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: Hier geistert Paulus im Ausnahmezustand von 1957 herum

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Gott sei Dank für die Postmoderne! Da in ihr so allerlei möglich ist, geht es eben auch, daß ein Philosoph ernsthaft die Bibel liest. In mehreren Seminaren in den Jahren 1998/1999 hat sich Giorgio Agamben mit dem Römerbrief des Apostels Paulus beschäftigt. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens, die im ...

          Gott sei Dank für die Postmoderne! Da in ihr so allerlei möglich ist, geht es eben auch, daß ein Philosoph ernsthaft die Bibel liest. In mehreren Seminaren in den Jahren 1998/1999 hat sich Giorgio Agamben mit dem Römerbrief des Apostels Paulus beschäftigt. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens, die im Jahr 2000 auf italienisch und französisch veröffentlicht wurden, liegen nun endlich auch in deutscher Sprache vor.

          Der Ertrag ist erstaunlich: Was von der biblischen Exegese seit der Aufklärung einige Anstrengung fordert - nämlich über Lessings "garstigen Graben" zu springen -, gelingt hier scheinbar mühelos. Der heilige Text ist keine Archivalie, sondern sagt der Gegenwart die Zeit an. Quid de nocte? - "Wie weit ist die Nacht?" (Jesaja 21,11). Es ist höchste Zeit, tönt die Stimme des Veroneser Wächters Agamben.

          Das Hexameron (in der poetischen Form der Sestine mit Schlußstrophe - tornada) des italienischen Philosophen lädt ein zur Lektüre der ersten zehn Wörter des Paulus-Briefes: "Paulus, zum Sklaven des Messias Jesus berufen, als Apostel, ausgesondert für die Verkündigung Gottes", wie Agamben übersetzt. Nur diese zehn Wörter, auf sechs Seminartage verteilt - und doch so viel: Aus der paulinischen Theologie, aus Talmud und Tyconius, Benjamin und Benveniste, Hegel und Heidegger (der in jungen Jahren selbst einmal eine Vorlesung zu Paulus hielt), Schopenhauer und Schmitt (merkwürdigerweise fällt der Name Erik Petersons nicht).

          Natürlich will diese ideen- und assoziationsreiche, bisweilen schwindelerregende Achterbahnfahrt durch die Geschichte des abendländischen Geistes auch das Staunen lehren: Das Publikum hat gezahlt; dem Publikum wird allerlei geboten. Etwa über den "guten Gebrauch des Klatschs" (ausgehend von der Apostelgeschichte des Lukas), über die Gemeinsamkeit von Talmud und Pandekten des Corpus Iuris Civilis, über die Teilung der Linie durch den Schnitt des Apelles oder über die Erfindung des End-Reims (man reibt sich die Augen: Paulus soll es gewesen sein!).

          Aber zuletzt geht es doch nicht um die große Schau, das divertimento oder das Spiel der Intertextualität. Sondern sehr ernsthaft darum, "die Bedeutung der Paulinischen Briefe als grundlegenden messianischen Text der westlichen Kultur wiederherzustellen" und damit die uns bleibende Zeit (1. Korinther 7,29) zu verstehen. Ein letzter Rettungsversuch?

          Mit dem "Messianischen" ist die Kategorie genannt, welche die Brücke über den Graben zu schlagen vermag. Das eine Ende des Bogens ist durch Benjamins Rede vom Messianischen, genauer von der "schwachen messianischen Kraft" (Über den Begriff der Geschichte, These 2), gesetzt. Jacob Taubes hatte in seiner Fragment gebliebenen Vorlesungsreihe zur "politischen Theologie des Paulus" (1993) schon die Beziehung dieses Textes zum Völkerapostel und seiner Rede von der (messianischen) "Kraft in Schwachheit" hergestellt. Agamben nimmt diese Anregung auf: Paulus und Benjamin - die "beiden höchsten messianischen Texte unserer Tradition"!

          Es geht nicht nur um das geistreiche Spiel der Beziehungen, nicht um das unendlich und gelassene Geschäft der Interpretation, sondern um das "Jetzt der Lesbarkeit" und Erkennbarkeit, das heißt um die Wahrnehmung der Krise und des kairos. Der Philosoph als Prophet? Oder arbeitet er schon, durch die poetische Form, an seiner relecture, seiner Kanonisierung? Bisweilen raunt es doch arg in Agambens zum Sprung bereiten Exegesen.

          Der von Paulus verkündete Glaube an den Christos Iesous ist Glaube an den Messias Jesus. Genauer und im Anschluß an Überlegungen Émile Benvenistes zum Nominalsatz: "Messias ist kein Prädikat, das dem Subjekt Jesus hinzugefügt werden könnte, sondern, das untrennbar von ihm ist, ohne deshalb einen Eigennamen zu bilden." Die von Paulus beschriebene Existenz "in Christus" ist also messianische Existenz, die Ekklesia (ein Wort, das man im Sinne Agambens gewiß nicht als "Kirche" verstehen darf!) "messianische Gemeinschaft".

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