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: Herrn Engelbrechts Haß auf Automobile

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Ein Romanautor, der eine Theorie des Romans schreibt, hat etwas von einem Mann, der einen Witz erklärt. Ist nicht alles, was er über Sinn und Form von Romanen zu sagen hat, schon in seinen Büchern ausgedrückt? Und wenn es nicht darin ausgedrückt ist, was sagt das über die Bücher? Denn unvermeidlicherweise wird ...

          Ein Romanautor, der eine Theorie des Romans schreibt, hat etwas von einem Mann, der einen Witz erklärt. Ist nicht alles, was er über Sinn und Form von Romanen zu sagen hat, schon in seinen Büchern ausgedrückt? Und wenn es nicht darin ausgedrückt ist, was sagt das über die Bücher? Denn unvermeidlicherweise wird der theoretisierende Romancier auch auf sein eigenes Werk zu sprechen kommen, schon weil er es besser kennt als alle anderen literarischen Werke. Und selbst wenn er nur über die Romane anderer Autoren spricht, wird er dadurch immer auch seine eigenen Bücher kommentieren, eben weil das, was er schreibt, nicht denkbar ist ohne all das, was er gelesen hat.

          Wie man es auch dreht und wendet - das Theoretisieren ist bei einem Schriftsteller stets ein Akt der Entzauberung und Selbstentblößung, es zerreißt den Vorhang, der sein Schreiben von der Welt der Thesen und Interpretationen trennt, es trägt seine Kunst auf den Marktplatz der Meinungen. Thomas Mann hat diese Klippe vor sechzig Jahren elegant umschifft, indem er seine Studie über "Die Entstehung des Doktor Faustus" als "Roman eines Romans" veröffentlichte und ihr damit von vornherein jeden germanistischen Beigeschmack nahm. Aber nicht jeder Autor besitzt die Selbstironie und die olympisch-heitere Eitelkeit eines Thomas Mann.

          Im Fall von Milan Kundera und seinem neuen Essaybuch "Der Vorhang" kommt hinzu, daß dies bereits das dritte Bändchen ist - nach der "Kunst des Romans" von 1987 und den "Verratenen Vermächtnissen" von 1994 -, welches der in Frankreich lebende tschechische Schriftsteller der Romantheorie widmet. Oder soll man sagen: dem Reden über Flaubert, Broch, Kafka, Lyrik, Musik, Mitteleuropa, den Surrealismus, die Literatur der Tropen, den Kommunismus, die Filme Fellinis und die Fährnisse des modernen Flugverkehrs? Denn natürlich sind Kunderas essayistische Exkursionen keine Theorie im wissenschaftlichen Sinn. Es sind Bekenntnisse, Notizen, Gedankenspaziergänge eines Lesers, der vor dem gewöhnlichen Leser oder Denker den Vorsprung der praktischen Erfahrung hat. Kundera schreibt, worüber er spricht. Das gibt seinen Betrachtungen eine selbstverständliche Autorität, selbst dann, wenn er über Dinge redet, die seinem Gesichtskreis fernliegen.

          So bemerkt er etwa über Federico Fellinis "Amarcord" von 1973, dies sei der letzte Film des italienischen Regisseurs gewesen, "über dessen lyrische Schönheit sich alle einig waren", während sich vom späten Fellini alle abgewendet hätten - "die Kulturszene, die Presse, das Publikum (und sogar die Produzenten)". Warum? Weil seine Poesie "antilyrisch", sein "Modernismus antimodern" geworden seien und seine letzten Filme "ein unerbittliches Porträt der Welt, in der wir leben", zeichneten.

          Abgesehen davon, daß die These von Fellinis Alterseinsamkeit nicht stimmt (bis zum Schluß wurde der Regisseur von Produzenten hofiert und von Klatschreportern gejagt), klingt auch die Begründung reichlich merkwürdig. Sind "Casanova" und "Die Stadt der Frauen" unerbittliche Porträts der heutigen Welt, "Intervista" und "Die Stimme des Mondes" antilyrische Filme? Wahr ist, daß Milan Kundera vor vierzig Jahren einige Zeit an der Filmfakultät der Prager Universität unterrichtet hat; wahr ist aber auch, daß er im Kino (wie die meisten anderen Zuschauer) offenbar vor allem das wahrnimmt, was er wahrnehmen will. Und das gilt auch für seinen Blick auf die Literatur.

