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Gefühlte Sicherheit : Wer über den Normalzustand regiert

  • -Aktualisiert am

Stacheldraht , Errungenschaft der sicherheitsbedürftigen Neuzeit Bild: Picture-Alliance

Frédéric Gros untersucht das Sicherheitsdenken in vier Phasen: von der Antike über das Mittelalter und die frühe Neuzeit bis in die Gegenwart des aufgeweichten Staates.

          Marcus Tullius Cicero ist der Vater des europäischen Sicherheitsdiskurses: In Griechenland hatte er die von Epikureern, Stoikern und Skeptikern unterbreiteten Vorschläge zur Beruhigung eines aufgewühlten Seelenlebens kennengelernt und war zu dem Ergebnis gelangt, dass man solche Techniken der Selbstberuhigung auch im von Parteienkämpfen erschütterten Rom gebrauchen könne. Im Lateinischen gab es jedoch keinen Begriff für die angestrebte innere Ruhe und Gelassenheit im Angesicht einer aus den Fugen geratenen Welt, und also prägte Cicero den Neologismus „securitas“, den er aus „sine cura“ herleitete. Wo der äußere Frieden nicht zu haben war, sollte es doch möglich sein, zum inneren Frieden zu gelangen.

          Der aus der Schule Michel Foucaults kommende französische Philosoph und Politikwissenschaftler Frédéric Gros hat die Geschichte des Nachdenkens über Sicherheit und die damit verbundenen sozialen Praxen und politischen Institutionen in vier Stationen zusammengefasst: der eines vertrauensvollen und ruhigen Gemütszustands in der Antike; der einer Beseitigung aller Gefahren und Bedrohungen durch die Schaffung „eines neuen Himmels und einer neuen Erde“ in den millenaristischen Bewegungen des späten Mittelalters; der einer Garantierung der Sicherheit für Leben und Eigentum durch den Staat der Frühen Neuzeit und schließlich der einer durch Kontrolle und Regulierung hergestellten „Biosicherheit“, der es um die Sicherung von Normalität geht.

          Beschleunigung der Geschichte

          Der Titel des Buches und die zeitliche Abfolge der vier Stationen des Sicherheitsdenkens legen nahe, Gros gehe von einer historischen Evolution aus, in der eine zunächst ganz aufs Innerliche konzentrierte Praxis der Selbstberuhigung immer stärker politisiert und schließlich in ein äußeres Gehäuse zur Kontrolle menschlichen Verhaltens verwandelt worden sei. In der jüngeren Kritik an einer „Versicherheitlichung“ der Gesellschaft und der Entstehung eines Sicherheitsstaates ist derlei zu finden; bei Gros hat man gelegentlich den Eindruck, auch seine Analyse sei dieser Vorstellung verhaftet, aber dann widerspricht er dem auch wieder und verweist darauf, dass es exemplarische Rekonstruktionen der verschiedenen Sicherheitsvorstellungen seien, die er anhand von sich dafür jeweils anbietenden historischen Konstellationen vorgenommen habe.

          „Die Politisierung der Sicherheit“ von Frédéric Gros
          „Die Politisierung der Sicherheit“ von Frédéric Gros : Bild: Matthes & Seitz

          Es wäre angezeigt gewesen, das nicht nur zu versichern, sondern auch am Material der jeweiligen Stationen herauszuarbeiten. Das hat Gros eigentlich nur am Beispiel des Millenarismus getan, dessen politische Wiederkehr er anhand der mit Heilsversprechen aufgeladenen Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts vorführt: Die Beschleunigung der Geschichte mündet in einen Augenblick der Dringlichkeit, in dem das Warten ein Ende hat und gehandelt werden muss. Dazu kommt die Idee, nur wenige könnten die bevorstehende Katastrophe erkennen und sie seien die Avantgarde im Kampf gegen das Böse. Die Verfolgungen, denen diese Avantgarde ausgesetzt ist, werden zur Bestätigung dessen, dass die große Wende der Geschichte bevorstehe und man angesichts ihrer nicht vor Gewalt und großen Opfern zurückschrecken dürfe. Die Aussicht auf endgültige und unvergängliche Sicherheit wird zur Rechtfertigung von Praxen, die das Leben aller einer gesteigerten Unsicherheit ausliefern. Im Angesicht der Apokalypse kann von Seelenfrieden keine Rede sein.

          Im Schlusskapitel seines Buches geht Gros auch auf die schon bald unter Kaiser Augustus erfolgte Politisierung des Ciceroschen Konzepts vom Seelenfrieden ein. Augustus ließ den von ihm wiederhergestellten Frieden in der Doppelbegrifflichkeit von „pax et securitas“ feiern und Securitas zur Gottheit erheben und auf Münzen abbilden. Die Politisierung des inneren Friedens folgte diesem auf dem Fuße und war keineswegs erst ein Prozess der europäischen Neuzeit oder gar unserer Gegenwart.

          Zirkulationssysteme des Kapitalismus

          Aber der Politisierung steht sogleich auch wieder die Entpolitisierung gegenüber, etwa wenn der Apostel Paulus die augusteische Legitimationsformel aufgreift und dagegenhält, wirklicher Frieden und wahre Sicherheit seien allein in Christus und der Gemeinschaft der ihm Nachfolgenden zu erlangen. Und auch sonst erweist sich in Perioden der Unordnung und des Zerfalls einer politischen Ordnung die Rückkehr zu den skeptischen und stoischen Techniken des inneren Friedens als Kompensation für den fehlenden äußeren Frieden.

          Das ist bis in unsere Tage der Fall. All dies ist bei Gros zu finden, aber die Struktur des Buches lässt diese Gegenbewegungen nicht deutlich sichtbar werden.

          Neben dem Wechselspiel von innerem und äußerem Frieden beschäftigt sich der zweite Hauptteil mit dem Staat und seinen Sicherheitsgarantien sowie mit der regulierten Sicherheit in den Zirkulationssystemen des Kapitalismus. Gros spitzt den Unterschied zwischen beiden dahin gehend zu, dass der Staat Sicherheit garantiert, während in der auf Prozessnormalität ausgerichteten Zirkulationssphäre Sicherheiten immer wieder aufs Neue bewertet werden, so dass an die Stelle der relativ stabilen Sicherheitsstrukturen des Staats ein Sicherheitsregime getreten ist.

          Gros macht dafür jedoch keineswegs nur die Dynamik des Finanzkapitalismus verantwortlich, sondern fasst hier auch den von internationalen Institutionen und transnationalen Organisationen gepushten Begriff der „human security“ ins Auge, der die zuvor geregelten Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten des Staates aufgeweicht habe. Ideenpolitische Entwicklungen und soziopolitische Praxen sind in seiner Analyse der Sicherheitsmodelle eng miteinander verschränkt. Was die Arbeiten von Ulrich Beck für das Risikokonzept sind, könnte die Arbeit von Frédéric Gros für die Ideen und Praxen der Sicherheit werden - gerade weil er sich dem Trend zur Kritik des Sicherheitsstaates nicht angeschlossen hat.

          Frédéric Gros: „Die Politisierung der Sicherheit“. Vom inneren Frieden zur äußeren Bedrohung.

          Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015. 310 S., geb., 24,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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