26.02.2007 · Zu den geläufigsten Äußerungen Freuds über den Stellenwert seiner Theorien gehört jene, welche die Psychoanalyse in einer Geschichte großer wissenschaftlicher Kränkungen der menschlichen Eigenliebe auftreten lässt. Zuerst sei mit Kopernikus die Stellung im Weltmittelpunkt verlorengegangen, dann habe ...
Zu den geläufigsten Äußerungen Freuds über den Stellenwert seiner Theorien gehört jene, welche die Psychoanalyse in einer Geschichte großer wissenschaftlicher Kränkungen der menschlichen Eigenliebe auftreten lässt. Zuerst sei mit Kopernikus die Stellung im Weltmittelpunkt verlorengegangen, dann habe Darwin die Sonderstellung gegenüber den Tieren eingeebnet, und schließlich mache die Entdeckung des Unbewussten auch noch unseren Anspruch auf Selbsttransparenz zunichte. Es war die auf eine prägnante Genealogie gebrachte Behauptung, dass sich die Triftigkeit einer Theorie an dem von ihr hervorgerufenen und schließlich gebrochenen Widerstand ablesen lasse. Diese Behauptung war zwar weder mit Blick auf Kopernikus noch auf Darwin haltbar, doch tangierte das kaum die Vorstellung, dass der Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher "Entzauberungen" gerade an deren Entschiedenheit zu messen sei, tiefliegende Züge unseres erprobten Selbstverständnisses zu durchkreuzen.
Die Anziehungskraft dieser Vorstellung besteht auch heute noch, wie ein Blick auf die Debatten über mögliche Konsequenzen der Neurowissenschaften zeigt. Einige Hirnforscher neigen zu denkbar weitreichenden Empfehlungen, unser Selbstbild am Leitfaden neurowissenschaftlicher Einsichten zu revidieren. Die entsprechenden Entzauberungen, insbesondere des freien Willens, werden dabei als Konsequenzen einer wissenschaftlichen Betrachtung präsentiert, die uns tiefsitzende Illusionen raubt. Je unvermeidbarer diese lebensweltlich verankerten Illusionen scheinen, umso spektakulärer ihr naturalistisches Durchbrechen. Mit einem lebensweltlichen Erfahrungsbegriff im Rücken würde wohl alles beim Alten bleiben. Entsprechend muss das Neue als Produkt des Labors auftreten, um für Wirbel zu sorgen.
Michael Pauen kennt die einschlägigen Kontroversen und gehört zu jenen Philosophen, deren Argumentation auf die Entzauberung solcher naturalistischer Entzauberungen hinausläuft. Er hat sie bereits in einigen Büchern dargelegt, die sich um den Nachweis der Vereinbarkeit von naturalistischen Beschreibungen nach neurowissenschaftlichen Standards mit unseren lebensweltlich eingespielten Begriffen von Freiheit, Selbst und Verantwortung bemühen. Die geforderten oder gefürchteten Konsequenzen für unser Selbstbild stellen sich in dieser "kompatibilistischen" Perspektive als unbegründet dar.
In seinem neuen Buch - mit einem etwas groß geratenen Titel, der wohl der Marketing-Abteilung des Verlags geschuldet ist - hat Pauen nun neben diese systematisch angelegte Argumentation einen historischen Abriss gestellt, der erkennbar dasselbe Ziel verfolgt ("Was ist der Mensch?" Die Entdeckung der Natur des Geistes. Deutsche Verlagsanstalt, München 2007. 270 S., br., 19,95 [Euro]). Ein Durchgang von Descartes bis zum deutschen Materialismusstreit im neunzehnten Jahrhundert soll vor Augen führen, dass die wissenschaftlichen Revisionen von zentralen Zügen des Menschenbilds immer Rhetorik geblieben sind.
Pauens Darstellung möchte die einschlägigen Auseinandersetzungen als "naturalistische Mißverständnisse" auflösen. Wo die einen fürchteten und die anderen hofften (oder zumindest zu hoffen vorgaben), dass mit neuen naturalistischen beziehungsweise "materialistischen" Erklärungen menschlicher Fähigkeiten das Selbstbild sich radikal verändern würde, da sieht der Rückblick lediglich das Fortschreiten zu immer besser gelingenden wissenschaftlichen Beschreibungen unserer Dispositionen und Fähigkeiten. Weder hat uns die Physiologie zu Maschinen gemacht, noch wurde nach Darwin der Unterschied zwischen Tier und Mensch verwischt, noch ist es der Hirnforschung gelungen, unsere "Alltagspsychologie" zu zerrütten. Aus dem geschichtlichen Rückblick lässt sich demnach kein Grund zur Befürchtung (oder vielleicht auch Hoffnung) gewinnen, dass sich die basalen Kategorien unserer Selbstbeschreibung, die sich offensichtlich als effizient und haltbar erwiesen haben, in naturalistischen Neubeschreibungen auflösen könnten.
Woher aber dann die Energie, mit der über diese Prognosen und Befürchtungen auch heute noch debattiert und gestritten wird? Neigt eine kompatibilistische Position wie die von Pauen nicht zur Unterschätzung der faktischen Schlagkraft eines Naturalismus, der sich von Pharmaka bis Neurochips in neuen Technologien verkörpert, die zweifellos Rückwirkungen auf unsere Selbstbeschreibungen haben und haben werden? Und lässt sich für diese Entwicklungen nicht eine Beschleunigung prognostizieren, für die keine historische Parallele in Anschlag zu bringen ist?
Über das richtige Maß von Gelassenheit oder Beunruhigung ist freilich schwer zu streiten. Aber vielleicht kann man sich in diesen Auseinandersetzungen darauf einigen, worauf in jedem Fall zu achten sein sollte: Auch wenn die von manchen Neurowissenschaftlern groß inszenierten Breitseiten, die es nicht unterhalb der Widerlegung "des" freien Willens machen, ihr Ziel verfehlen, stehen uns wohl trotzdem interessante Veränderungen an den Konturen unseres Menschenbilds ins Haus. Die naturalistischen Generalattacken wären dann eher als Symptom zu werten, das nicht zuletzt auf den realen Zuwachs technisch-praktischer Verfügungsmöglichkeiten inner- und außerhalb der biowissenschaftlichen Labors verweist. Am sichersten ist die Prognose, dass uns die damit verknüpften gesellschaftlichen Fragen noch anhaltend beschäftigen werden.
HELMUT MAYER