18.11.2009 · Hunde schauen uns an, ihre Augen sprechen von den Höhen und Tiefen unserer zivilisatorischen Entwicklung. Nüchtern und ab und zu auch ironisch-belustigt zeichnen Nicole Hoefs und Petra Führmann die Kulturgeschichte des Hundes nach.
Von Ernst Horst„Lesen, Staunen, Weiterlesen - Dieses Buch legen Hundefreunde nicht aus der Hand.“ Manchmal beschreibt die Verlagswerbung ein Buch sogar unerwartet gut. „Auf Hundepfoten durch die Jahrhunderte“ von Nicole Hoefs und Petra Führmann ist solides Infotainment. Menschen und Hunde verbindet eine viele Jahrtausende lange gemeinsame Vergangenheit. Wir haben den Wolf domestiziert, oder vielleicht war es auch umgekehrt. Im Verlauf der Evolution sind wir einander immer ähnlicher geworden. Für Bello bin ich der Leitwolf, für mich ist er ein weiteres Familienmitglied, ein Sohn oder ein Bruder. Hunde spielen so eine wichtige Rolle in der Alltagskultur.
Woher wissen wir eigentlich über die Hunde im alten Griechenland Bescheid? Es gibt schriftliche Überlieferungen. Gleich bei Homer findet man schon Argos, den Jagdhund des Odysseus, der als Einziger seinen Herrn nach seiner zwanzigjährigen Abwesenheit noch erkennt, eine so rührselige Geschichte, dass man noch heute damit Schnee zum Schmelzen bringen könnte. Hunde werden so oder ähnlich immer wieder nebenbei erwähnt, man muss das nur gründlich zusammensuchen. Dazu kommen Artefakte, Vasenbilder, Statuen aus Erz und so weiter. Aufwendige Grabmale für Hunde existieren nicht erst, seit die Filmstars in Hollywood zu viel verdienen, es gab sie schon vor zweitausend Jahren. Bereits Theophrastos, ein Schüler des Aristoteles, wetterte gegen solche Narrenpossen.
Ein Jagdhund verzehrte so viel wie ein Leibeigener
Nachdem sie die Antike abgehandelt haben, bewegen sich die Autorinnen mit Siebenmeilenstiefeln durch die Vergangenheit. Sie erwähnen kurz die Völkerwanderungszeit und berichten dann über das Mittelalter. Hier ist das große Thema das Jagdprivileg des Adels. Der Hauptgrund für die Jagd war nicht so sehr die Versorgung mit tierischem Eiweiß, vielmehr wollten sich die hohen Herren richtig austoben, um sich vom Regieren zu erholen.
Dafür wurde ein gewaltiger Aufwand getrieben, auch was die Hunde betrifft. Ein Jagdhund verzehrte am Tag ungefähr so viel wie ein Leibeigener. Bei den Bürgern und Bauern war der Besitz von Hunden hingegen nicht so gern gesehen, sie durften diese oft noch nicht einmal einsetzen, wenn die Wildsäue die Äcker verwüsteten. Der Beruf des Jagdknechtes galt als so anspruchsvoll, dass die Ausbildung schon im zarten Alter von sieben Jahren begonnen wurde und dann auch sieben Jahre dauerte.
Hundefreunde vom alten Fritz bis zum eisernen Kanzler
In der Neuzeit wurden immer mehr Bereiche des täglichen Lebens von den Tieren erobert. Vielen berühmten Persönlichkeiten wurden sie zu den Freunden, die ihnen unter den Menschen fehlten. Man denke nur an die Windspiele Friedrichs des Großen und an die Doggen Bismarcks. Meistens bevorzugten die Damen kleinere Luxusrassen, während die Herren Imposanteres vorzogen. Eine Ausnahme war die Kaiserin Elisabeth von Österreich, die sich gleich einen Leonberger anschaffte. Richard Wagner ließ seinen Bernhardiner im Städtischen Krankenhaus von Bayreuth operieren. Die medizinische Versorgung der Vierbeiner war auch sonst gesichert. In Berlin wurden schon um 1900 Mopsbrillen „in jeder Schärfe“ feilgeboten.
Deprimierend war und ist der Missbrauch der Hunde in den Kriegen der Menschen, vor allem in den beiden Weltkriegen. Das Leben eines Sanitäts- oder Meldehundes verlief ähnlich wie das eines Soldaten, von der Musterung und Grundausbildung bis hin zum eventuellen Begräbnis mit militärischen Ehren. Es gab sogar U-Boot-Hunde und Hunde mit Gasmaske. In Nazideutschland forderte nach einer Hundemusterung ein Hauptmann der Wehrmacht, möglichst nur noch Rassehunde zu halten, alles andere wäre Vergeudung des Volksvermögens. Nachdem die Hunde so helfen mussten, den Krieg zu verlängern, und damit indirekt auch an der Vergrößerung der Zahl der Krüppel mitwirkten, konnten sie dann zum Ausgleich nach 1945 als Blindenhunde auch an der Milderung der Kriegsfolgen mitwirken. Das dürfte ihnen deutlich besser gefallen haben, als unter Beschuss nach Verwundeten zu suchen.
Bellende Filmhelden
Im Weiteren erhalten wir gediegene Informationen über Hunde im Film. Rin Tin Tin, Lassie (die übrigens immer von Männchen gespielt wurde) und natürlich Kommissar Reginald von Ravenhorst, genannt Rex, der etwas gerissener ermittelte als seine Kollegen im Inspektorenrang. Manch einer kaufte sich nach dem Fernsehabend einen Deutschen Schäferhund und war dann ob seiner geringen Intelligenz enttäuscht. Dabei ist ja auch nicht jeder menschliche Rüde ein Tarzan oder ein James Bond. Der Schluss des Buchs beschäftigt sich mit den Hunden der indigenen Völker in Afrika und Amerika. Hunde besaßen die Indianer ja bereits vor Kolumbus, während Winnetous edles Ross von den Pferden der Bleichgesichter abstammte. Das Verhältnis all dieser Naturvölker zu ihren Hunden war genauso vielfältig und komplex wie bei den Zivilisationen, von denen wir vorher gelesen haben. Vermisst habe ich hier allerdings die Dingos im Süden und die Schlittenhunde im hohen Norden, über die man ja auch viele aufregende Geschichten zu lesen oder zu sehen bekommt.
Nicole Hoefs und Petra Führmann sind erfahrene Hunde-Profis. Sie haben die „Aschaffenburger Hundeschule“ gegründet und auch schon diverse Werke zum Thema geschrieben. Ihr Stil ist nüchtern und ab und zu auch ironisch-belustigt. Oft hat man das Gefühl, dass hier von einem Standpunkt in der Mitte zwischen den Spezies berichtet wird. Die Menschen sind dabei nicht wichtiger als die Hunde. Vielleicht werden sie deshalb manchmal schon fast anonym nur als „ein Herzog in Südwestdeutschland“, „ein bayerischer Kurfürst“ oder „Betreiber eines Heimatmuseums“ bezeichnet.
Wenn Hunde mehr Interesse an Büchern hätten, würden sie solche wie dieses schätzen.