Home
http://www.faz.net/-gr6-uadk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hexenwahn Als der Teufel ans Fenster klopfte

27.03.2007 ·  Man kann sich die europäische Kultur ohne Hexen nicht vorstellen. Jetzt hat die Australierin Lyndal Roper ein modernes, intellektuell riskantes Buch über den Hexenwahn geschrieben, das auf alle historischen Klischees verzichtet.

Von Nils Minkmar
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (11)

Wir liegen nicht mehr nachts wach und bangen um unser Seelenheil im Jenseits. Wunder, Zauber und selbst der Teufel haben sich ins Reich der Metaphern verabschiedet, dennoch wissen wir sofort, was gemeint ist, wenn jemand von einer Hexe spricht. Die erste, innige Begegnung im Kinderzimmer verliert sich auch in den Erwachsenenjahren nicht, und diese Begegnung selbst ist ein fernes Echo jener langen, schweren seelischen und sozialen Erschütterungen, die wir als die Epoche der Hexenverfolgungen kennen.

Märchen und Sagen funktionieren manchmal als historische Rohrpost: Der Schauspieler Stephen Fry erzählt in seiner Autobiographie, wie ihn seine Großmutter immer noch mit der Schreckensfigur Boney zu disziplinieren versuchte, der böse Jungs über den Ärmelkanal schleppt, späte und vermutlich letzte Anrufung des Schreckens vor Napoleon Bonaparte in einem britischen Kinderzimmer. Das Drama der Begegnung einer meist älteren einfachen Frau, im Bund mit den finstersten Mächten, und dem theologischen und juristischen Apparat ihrer Verfolger, die Logik der Anklage und die Unmöglichkeit einer wirksamen Verteidigung haben Kunst und Wissenschaft seit den Hochzeiten der Hexenverfolgung ununterbrochen inspiriert und angetrieben.

Ein nahezu avantgardistisches Werk

Man kann sich die deutsche, die europäische Kultur ohne Hexen nicht vorstellen - ohne „Faust“, ohne die Märchen von Charles Perrault und den Brüdern Grimm. Dasselbe gilt auch für die Wissenschaft: Man kann nur darüber staunen, mit welcher Leidenschaft über Hexen - in der Mehrzahl arme und namenlose Frauen, deren Leben kaum Spuren hinterlassen hätten, wären sie nicht in die tödlichen, aber akribischen Abläufe der Justiz geraten - geforscht wurde, von den Volkskundlern der 1920er Jahre bis zu den feministischen HistorikerInnen und EthnologInnen der Gegenwart. Bei diesem Thema geraten wir an einen unerklärlich aktiven, wenn auch lange verschütteten Kern unserer Kulturgeschichte, dessen nach wie vor spürbare Energie fast jeden erreicht.

Nun kommt beides zusammen: Dieses rätselhafte und faszinierende Thema - und ein modernes, intellektuell riskantes Buch, Produkt jahrzehntelanger Forschung und theoretischer Beschäftigung nicht nur mit der Sozial- und Kulturgeschichte der frühen Neuzeit, sondern ebenso mit Psychoanalyse und Ethnologie, so dass wir nach der Lektüre auf Anhieb verstehen, was Geisteswissenschaften zu leisten vermögen, wie sie uns herausfordern und inspirieren, wenn sie auf der Höhe ihres Themas und der Fragen unserer Zeit sind.

Das Buch „Hexenwahn“ der australischen Historikerin Lyndal Roper ist ein nahezu avantgardistisches Werk, in welches man trotzdem nahezu voraussetzungslos einsteigen kann, um sich von den Tiefen der Einzelfallanalyse zu den Höhen der historischen Überblicksdarstellungen transportieren zu lassen.

Böse rote Kuh

Roper beherrscht ihr Material so souverän, dass sie auf alle beliebten historischen Klischees und Hilfsmittel verzichtet. Hier sind die Mittelklassen nicht ewig aufsteigend, die Protestanten nicht von comicartiger Nüchternheit und die Katholiken nicht schwärmerisch. Die Frauen sind nicht bloß Opfer, die Männer, selbst die Hexenverfolger, keine gefühllosen Fanatiker. Roper beherrscht die von allen stets so ersehnte „dichte Beschreibung“ der Ethnologen ebenso wie den sozialhistorischen Abriss, der die Leser schnell und präzise auf den nötigen Wissensstand des jeweiligen soziokulturellen Kontextes hebt. Hier wird keine These präsentiert, der Leser nimmt vielmehr teil am Fortschritt einer Untersuchung, in deren Verlauf sich die gängigsten Klischees und Erklärungen schnell als untauglich erweisen.

