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Herren des Heiligen Landes?

23.03.2005 ·  Eine kritisches Buch über die Siedlerbewegung sorgt in Israel für Aufsehen

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Daß Israels Öffentlichkeit sich schwer damit tut, an den militanten Siedlern offen Kritik zu üben, ist kein Geheimnis. Das Siedlungsnetz ist schon seit Jahren immer weniger Thema für die Medien im Land, beobachtet wird es eigentlich fast nur noch von Menschenrechtsorganisationen. Auch die Geschichte der Siedlerbewegung ist bis heute kaum systematisch beleuchtet worden. Das hat sich vor kurzem geändert. Die israelische Historikerin Idit Zartal und der "Haaretz"-Journalist Akiva Eldar haben eine neue Studie zum Thema Siedlerbewegung veröffentlicht, die für großes Aufsehen sorgt.

Allein der Titel "Die Herren des Landes. Die Siedler und der israelische Staat 1967-2004" birgt jede Menge Zündstoff. Die These der Autoren illustriert in gewisser Weise ein bei der Linken Israels inzwischen geflügeltes Wort, wonach die israelische Gesellschaft mittlerweile zur Geisel der Siedler geworden sei. Zartals und Eldars Buch ist aber kein Pamphlet, sondern eine gründlich recherchierte Studie. Und ihre These überzeugt: Die Siedler haben es seit 1967 mit viel politischem Geschick tatsächlich vermocht, die israelische Politik maßgeblich zu beeinflussen. Zwar ist dies im großen und ganzen nichts Neues, entscheidend in Zartals und Eldars Buch ist jedoch die präzise chronologische Beschreibung und Analyse einer politischen Bewegung, die sukzessive an Macht gewonnen und sich zu einer Art Staat im Staat entwickelt hat - nicht nur auf Kosten der Palästinenser, denen immer mehr Boden geraubt wird, sondern auch zu Lasten der israelischen Gesellschaft selbst: Sie muß die enormen Kosten tragen, die von den Siedlungen verursacht werden.

Bereits in der Entstehungszeit waren jene Mechanismen sichtbar, die den Erfolg der Siedler bis heute bedingen. Im Siegesrausch nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 störten sich die israelische Öffentlichkeit und wohl auch der Westen nicht daran, daß im September desselben Jahres eine Gruppe junger religiöser Israelis das Dorf Kfar Etzion in der frisch besetzten Westbank südlich von Jerusalem wiedergründete - im Krieg von 1948 hatten die Israelis Kfar Etzion an die Araber verloren. Mit der Rückkehr der damals Geflüchteten war ein Präzedenzfall geschaffen: Im Kreis der militanten Nationalreligiösen verfestigte sich bald die Überzeugung, auch ehemals jüdisch-biblisches Land besiedeln zu können. Den ersten Schritt machten sie nur wenige Monate später in Hebron, von ihnen als biblische Stadt der Väter betrachtet. Zunächst unternahmen sie nichts weiter, als die Militärbesatzung um Erlaubnis zu bitten, in der Stadt das jüdische Pessach-Fest zu feiern.

Der örtliche Befehlshaber willigte ein: Welcher jüdische General wollte in der damaligen gehobenen Stimmung Juden schon so etwas verbieten? Diese unterschwellige Akzeptanz machten sich die Siedler sofort zunutze und verkündeten nach der Feier schlichtweg, daß sie bleiben würden. Die damals regierenden Sozialdemokraten hatten ebenfalls kein Interesse daran, mit Gewalt Juden aus Hebron zu evakuieren, und ließen die Siedler dort in einer Militärkaserne wohnen.

Von Hebron aus breiteten sie sich in kleinen Schritten immer weiter aus und schufen vollendete Tatsachen, die die unentschlossenen Politiker schließlich akzeptierten. Die Zusammenarbeit mit dem Militär war und ist bis heute eine der Grundvoraussetzungen für den Erfolg der Siedler: Zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 1968, begann man nämlich, palästinensischen Boden für angeblich militärische Zwecke zu konfiszieren. Und schon damals verstanden es die Siedler, in den oberen Chargen der israelischen Politik und des Militärs einzelne Personen gegeneinander auszuspielen und so Sympathisanten zu gewinnen, die hier eine Sondergenehmigung erteilten oder da eine vorläufige Ausnahmeregelung schufen, die dann bald zur gängigen Praxis wurde. Zu den Unterstützern der Besiedlung gehörte auch Shimon Peres, der heute als Friedenskämpfer gilt. Er war es, der die erste Siedlung nördlich von Ramallah ermöglichte, indem er Siedler als Bausubunternehmer an Bauarbeiten des Militärs beteiligte - so wurde aus einer Baustelle schon bald die Siedlung Ofra.

Die Buchautoren Zartal und Eldar liefern eine plausible Erklärung für diese Kapitulation der Politik: Die alternden Politiker der Arbeiterpartei waren von den jungen und idealistischen Siedlern nicht zuletzt deshalb fasziniert, weil sie sich in ihnen wiedererkannten, waren die alten Herren doch selbst einmal vom zionistischen Ideal der Besiedlung des ganzen Heiligen Landes beseelt gewesen. Hier waren also nicht nur die hartnäckige Lobbyarbeit und die geschickte Medienmanipulation der Siedler am Werk, sondern auch die geteilte Seele Israels: In der Brust eines jeden Israeli, egal ob rechts oder links, so entnimmt man dem Buch, pocht ein Siedlerherz.

Eine Bestätigung dafür liefert der Streit um das Buch. Die Autoren werden von Siedlerkreisen als linke Nestbeschmutzer beschimpft, das ultranationale Blatt "Makor Rishon" nannte das Buch eine "Hetzschrift". Von vorsätzlicher Manipulation ist hier die Rede, die Autoren, so die Kritiker von rechts, kämen sich selbst wie die eigentlichen "Herren des Landes" vor und schauten auf die angeblich von einem messianischen Wahn befallenen Siedler herab. Doch selbst die politische Mitte des Landes, wo das Buch auch Lob erntet, nimmt die Siedlerbewegung in Schutz: Mehrere israelische Kommentatoren werfen den Buchautoren vor, die Siedler pauschal zu verteufeln - ein Vorwurf, den das aufwendig recherchierte Buch keineswegs rechtfertigt.

JOSEPH CROITORU

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2005, Nr. 69 / Seite 43
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