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Holger Afflerbach: Die Kunst der Niederlage : Wer schützt den Verlierer vor der Willkür?

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Bild: Beck'sche Reihe

Ehre, Ruhm, Gewinn und Recht: Holger Afflerbach geht der Frage nach, wie Kriegsparteien sich auf Sieg und Kapitulation verständigen.

          Die Kapitulation wird unterschätzt - zumindest in der Geschichtsschreibung. Umso erhellender ist das Buch des in Leeds lehrenden Historikers Holger Afflerbach. Es geht in pointierter Darstellung geradezu zeitlosen Fragen der Kriegsgeschichte nach: Welchen Einsatz erbringt der Einzelne in einem Konflikt? Wie lange kämpft er? Wann und warum gibt er den Kampf auf? Welche Möglichkeiten räumt die absehbar siegreiche Seite der unterlegenen ein, den Kampf aufzugeben? Diese Fragen verbindet Afflerbach mit anderen Aspekten des Krieges wie der Weiterentwicklung der Waffentechnik und militärischen Neuerungen.

          Afflerbach geht es um das Verhältnis zwischen soldatischer Ehre und Überlebenstrieb, zwischen den Bedingungen, die der Sieger stellt, und der Bereitschaft des Verlierers, sie zu akzeptieren. Den geographischen Schwerpunkt seiner Studie legt er dabei auf Europa. Soldatische Ehrvorstellungen und ihr mögliches Extrem - den Kampf bis zum Tod - werden als Maßstab herangezogen, um die Mechanismen aufzuzeigen, die dieses Extrem nicht immer, aber oft verhindert haben. So sorgten egoistische und eigensüchtige Motive der Kämpfenden - der Sieger wie der Verlierer - im Normalfall dafür, dass es zum Äußersten nicht kam. Internationale Regelwerke und gesetzliche Bestimmungen gegen Exzesse kamen hingegen erst sehr spät zum Tragen und kodifizierten nach Afflerbachs in vielen Fällen nur das, was sich bereits eingespielt hatte.

          Zwischen Selbsterhaltungstrieb und Trotz

          Wie wenig selbstverständlich die Einigung ist, den Kampf an einem bestimmten Punkt abzubrechen, macht Afflerbach an einer Reihe von Beispielen deutlich. Zu keiner Zeit ist sicher gewesen, dass der Sieger die Empathie und Selbstkontrolle aufbrachte, den sich Ergebenden am Leben zu lassen. Auch hatte der Sieger kein Interesse an einer Kapitulation des Verlierers, wenn etwa ein Söldnerheer nach langer und verlustreicher Belagerung eine Stadt erobert hatte und sich für die vorangegangenen Entbehrungen rächen und durch Plünderung bereichern wollte.

          Immer wieder kann Afflerbach, von den frühesten Anfängen der Überlieferung bis in die Gegenwart, bei der schwächeren Kriegspartei das Ringen zwischen Selbsterhaltungstrieb und Trotz beobachten. Des Autors Ritt durch die Kriegsgeschichte zeigt, dass die meisten Soldaten überleben wollten, ganz gleich, wie schlecht ihre Umstände nach der Niederlage auch sein mochten. Denn diese hatte weitreichende und oftmals sehr negative Auswirkungen auf das weitere Leben des Unterlegenen. Und dies Perspektive wiederum beeinflusste den Charakter des Kampfes ganz unmittelbar. Wenn Mäßigung von Seiten des Siegers nicht zu erwarten war und die Niederlage zugleich die Versklavung oder Tötung des Verlierers bedeutete, wurde mitunter sehr lange und sogar bis zum Tod gekämpft.

          Ruhm als Lohn des Soldaten

          Politische Fragen und Kriegsziele hält Afflerbach zwar nicht für irrelevant. Aber sie werden nach seinen Beobachtungen in den Augen des kämpfenden Soldaten von einem sehr viel elementareren Problem überlagert: „Für ihn geht es um Leben und Tod, und zwar von Anfang an und nicht erst in dem Augenblick, in dem die Niederlage seiner Partei offensichtlich ist.“

          Sieg und Niederlage im Krieg haben für Afflerbach viel mit Ehre zu tun, die zusammen mit Ruhm als Lohn des Soldaten dient. Beides wiederum präge den Charakter des Krieges als eines „Spiels mit Spielregeln“, in dem es dem Unterlegenen möglich sei, „ehrenvoll“ zu kapitulieren, wenn er sein Äußerstes getan habe. Dies gilt freilich nur für Waffengänge, die Afflerbach als „systemische“ Kriege bezeichnet, in denen Regeln akzeptiert werden. Der „systemische“ Krieg regelt, wann die Niederlage offensichtlich ist und beide Seiten dieses Faktum zu akzeptieren haben. Hingegen kennt der „unsystemische“ Krieg nur die diktierten Regeln des Stärkeren.

          Wandel der westlichen Mentalitäten

          Vor diesem Hintergrund wird bei Afflerbach die „Kunst der Niederlage“ sichtbar, wie sie sich in der europäischen Geschichte allmählich herausgebildet hat. Zuerst vom Raubmord der Vorgeschichte, bei dem der Gegner aus dem Hinterhalt umgebracht und anschließend ausgeplündert wurde, zum brutalen Krieg der Antike, in dem „vae victis“ und „siegen oder sterben“ als Maxime galten. Im Mittelalter entstand dann eine - allerdings auf die Oberschicht adeliger Krieger begrenzte - Regelung von Sieg und Niederlage, die dem Sieger ökonomischen Gewinn und dem Besiegten Leben und Unversehrtheit garantierte. Dies galt ab der frühen Neuzeit ebenfalls für ganze Heere - ein Fortschritt, der in der Französischen Revolution kodifiziert wurde und weitreichende Schutzbestimmungen nach sich zog, die den Verlierer vor der Willkür des Siegers schützen sollten.

          In den Weltkriegen schließlich standen fortgeschrittene rechtliche Regelungen einem gewaltigen patriotischen Opfergeist gegenüber, was zwischen 1939 und 1945 zu unterschiedlichem Verhalten bei Niederlagen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen führte. Seit dem Zweiten Weltkrieg konstatiert der Autor eine weiter fortschreitende Bindung und auch Selbstbindung des Siegers nicht zuletzt durch öffentliche Kontrolle und einen Wandel der Mentalitäten - zumindest im Westen.

          Mit diesem historischen Bogen belegt Afflerbach seine These, dass zumindest in der westlichen Hemisphäre das Eigeninteresse der kriegführenden Parteien Exzesse und Regelverstöße normalerweise abstrafte und sich durch Verrechtlichung Verbesserungen ergaben.

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