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Amerika-Buch von J.D. Vance : Diesen Weißen geht es ähnlich wie den Schwarzen

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Vorne spricht das Original, doch das Konterfei strahlt auch vom Rücken: Ein Trump-Anhänger bei einer Wahlkampfveranstaltung Anfang November 2016 in Concord, North Carolina. Bild: DAMON WINTER/NYT/Laif

So versteht man Amerika: Der Schriftsteller J.D. Vance führt mit seiner Autobiographie „Hillbilly Elegie“ in eine Welt, der er selbst entkommen konnte. Es ist die Welt der Trump-Wähler.

          Der Wahlsieg Donald Trumps hat den Blick auf lange vergessene gesellschaftliche Gruppen gelenkt – die „zornigen, weißen Männer“, die seit geraumer Zeit in aller Munde sind. Bereits vor der Wahl im November 2016 hatte der Unternehmensberater J.D. Vance mit „Hillbilly Elegie“ eine Autobiographie vorgelegt, die rasch zum Bestseller avancierte. Das hatte einen guten Grund. Offen, klug und lesbar formuliert, in einer Mischung aus sehnsuchtsvoll skizzierter Beschreibung einer lange verlorenen Idylle und kritischer Analyse war es Vance gelungen, die Stimmung all derjenigen weißen Arbeiter nachvollziehbar zu machen, die dann Trump tatsächlich wählten. Seine Hillbillies und Rednecks, also die in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren presbyterianischer Migranten aus Irland und Schottland, die im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert vom nordirischen Ulster über den Atlantik gezogen waren, sind lebensvoll gezeichnet, nicht die medial vermittelten Karikaturen, welche die Ostküsteneliten aus ihnen gemacht haben.

          Man versteht nach der Lektüre, warum diese vergessenen, in Armut und oft genug in Hoffnungslosigkeit lebenden Weißen sich in vielerlei Hinsicht mit den Schwarzen in den Vereinigten Staaten vergleichen. Und warum sie überwiegend konservativ wählen, obwohl für viele weiterhin Bill Clinton, der sich aus einfachen Verhältnissen nach oben durchgeboxt hat, als politischer Held dient. Demgegenüber wirken Politiker wie Barack Obama, Hillary Clinton oder selbst George W. Bush auf sie wie Aliens von einem fremden Stern, elitäre Großkopferte, die mit dem wahren Leben der einfachen Menschen nichts mehr anzufangen wissen. Sie sprechen eine fremde Sprache und verkörpern nicht nachvollziehbare Werte, die sich nicht in die Vorstellungswelt der südstaatlichen Mittelgebirge übersetzen lassen.

          Aus der Zeit gefallen

          Ausdrücklich wird betont, dass die Kritik der iroschottischen Arbeiterklasse an Obama nur wenig mit Rassismus zu tun hat, wie Rassismus in dem Buch überhaupt keine besonders große Rolle spielt, sondern Ausdruck einer fundamentalen, tiefsitzenden kulturellen und sozialen Differenz ist. Die Gemeinschaft, wie sie uns hier entgegentritt, hat dementsprechend so gar nichts mit unserer Vorstellung von den Vereinigten Staaten als Laboratorium der Moderne zu tun. Es ist eine ländliche, in Kleinstädten lebende Gruppe, die sich den Werten der Tradition verpflichtet fühlt. Die meist eine aus vielen Bestandteilen zusammengesetzte Patchworkfamilie, ihre Ehre, ihr streitbares, nicht selten gewalttätiges Eintreten für das eigene Recht, ein eintöniges, materiell armseliges Leben stets am Rande des Gefängnisses (oder darin), all dies macht noch heute die Lebenswelt der Iroschotten aus.

          Das klingt nicht nur vormodern, es ist aus der Zeit gefallen. Selbst die Religion ist nicht die des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Der Protestantismus, wie er in der „Hillbilly Elegie“ geschildert wird, trägt gleichfalls vormoderne, unscharfe und uneindeutige Züge. Im persönlichen Umfeld des jungen J.D. Vance, inmitten der großen Erweckungsbewegung der siebziger und achtziger Jahre, gab es, vom ungeliebten Stiefvater abgesehen, praktisch keine theologisch konservativen, kirchentreuen Evangelikalen. Man war protestantisch, aber mehr intuitiv und unmittelbar auf die eigene Person und ihre Interessen bezogen, undogmatisch und an theologischen Fragen desinteressiert. Viele gingen überhaupt nicht in die Kirche oder banden sich jeweils nur für kurze Zeit an einen Prediger und seine Gemeinde.

          J.D. Vance: „Hillbilly Elegie“. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise.
          J.D. Vance: „Hillbilly Elegie“. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. : Bild: Ullstein Verlag

          Vor allem aber versagt diese Religiosität komplett, wenn es um soziale Probleme geht. Der bible belt zeigt sich in dieser Perspektive sehr viel fluider als gemeinhin angenommen. Folgt man Vance, stand der lautstarke und politisch so aktive evangelikale Fundamentalismus ausgerechnet inmitten seiner engsten Gefolgschaft von Anfang an auf tönernen Füßen. Ähnliches könnte man über den Patriotismus sagen, zu dem sich Vance in dankenswerter Unbefangenheit bekennt. Er ist gefühlsselig, wenig abstrakt, nicht sonderlich aggressiv und oft eher auf mediales Erleben als auf den konkreten Staat und seine Politik ausgerichtet.

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