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Historische Anthropologie : Wie ein vierfüßiges Tier

  • -Aktualisiert am

Wilde, vermeintlich von Tieren aufgezogene Kinder zogen in der frühen Neuzeit viel Aufmerksamkeit auf sich: An ihnen versuchte man anthropologische und philosophische Thesen zu belegen. Ein Band versammelt nun zwölf prominente Fälle.

          Zu sehen ist kein Kind, sondern ein bärtiger Mann inmitten einer bukolischen Landschaft. Er scheint zu blinzeln, die rechte Hand ruht auf seinem Knie. Ein Mensch, der offenbar mit sich im Reinen ist. Rätselhaft scheinen dagegen die Kastanien, Nüsse und Steine, die vor seinen Füßen kleine Häuflein bilden. Erst die Inschrift auf einem Kleidungsstück auf dem Boden gibt die Identität des Porträtierten preis: Peter von Hameln. Der Stich, der in der National Portrait Gallery in London zu sehen ist, trägt den Titel "Wild Boy".

          Er war im achtzehnten Jahrhundert in England fast so bekannt wie später Kaspar Hauser. Doch gefunden hatte man diesen Wolfsmenschen auf dem Kontinent, genauer gesagt in der Nähe eines Ortes, der bereits durch seine Rattenfänger-Geschichte weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wurde. Das war im Jahr 1724. Berühmt wurde der "Wilde Peter", wie ihn die Zeitgenossen nannten, nicht gleich nach seiner Entdeckung, sondern erst als der englische König George I., der 1725 zu Besuch nach Herrenhausen bei Hannover kam, in sein Leben trat.

          Erziehungsversuche scheitern

          Die "Vossische Zeitung" beschreibt dieses Ereignis in einer Sensationsmeldung: "Hannover, den 15. December. Man hat vor wenigen Tagen an Se. Groß-Britannische Majestät zu Herrenhausen einen Jüngling von 14. biß 15. Jahren präsentiret, welchen die Jäger in dem Hamelischen Busche auf Hände und Füßen als ein vierfüßig Thier gehend, und die Bäume mit grosser Geschwindigkeit hinauf kletternd, gefunden haben."

          Wenige Monate später vermeldeten die deutschen Zeitungen, dass Peter von Hameln sich bereits in England befinde, wo der Knabe, der sich so wild gebärdete und keinen menschlichen Laut von sich gab, bald darauf in die Obhut eines bekannten Gelehrten kam. Sein Name: John Arbuthnot, Erfinder des "John Bull", einer bis heute geläufigen Personifikation des englischen Charakters. Doch dessen Erziehungsversuch scheiterte kläglich. Dann wird es still um den "Wilden Peter". Er kommt bei einer Familie auf dem Land unter. Im Alter von sechzig Jahren muss er noch einmal die Reise nach London antreten. Die königliche Familie möchte ihn sehen. Immer noch kann er nicht ein einziges verständiges Wort sprechen. Er stirbt 1785 in Hertfordshire. Sein Grabstein, der noch heute auf dem Friedhof bei der Kirche St. Mary's in Northchurch zu sehen ist, trägt die Inschrift: "Peter the Wild Boy 1785".

          Beliebte „Beweisstücke“

          Peter von Hameln, dessen Geschichte ungemein dicht in den Quellen überliefert ist, war nicht der einzige Vertreter der Spezies homo sapiens ferus, wie Carl von Linné die "Wilden Kinder" in seinem Klassifikationssystem kategorisierte. Der erste bekannte Fall ist der des "hessischen Wolfskinds", das man 1344 im Alter von drei Jahren in der Wildnis der Wetterau gefunden hatte und dessen "Zieheltern" Wölfe gewesen sein sollen. Fast am Schluss einer Liste, die zwölf gut dokumentierte Fälle enthält, steht Victor von Aveyron, der 1797 zum ersten Mal gesichtete Wolfsjunge, dessen Lebensgeschichte François Truffaut 1970 verfilmte.

          Was machte nun den Reiz solcher Fallgeschichten für die Zeitgenossen, aber auch für die Nachwelt aus? Dieser Frage geht eine spannende und materialreiche Essener geschichtswissenschaftliche Dissertation nach. Sie macht deutlich, dass hinter dem Interesse mehr als nur Sensationsgier steckt. Die Fallgeschichten der "Wilden Kinder" lieferten immer wieder Wissenschaftlern angebliches Beweismaterial für philosophische, biologische, anthropologische, pädagogische und sogar politische Hypothesen.

          Der englische Schriftsteller Daniel Defoe beispielsweise sah im Fall des "Wilden Peter" einen Beweis für den Sensualismus, wie ihn beispielsweise John Locke vertrat. So ließen sich nicht nur an diesen speziellen Fall sprach- und vernunfttheoretische Überlegungen anknüpfen, die teilweise auch als Spitze gegen rationalistische Auffassungen zu verstehen sind. Dabei ging es nicht zuletzt um die Frage, ob die Zweifüßigkeit als zentrales Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Tier angesehen werden kann.

          Zuletzt ein Fall für die Pathologie

          In dieser Debatte spielten die "Wilden Kinder", von denen in den Quellen oft berichtet wird, dass sie sich wie Tiere auf allen vieren fortbewegten, als Studienobjekte in der Anthropologie des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Erst später kam man zu dem Schluss, dass sich diese Einzelfälle schlecht für eine Hypothesenbildung eigneten. So argumentierte 1811 der Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach, dass die Geschichten von "Wilden Kindern" nichts wirklich belegten und sich keinesfalls dazu eigneten, den Nachweis für den Naturzustand des Menschen zu erbringen.

          Auf diese Weise wurde Peter von Hameln (und nicht nur er) zu einem Fall für die Pathologie, indem man ihn und seinesgleichen - in der Sprache der Zeitgenossen - zu "Idioten" oder "Imbezilen" machte. Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts trat Bruno Bettelheim erstmals mit der These an die wissenschaftliche Öffentlichkeit, dass viele der "Wolfskinder" autistisch gewesen sein müssen.

          Bruland gebührt das Verdienst, die vielen Instrumentalisierungsversuche über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten minutiös und teilweise auch spannend dargestellt zu haben. Angesichts jüngster Berichte über den angeblichen Fund eines behaarten Waldmenschen ("Bigfoot") in Amerika wird die Wissenschaft sich wohl weiterhin mit diesem Phänomen befassen müssen.

          Hansjörg Bruland: "Wilde Kinder in der Frühen Neuzeit". Geschichten von der Natur des Menschen. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008. 509 S., 23 s/w Abb., 1 Tab., geb., 49,- €

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