          Der Vorhang" beginnt mit einer Anekdote: Kunderas Vater, Rektor der Musikhochschule in Brünn, hört eines Tages ein paar Akkorde von Beethoven im Radio. Es ist die Neunte Symphonie, aber er erkennt sie nicht. Jedoch erklärt er seinen Freunden voller Überzeugung, diese Musik müsse vom späten Beethoven sein, da sie eine ganz bestimmte typische Harmonienfolge aufweise. Die Anekdote, erklärt Kundera, handle vom "Bewußtsein für historische Kontinuität": von der Fähigkeit, den großen Werken der Kunst ihren Platz in der geschichtlichen Zeit zuzuweisen.

          Aber mindestens ebensosehr handelt diese Anekdote von der Sehnsucht des Schriftstellers Milan Kundera, für seine eigenen Bücher und die Bücher der Autoren, die er liebt, einen festen Platz in der Geschichte der Menschheit zu finden. Sie handelt vom Wunsch, Teil und zugleich Hüter eines Kanons zu sein, dem keine Macht der Zeiten mehr etwas anhaben kann. Deshalb ist es kein Zufall, daß in den ersten Sätzen des Buchs nicht von Literatur die Rede ist, sondern von Musik. Denn der musikalische Kanon steht unverrückbar fest; kein wiederentdeckter Kleinmeister wird den Ruhm Beethovens je verdunkeln. Dieselbe Unantastbarkeit fordert Kundera wider besseres Wissen für die Meister des europäischen Romans. Zweihundert Seiten lang kämpft er mit allen rhetorischen Mitteln gegen die Windmühlenflügel der Banausie und des Vergessens, obwohl er weiß, daß er diesen Kampf verlieren muß. Darin liegt die tragische Größe und zugleich die donquichotteske Vergeblichkeit seines Buches.

          Daß für Milan Kundera (wie für die meisten Theroretiker der Literatur) die Geschichte des Romans mit Rabelais und Cervantes beginnt und mit Fielding, Sterne, Balzac, Flaubert, Kafka, Musil, Hasek, Broch und Gombrowicz weitergeht, wissen wir spätestens seit der "Kunst des Romans", und die "Verratenen Vermächtnisse" haben es bestätigt. Warum wiederholt er es hier noch einmal? Die Antwort darauf findet man an jenen Stellen des Buches, an denen Kundera den Schutzraum der Klassikerbibliothek verläßt und sich unter das debattierende Leservolk begibt. So erzählt er von der Umfrage einer Pariser Tageszeitung, bei der die hundert wichtigsten französischen Bücher ermittelt werden. Victor Hugos "Die Elenden" gewinnt den Wettstreit, "Gargantua und Pantagruel" kommt auf Platz vierzehn, nach de Gaulles Kriegsmemoiren und vor "Rot und Schwarz" und "Madame Bovary". Da platzt unserem Autor der Kragen. "Rabelais nach de Gaulle!" Und - "ist es möglich?" - Balzac nur auf Platz vierunddreißig! Beckett und Ionesco erst gar nicht auf der Liste!

          Für Milan Kundera beweist diese Umfrage zweierlei: daß die Franzosen einfach nicht begreifen, welche Bedeutung Ionescos Stücke für den Prager Frühling hatten; und daß große Kulturnationen auf ihre Art genauso provinziell sein können wie kleine. Dem Leser aber verrät dieser Zornesausbruch vor allem eines: daß Milan Kundera, obwohl er seit elf Jahren nur noch in der Sprache seines Gastlands schreibt, nicht aufgehört hat, ein tschechischer Schriftsteller im Exil zu sein. Seine Prosa kleidet sich französisch, aber da, wo es ernst wird, redet sie nicht von Proust oder Balzac, sondern von dem, was ihren Autor wirklich umtreibt: der Haß auf die "slawischen Ausdünstungen" Rußlands, die Liebe zur Dichtung und Musik Zentraleuropas - und die Leidenschaft für jene "denkenden Romane", die in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Prag, Wien und Warschau entstanden sind.

