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: Holland in Not

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Da ist die somalische Asylantin Ayaan Hirsi Ali, die sich den Film "Submission" mit frauenfeindlichen Koranzitaten auf nackter Haut ausgedacht hat; Theo van Gogh ist für das unbeholfene Werk an ihrer Statt gestorben, und Hirsi Ali wurde zur bekanntesten Niederländerin. Kurzzeitig stand ihre Staatsbürgerschaft in Frage, weil sie aus Angst bei der Einwanderung einen anderen Namen angegeben hatte, dann klagten sie Nachbarn wegen des Personenschutzes aus der Wohnung; jetzt arbeitet sie, ohne Rückfahrticket angereist, in Amerika bei einer konservativen Denkfabrik. Und da ist der Fanatiker Mohammed Bouyeri, der als Kommunalpolitiker bestens integriert schien, sich aber an muslimischen Killervideos und fanatischen Predigten berauschte und später im Prozess sich nicht verteidigen mochte, weil er die Demokratie hasst. Nur Arabisch kann er nicht, aber er dürfte jetzt ohne Aussicht auf Haftverschonung Jahrzehnte genug Zeit haben, die Sprache des Korans zu lernen.

Buruma nimmt sie - und viele spannende Nebenfiguren - in den Blick, um dadurch eine der Schlüsselfragen westlicher Zivilisation zuzuspitzen: Kann die liberale Demokratie mit Einwanderern überleben, die sie demographisch für ihren Wohlstand benötigt, die aber zugleich die Fundamente der Gewaltlosigkeit, des Rechtsstaats und der Menschenrechte verteufeln? Wer sich in diesen Tagen in Holland umschaut, ist verwundert, wie wenig von Theo van Gogh noch die Rede ist. Sein alter Kumpan Theodor Holman erzählt im Radio fast nostalgisch von den Drogenpartys und dem exorbitant guten Weingeschmack des gargantuesken Regisseurs; heute trinkt Holman nur mehr Wasser und braucht Pillen gegen die Depression. Aber sonst ist der Mord an van Gogh wohl darum ein Nebenthema, weil die Entwicklung das grausame Ereignis überspült hat. In keinem europäischen Land, Frankreich inklusive, ist die Verpuppung der westlichen Zivilisation unter dem Einfluss der islamischen Bedrohung ähnlich weit fortgeschritten.

Während die deutschen Leser Burumas verständnisvolles Panorama als Aktualität vorgelegt bekommen, haben die Niederlande eine weitere Neuwahl hinter sich, bei der eine antiislamische Neugründung rasante Gewinne einfuhr. Der sozialdemokratische, aus Marokko stammende Politiker Ahmed Aboutaleb, dem Buruma ein hoffnungsvolles Kapitel widmet, ist inzwischen Staatssekretär im neuen Kabinett einer großen Koalition und wurde - gemeinsam mit einer türkischstämmigen Kollegin - bereits von der rechten Galionsfigur Geert Wilders mit großer öffentlicher Zustimmung attackiert: Warum haben diese Politiker eine doppelte Staatsbürgerschaft und dürfen - bei einklagbarer Loyalität zum Herkunftsland - sogar über die Einwanderung von Türken und Marokkanern nach Holland entscheiden? Wilders, Fortuyns blasserer, doch legitimer Nachfolger, kommt bei Buruma kaum vor, doch ist es gerade dieser blondierte, frischgeföhnte Wirtschaftsliberale und Antieuropäer, der jetzt die "Grenzen der Toleranz" definiert, wenn er unter Personenschutz den Koran als intolerantes Machwerk abtut: Er wolle kein Holland, das von Zuwanderern dominiert werde, die ihre Werte und Gebräuche aus diesem kruden Text schöpfen.

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