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: Holland in Not

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Die Kritik am "Kohlgeruch" der frühen fünfziger Jahre, am Wiederaufbau und am konfessionellen Anstand, der nun endlich wieder alle Niederländer zusammenschweißen soll, ließe sich aber durchaus noch zuspitzen. Kann man Zuwanderern tatsächlich Erbsensuppe und Rembrandt, protestantische Ethik und Johan Cruijff als Leitlinien vorgeben, während die Mehrheit der Niederländer sich mit Pasta und Porno, Karibikurlaub und Tennisclub seit langem lustvoll davon freigemacht hat? Und ist es nicht ungemein heuchlerisch, wenn Premier Balkenende unablässig von Gewaltfreiheit redet, sich aber partout nicht für die von ihm inszenierte Kriegsbeteiligung Hollands im Irak verantworten will? Die Illusion von einem toleranten und offenen Holland bricht in den Eruptionen der letzten Jahre ohnehin weg. Während man nach innen Frieden und Gewaltlosigkeit pflegte, konnte man eben - anders als der beäugte und gern verhasste Nachbar Deutschland - die eigene Gewalt bequem in die Kolonien exportieren. Immerhin hat Holland bis nach dem Zweiten Weltkrieg das größte islamische Land der Welt, Indonesien, über Jahrhunderte mit Feuer und Schwert nach Kräften ausgebeutet. Kann eine solche Vergangenheit wirklich zum Leitbild für fromme Muslime werden, damit sie stolz und willig die Drecksarbeiten übernehmen?

Ian Buruma, der zu alldem wenig Worte verliert, ist immerhin die kluge Beobachtung zu verdanken, dass alle Protagonisten des holländischen Dramas ihre politische Laufbahn bei den Sozialdemokraten begonnen haben, Van Gogh ebenso wie sein Mörder, Fortuyn wie dessen Mörder und sogar Hirsi Ali, die aus dem kleinen Holland entkam und nun größere Ziele verfolgt. Sie alle sind - mit komplett unterschiedlichen Resultaten - vom einstigen Mainstream, vom Idealismus des Fortschritts in die Radikalität getrieben worden. Das ist eine beunruhigende Koinzidenz. Darum wirkt es auch ziemlich flau, wenn Buruma am Ende seine "Grenzen der Toleranz" wieder ganz konventionell zieht - als hege er einen holländischen Tulpengarten: Die muslimischen Mädchen werden sich früher oder später irgendwie emanzipieren, die Kultur der Aufklärung kommt für traditionelle Einwanderer etwas schnell, und zur Not muss man eben doch etwas tolerant gegenüber der Intoleranz sein. Das klingt nach der verzweifelten Linie des Amsterdamer Bürgermeisters Job Cohen, der, um Toleranz werbend, von Moschee zu Moschee zieht und schon froh ist, wenn er seine Stadt einigermaßen zusammenhalten kann.

Toleranz wie im Tulpengarten.

Aber die Sensoren - ob im Geheimdienst, der immer radikalere Jugendliche überwacht, oder in den Medien - deuten derzeit in eine ganz andere Richtung. Nach dem Mord an Van Gogh trauen sich muslimische Mädchen kaum mehr in die Discos oder treffen auf fromme Rollkommandos, Schwule werden immer öfter zusammengeschlagen - das berichten die coolsten Rotterdamer Dejays und planen jetzt, nach Spanien auszuwandern. Und ein ehemals links-idealistischer Lehrer veröffentlichte im "NRC Handelsblad" seine Erfahrungen an einer "schwarzen", von Immigrantenkindern geprägten Schule: keine Berührungen, keine Gespräche, dafür Kopftücher und viel Hass. Er wechselte dann an ein Elitegymnasium und musste weinen, als er sah, wie Jungen und Mädchen einander ganz harmlos in den Arm nehmen konnten - etwas, das er im Dorado der Toleranz jahrelang nicht mehr erlebt hatte.

Irgendwo zwischen diesen immer weniger werdenden "Hockeykindern" und den immer zahlreicher werdenden Jugendlichen der zweiten Generation, die den Mörder Mohamed Bouyeri als Idol verehren, muss sich das Schicksal der westlichen Einwanderungsländer entscheiden, und es ist leider unwahrscheinlich, dass diese Entscheidung ohne große Härten fällt. Theo van Gogh machte sich über die hilflose Suche nach Konsens noch mit einem bissigen Buch lustig: "Allah weiß es besser". Auf dem Titelblatt posierte er selbst mit einem komischen Palästinenser-Turban. Sein Mörder trug beim Prozess das gleiche Tuch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2007, Nr. 65 / Seite Z1

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