Ihre von Holger Fock und Sabine Müller ins Deutsche übertragene Sprache ist einfach und suggestiv. Dem Leser wird aber einiges abverlangt: Das intensive Abtauchen in die Fälle bringt auch eine unumwundene Konfrontation mit den abseitigsten und ekligsten Phantasien der vormodernen Gesellschaft. Ein ganzes Kapitel widmet sich der Phantasie, Frauen hätten sich zusammengetan, um Kinderleichen auszugraben und zu essen. Nahezu jede sexuelle Variante von der Masturbation mit einer vom Teufel gestifteten Kerze bis zum Verkehr teuflisch verführter Männer mit dämonischen roten Kühen wird imaginiert und erörtert. Schließlich geht es über weite Strecken um Folter, darüber, was die Angeklagten erdulden mussten, was sie sagten oder nicht und dass sie oft einfach starben.

Der Zweifel begleitete sie von Anfang an

Diese Exzesse der Imagination wie der Repression, die Lust am Fabulieren und an der Qual waren schon den Zeitgenossen unheimlich, auch die Hexenjäger begaben sich nicht leichtfertig auf das Terrain der Dämonen und des Schmerzes, den es brauchte, um sie in Schach zu halten. Hexenverfolgung bedeutet eine unübersehbare Reihe von Grenzübertritten, ein Drama mit ungewissem Ausgang, in dem auch die Verfolger ein Risiko eingingen, weil sie den Schadenszauber der Angeklagten zu fürchten hatten. Daher sind, wie Roper festhält, die Zweifel an der Hexenverfolgung kein Produkt der Aufklärung: Sie begleiten sie von Anfang an.

Am Ende kehrten sich alle aufgestauten Ängste vor der Hexerei bloß gegen ältere Frauen. Sie waren zu Zehntausenden die einzigen Opfer, obwohl der gesamte zeitgenössische Diskurs davon ausging, man müsse sich gegen sie und die dunklen Mächte, mit denen sie im Bunde waren, verteidigen. Aber die Hexenverfolgung war auch auf sie angewiesen; denn ein Geständnis klang nur dann echt, wenn es eine gute Geschichte erzählte, welche vertraute, Angeklagten und Verfolgern bekannte Details enthielt, sei dies ein geheimer Ort, an dem der Teufel auftrat, ein bestimmtes Versteck, an dem die Angeklagte seine Münzen verbarg, oder ein prägnanter Satz, den er zu ihr sprach, obwohl sich der Teufel damals wenig sprachgewandt gab.

Selten ist die Selbstgewissheit, mit welcher der Dämon im Jahr 1532 bei Dilge Glaser in Basel auftritt und verkündet: „Ich bin der Teufel, und ich heiße Frank.“ Wenn wir mit Roper über Hexen nachdenken, denken wir nicht über opake Fakten, über Thesen oder das Wesen eines Zeitalters nach, sondern wir vollziehen ein Drama nach, bei dem sich Opfer und Täter miteinander verwechseln, Phantasien übereinander entwickeln, ein Drama, bei dem der Hexenprozess bloß der letzte Akt ist, weil schon Jahre vorher Neid und Furcht und Missgunst das Zusammenleben auch zwischen Nachbarn oder Familienmitgliedern vergiftet haben.

Der Teufel ist fortgeflogen

In den Verfahren kreisen die Phantasien von Angeklagten und Anklägern nicht um irgendwelche theologischen oder dämonologischen Spitzfindigkeiten; es geht dort, so arbeitet es Roper nach und nach heraus, um die wichtigsten und empfindlichsten Themen, die, bei denen sich alle Zeitgenossen elementar betroffen fühlen: „Die Hexe kehrt die Mutterschaft um, denn in der Welt des Teufels zeugt der Geschlechtsverkehr keinen Nachwuchs, sondern bringt den Tod. Sie verwandelt Kuhmilch in Blut, verhext Pferde, so dass sie lahmen oder sich zu Tode stürzen. Sie ist der Todfeind der Christen, sie hat sich verschworen, Fruchtbarkeit und Gedeihen in der Natur und in der menschlichen Gemeinschaft zugrunde zu richten; doch sie ist auch die Frau von nebenan.“

Die Hexen und den Teufel sind wir heute losgeworden, der Böse klopft nicht mehr in schwarzen Kleidern und mit einer Feder am Hut an den Fensterläden von Witwen, um sich wortlos in deren Bett zu legen. Dafür ist uns die bösartige Kippfigur des harmlosen Nachbarn, der sich als Monster entpuppt, als Serienmörder und Kinderschänder, des unscheinbaren, höflichen Typs, der unseren Alltag teilt, um ihn umso besser zu unterminieren und alles zu zerstören, woran wir hängen, allzu vertraut, die panische Angst vor ihm und leider auch die Folter, die still und heimlich wiedergekehrt ist, die gleichen Entgrenzungen und Aporien hervorbringend wie vor fünfhundert Jahren. Die Hexen und ihr Mann, der Teufel, sind fort von hier, weggeflogen. Die Dämonen bleiben.

Lyndal Roper: „Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung“. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. C. H. Beck 2007, 470 Seiten, 26,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.03.2007, Nr. 12 / Seite 32
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

Jüngste Beiträge