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Veröffentlicht: 17.03.2007, 12:00 Uhr

Holland in Not

Gespenstische Stille in Amsterdam: Der Filmemacher Theo van Gogh verlor sein Leben beim heiklen Balanceakt zwischen Ironie und Beleidigung. Mit jenen, die aus dem Koran blutigen Ernst machen, will sich seither niemand mehr anlegen. So verliert das tolerante Holland als erstes westliches Land den Kampf um seine Identität.Von Dirk Schümer Wo der Regisseur Theo van Gogh am 2.

Gespenstische Stille in Amsterdam: Der Filmemacher Theo van Gogh verlor sein Leben beim heiklen Balanceakt zwischen Ironie und Beleidigung. Mit jenen, die aus dem Koran blutigen Ernst machen, will sich seither niemand mehr anlegen. So verliert das tolerante Holland als erstes westliches Land den Kampf um seine Identität.

Von Dirk Schümer Wo der Regisseur Theo van Gogh am 2. November 2004 ermordet wurde, wo der Fundamentalist Mohammed Bouyeri ihn erst niederschoss, um ihm dann die Kehle durchzuschneiden, wird nie ein Denkmal stehen. Anfangs lagen Blumen an der belebten Linnaeusstraat im Osten Amsterdams, aber direkt neben dem Stadtteil-Rathaus hatte nicht einmal ein bemühtes Wandbild Überlebenschancen; es wurde mehrfach überpinselt. Schließlich verkündete der Stadtrat, man werde auf ein Monument für Theo van Gogh verzichten, weil "dies die Gefühle der marokkanischen Einwanderer verletzen könnte".

So trist wie wahr. Erst der Entrüstungssturm danach zeugte von der Umwälzung, die Holland seit den politischen Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh durchgemacht hat. Schließlich einigte man sich auf ein Standbild im nahe, aber auch abgelegenen Oosterpark, durch den der Mörder damals schwerbewaffnet floh - mit der vergeblichen Utopie, sich nach weiteren Morden von der Polizei erschießen zu lassen. Vor kurzem haben die Ratsleute von Oost-Watergraafsmeer endlich entschieden, was im Spätsommer zwischen den traurigen Polderbäumen aufgestellt wird: kein Riesenkaktus - des Ermordeten Kultpflanze, die er seine Talkshowgäste küssen ließ - und auch keine paffende Gigantozigarette des "gesunden Rauchers", als den sich van Gogh auf seiner gleichnamigen Website pries. Und in der Tat ist er ja nicht am Nikotin gestorben. Doch das Monument des Berufsprovokateurs fällt nun ganz anders aus, als er selbst war, nämlich konventionell und einfühlsam: eine mehrfache Silhouette von der Hand des Bildhauers Jeroen Henneman, erst mit geschlossenem Mund, am Ende mit einem Schrei.

Auch der niederländische Amerikaner Ian Buruma hat van Gogh ein Denkmal gesetzt. Seine Studie, die jetzt in Deutschland unter dem Titel "Die Grenzen der Toleranz" erschienen ist und bereits eine internationale Debatte über die Einwanderung und den religiösen Fundamentalismus entfacht hat, dröselt die unglaublichen biographischen Fäden im holländischen Gesellschaftsdrama der letzten Jahre mit Scharfblick auseinander. Es klingt beinahe wie die schrille, mörderische Muslim-Seifenoper, die Theo van Gogh zwei Jahre vor seinem Tod drehte: Da ist der schwule Populist Pim Fortuyn, der gegen die Islamisierung der Gesellschaft wettert und gleichzeitig davon schwärmt, "mit Arabern ins Bett" zu gehen. Da ist sein Mörder, der calvinistische Veganer Volkert van der Graaf, der den erfolgreichen Politiker ein paar Tage vor dem triumphalen Wahlsieg auf dem Gelände des Staatsfernsehens erschießt und nun aus dem Gefängnis sogar seine Gutachter in immer neue Prozesse verwickelt.

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