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Hitler-Biographie : Das Monstrum kam aus der Mitte der Gesellschaft

Das Ornament der Masse: Adolf Hitler bei einem Treffen der SA in Dortmund, 9. Juli 1933 Bild: AKG

Der erste Band von Volker Ullrichs Hitler-Biographie behandelt die „Jahre des Aufstiegs“. Das meisterliche Buch macht mit vielen neu erschlossenen Quellen deutlich, wie wenig außergewöhnlich dieser Lebensweg zunächst verlief.

          Warum noch ein monumentales Hitler-Buch, nach der magistralen, stilistisch so glanzvollen Biographie von Joachim Fest (1973), nach dem immerhin unverächtlichen Buch von John Toland (deutsch 1977) und nach Ian Kershaw (1998, 2000)? Auf welche Frage antwortet Volker Ullrich? Ganz einfach gesagt: Er war der trivialisierenden Erklärungen und Deutungen von Hitlers Untaten überdrüssig geworden, die im vergangenen Jahrzehnt eher zu- als abnahmen. Was hörte man nicht alles von der verdrängten Homosexualität (Lothar Machtan, „Hitlers Geheimnis. Das Doppelleben eines Diktators“, 2001) oder schlechthin von Asexualität (hier erübrigen sich die Belege aus der populären wie der Sachliteratur, so zahlreich sind sie).

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Dazu kam der Versuch Thomas Webers, Hitlers soldatische Leistungen im Ersten Weltkrieg zu entzaubern – mit denen es gar nicht so weit her gewesen sei („Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit“, 2011). Nimmt man hinzu, dass auch im Fernsehen erst seit kurzem jene Passagen aus Hitlers Reden gezeigt werden, in denen er nicht als das brüllende Monstrum geradewegs wie aus Chaplins „Großem Diktator“ erscheint, dann hat man ungefähr das historische Bild zusammen, von dem Ullrich sich absetzen wollte.

          Das Versager-Image greift zu kurz

          Mit guten Gründen. Und nur deshalb geht er so ausführlich auf den „Menschen“ Hitler ein und widmet dem Thema „Hitler und die Frauen“ ein eigenes Kapitel. Nämlich nicht aus voyeuristischem Begehren, sondern, um es sich nicht zu einfach zu machen mit dem „Führer“. Man wird mit ihm nicht so leicht fertig, wie es die Legende vom Teppichbeißer glauben machen wollte. Man kann ihn nicht einfach entsorgen als Ungeheuer, das aus den unbekannten Tiefen über die Deutschen kam wie Godzilla. Deshalb – und nur deshalb – findet man bei Ullrich auch Sätze über die „volltönende, registerreiche Stimme“, die „natürliche Kraft seiner Baritonstimme“. Und deshalb kommt Ullrich zu einem abgewogenen Urteil über den Soldaten des Ersten Weltkriegs. Sinnlos wäre es, die Auszeichnungen wegdisputieren und dekonstruieren zu wollen: Eisernes Kreuz II.Klasse, Militärverdienstkreuz III.Klasse, Regimentsdiplom für hervorragende Tapferkeit, Verwundetenabzeichen in Schwarz mit Schwertern, Eisernes Kreuz I.Klasse, Dienstauszeichnung 3.Klasse.

          Schon Ludolf Herbst hat in einer bedeutenden, leider fragmentarisch gebliebenen Studie („Hitlers Charisma: Die Erfindung eines deutschen Messias“, 2011) auch die implizite These von Joachim Fest versuchsweise umgedreht. Geht man einmal nicht von dem Bild des jugendlichen Versagers aus, dem die Aufnahme in die Akademie verweigert wurde, fragt also nicht danach, was Hitler, der Schulabbrecher, nicht gelernt hat, sondern was er sich in seiner Jugend tatsächlich aneignen konnte – schon wird die Wagner- und Kunstbegeisterung, wird das Prekariatsleben im Männerheim zum Schlüssel. Von Wagner prägte sich ihm die Kunst der Inszenierung ein, aus dem Männerheim aber die Lage der unteren Schichten, deren Sprache und Gedanken er verstand wie kein anderer Politiker seiner Zeit.

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