • Aktualisiert am

Gespenstische Stille in Amsterdam: Der Filmemacher Theo van Gogh verlor sein Leben beim heiklen Balanceakt zwischen Ironie und Beleidigung. Mit jenen, die aus dem Koran blutigen Ernst machen, will sich seither niemand mehr anlegen. So verliert das tolerante Holland als erstes westliches Land den Kampf um seine Identität.Von Dirk Schümer Wo der Regisseur Theo van Gogh am 2.

          Gespenstische Stille in Amsterdam: Der Filmemacher Theo van Gogh verlor sein Leben beim heiklen Balanceakt zwischen Ironie und Beleidigung. Mit jenen, die aus dem Koran blutigen Ernst machen, will sich seither niemand mehr anlegen. So verliert das tolerante Holland als erstes westliches Land den Kampf um seine Identität.

          Von Dirk Schümer Wo der Regisseur Theo van Gogh am 2. November 2004 ermordet wurde, wo der Fundamentalist Mohammed Bouyeri ihn erst niederschoss, um ihm dann die Kehle durchzuschneiden, wird nie ein Denkmal stehen. Anfangs lagen Blumen an der belebten Linnaeusstraat im Osten Amsterdams, aber direkt neben dem Stadtteil-Rathaus hatte nicht einmal ein bemühtes Wandbild Überlebenschancen; es wurde mehrfach überpinselt. Schließlich verkündete der Stadtrat, man werde auf ein Monument für Theo van Gogh verzichten, weil "dies die Gefühle der marokkanischen Einwanderer verletzen könnte".

          So trist wie wahr. Erst der Entrüstungssturm danach zeugte von der Umwälzung, die Holland seit den politischen Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh durchgemacht hat. Schließlich einigte man sich auf ein Standbild im nahe, aber auch abgelegenen Oosterpark, durch den der Mörder damals schwerbewaffnet floh - mit der vergeblichen Utopie, sich nach weiteren Morden von der Polizei erschießen zu lassen. Vor kurzem haben die Ratsleute von Oost-Watergraafsmeer endlich entschieden, was im Spätsommer zwischen den traurigen Polderbäumen aufgestellt wird: kein Riesenkaktus - des Ermordeten Kultpflanze, die er seine Talkshowgäste küssen ließ - und auch keine paffende Gigantozigarette des "gesunden Rauchers", als den sich van Gogh auf seiner gleichnamigen Website pries. Und in der Tat ist er ja nicht am Nikotin gestorben. Doch das Monument des Berufsprovokateurs fällt nun ganz anders aus, als er selbst war, nämlich konventionell und einfühlsam: eine mehrfache Silhouette von der Hand des Bildhauers Jeroen Henneman, erst mit geschlossenem Mund, am Ende mit einem Schrei.

          Auch der niederländische Amerikaner Ian Buruma hat van Gogh ein Denkmal gesetzt. Seine Studie, die jetzt in Deutschland unter dem Titel "Die Grenzen der Toleranz" erschienen ist und bereits eine internationale Debatte über die Einwanderung und den religiösen Fundamentalismus entfacht hat, dröselt die unglaublichen biographischen Fäden im holländischen Gesellschaftsdrama der letzten Jahre mit Scharfblick auseinander. Es klingt beinahe wie die schrille, mörderische Muslim-Seifenoper, die Theo van Gogh zwei Jahre vor seinem Tod drehte: Da ist der schwule Populist Pim Fortuyn, der gegen die Islamisierung der Gesellschaft wettert und gleichzeitig davon schwärmt, "mit Arabern ins Bett" zu gehen. Da ist sein Mörder, der calvinistische Veganer Volkert van der Graaf, der den erfolgreichen Politiker ein paar Tage vor dem triumphalen Wahlsieg auf dem Gelände des Staatsfernsehens erschießt und nun aus dem Gefängnis sogar seine Gutachter in immer neue Prozesse verwickelt.

          Weitere Themen

          Fremde in unserer Mitte

          Einwanderung : Fremde in unserer Mitte

          Jetzt sind sie da, die Migranten. Es kommen noch mehr. Da wird man doch grundsätzlich werden dürfen: Wen wollen wir reinlassen? Und wie viel Assimilation verlangen wir?

          Topmeldungen

          Bereits bei Wahlkampfauftritten der Kanzlerin hatte es in Sachsen massive Proteste gegen Merkel gegeben.

          AfD-Hochburg : Das macht ihnen Angst

          Nirgends ist die AfD so stark wie in Ostsachsen. Manche fühlen sich dort von der Politik vergessen. Doch das sind nicht nur zornige alte Männer.
          Arbeiter transportieren in Berlin ein CDU-Plakat ab.

          Ist Merkel schuld? : Bloß kein Scherbengericht in der CDU

          Die CDU drückt sich fürs Erste um eine tiefere Analyse ihres historisch schlechten Ergebnisses. Doch Merkels Partei steht nun vor riesigen Herausforderungen.

          Kanzlerkandidat a.D. : Noch schont die SPD Schulz

          Am Tag nach dem historischen Wahldebakel beginnt in der SPD die Suche nach Fehlern, Konsequenzen und Schuldigen. Auch wenn es keiner offen ausspricht, ist die Machtbasis von Ex-Kanzlerkandidat Schulz wacklig.
          „Epochale Herausforderungen“: Horst Seehofer am Montag in München

          Selbstverständnis der CSU : Ein Hauch von Kreuth

          Franz Josef Strauß hätte es geschüttelt angesichts des Zustands der CSU nach der Wahl. Die Partei ringt um Orientierung – und die Kritik an Horst Seehofers Kurs wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.