          Es gibt eine kleine, beiläufige Passage in diesem Buch, die alle seine Vorzüge auf den Punkt bringt. Sie handelt von einem tschechischen Roman, den in Deutschland vermutlich fast niemand kennt: Jaromir Johns "Knatternde Ungeheuer" von 1932. Der Held des Buches ist ein Herr Engelbrecht, dessen wohlverdienter Ruhestand vom Geknatter der neuen Automobile so nachhaltig gestört wird, daß er sich am Ende dazu entschließt, die restlichen Nächte seines Lebens in Zügen zu verbringen. Daß "Knatternde Ungeheuer" nicht zur Weltliteratur zählt, ist Kundera ausnahmsweise völlig gleichgültig. Der Autor John ist für ihn bedeutend, weil er in seiner Polemik gegen das Maschinenzeitalter eine tiefgreifende Umwälzung in der Geschichte der menschlichen Existenz festhält: "Er schrieb keine auf den Vorhang der Vorinterpretation gestickten Wahrheiten; er hatte den cervantesken Mut, den Vorhang zu zerreißen."

          Denselben Mut hat auch Kundera, wenn er durch Flauberts Romane "die zarte Fee der Dummheit" schreiten sieht oder das von Bürokraten überschwemmte Dorf in Kafkas "Schloß" als düstere Antwort auf die ländliche Idylle von Stifters "Nachsommer" liest. Aber sobald er vom Detail aufs Allgemeine kommt, verwandelt sich dieser Mut in Rechthaberei. Dann tönt es hohl hinter dem "Vorhang" hervor: "Der Mann ohne Eigenschaften ist eine unvergleichliche Enzyklopädie der Existenz seines ganzen Jahrhunderts." - "Dostojewskij erzählt uns das Drama der Menschen, nicht das Drama der Jugend." - "Die Literatur ist dabei, sich durch unsinnige Vermehrung selbst umzubringen." - "Das Europa der Neuzeit ist nicht mehr da." Auch ein überreich mit Ironie begabter Autor wie Kundera ist, wie man sieht, gegen jene Gemeinplätze nicht immun, die er in seinen Romanen so gern auf die Schippe nimmt. Zum Glück hält die gehoben-apokalyptische Stimmung, in der er ganze Kulturepochen in einem Nebensatz verabschiedet, bei Kundera nie lange vor. Nach jedem Phrasengewitter blüht rasch wieder die zarte Blume des Aperçus.

          Das letzte der vierundsiebzig kurzen Kapitel des "Vorhangs" heißt "Ewigkeit". In ihm ist abermals von Musik die Rede - diesmal von der Erfindung des Kontrapunkts im zwölften Jahrhundert, die zur Geburtsstunde der abendländischen Musik wurde. Damals hörte die Kunst auf zu imitieren, die Komponisten fingen an, ihre Werke zu zeichnen, der Künstler wurde zum Individuum. Dies alles, fürchtet Kundera, könnte einmal enden. Von Angst geplagt, stellt er sich den Tag vor, "an dem die Kunst aufhört, das Niegesagte zu suchen, und sich brav wieder in den Dienst des Gemeinschaftslebens stellt, der von ihr verlangen wird, daß sie die Wiederholung verschönt und dem Individuum hilft, in Frieden und Freude in der Uniformität des Seins aufzugehen". Aber hat Kundera diesen Tag, den Tag des sozialistischen Realismus, nicht viele Jahre lang in der einstigen Tschechoslowakei miterlebt? Und hat er nicht über ebendiese Erfahrung viele unvergeßliche Bücher geschrieben? Vielleicht sollte Milan Kundera mit sechsundsiebzig Jahren anfangen, als Hausmittel gegen die Angst seine eigenen Romane wieder zu lesen.

          Milan Kundera: "Der Vorhang". Aus dem Französischen übersetzt von Uli Aumüller. Hanser Verlag, München 2005., 224 S., 19,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005, Nr. 243 / Seite L8

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