17.03.2010 · Er ist einer der wichtigsten Interpreten des Konfuzianismus: Der chinesische Denker Menzius lehrt keine Philosophie, sondern das Bogenschießen.
Von Mark SiemonsDass das klassische chinesische Denken derzeit so wenig in den westlichen Kulturraum einbezogen ist, liegt wahrscheinlich auch daran, dass man es für eine „Philosophie“ im von den Griechen, Deutschen und sonstigen Abendländern gemeinten Sinn hält und dann für zu leicht befindet (von „Sittensprüchen“ sprach Kant, „die unerträglich sind, weil sie ein jeder herplappern kann“). So landen die Chinesen zwischen sinologischer Philologie einerseits und Esoterikregalen andererseits in einem intellektuellen Niemandsland, in dem sie für die allgemein interessierte Hochkultur verloren sind. Philosophen in diesem westlichen Sinn wollten die Chinesen aber gar nicht sein. Jetzt hat der Trierer Sinologe Henrik Jäger ein „Lesebuch“ des frühen Konfuzianers Menzius vorgelegt, das nicht einfach eine Blütenlese einprägsamer Formulierungen bietet, sondern die spezifische Denkbewegung nachzuvollziehen versucht, mit der die Klassiker in China selbst aufgenommen wurden. Zentral ist die Methode des „gar Lesens“, der durch wiederholte Lektüre und Erkundung wechselseitiger Bezüge in Gang gebrachten Umkreisung der Texte, bis sie „verdaut“ sind.
Jägers Lesebuch stellt die von ihm ausgewählten und übersetzten Zitate in ein Geflecht von Beziehungen, gewoben aus zeitgenössischen Kommentaren, den Originaltexten in chinesischen Schriftzeichen, der Erläuterung der möglichen Bedeutungsebenen einzelner zentraler Zeichen, parallelen Texten aus der Tradition und einer eigenen Deutung. Dadurch rückt er die Texte nicht bloß in ihren historischen Zusammenhang. Die Pointe des „gar Lesens“ ist, dass es die methodische Bewegung der Texte selbst rekonstruiert, die von deren Gegenständen nicht zu trennen ist. „Der Weg des Lernens besteht allein darin, den verlorenen Kontakt zum Herzen zu suchen“, lehrte Menzius. Er definierte nicht, was er unter „Herz“ versteht, und genauso wenig gab er eine präzise Begriffsbestimmung dessen, was er mit „Himmel“, „wirklichem Gefühl“ und anderen immer wieder von ihm gebrauchten Wörtern meint. Mehr noch, oft werden die gleichen Begriffe auch noch in unterschiedlicher Bedeutung gebraucht. Man versteht auf Anhieb, weshalb sich eine solche Sprache ebenso gut für sentimentale Lebensratgeber wie zum Hassobjekt für ernsthafte Philosophen eignet.
Kluges Arrangement
Doch im Unterschied zur „Philosophie“ geht es Menzius gar nicht um Definitionen, um eine Wahrheit, die sich begrifflich immer exakter eingrenzen ließe, sondern um die Darstellung von Prozessen, die ihre „Wahrheit“ erst dadurch erweisen, dass der Leser sich in sie einfügt. Die Wechselwirkung zwischen Lehrer und Schüler ist gemäß diesem Verständnis also gar nicht zu trennen von den übrigen Wechselwirkungen des Lebens, die die Schriften zum Gegenstand haben. Wenn man dies nicht berücksichtigt und die Texte umstandslos in die westliche Philosophiegeschichte einordnet, verkennt man nicht bloß ihre Eigenart, sondern womöglich ihre Aussage.
Eine Schulbuch-Weisheit verkündet zum Beispiel, Menzius habe die natürliche Gutheit des Menschen beweisen wollen, so, als wäre er eine Art chinesischer Rousseau. Diese Auffassung gründet sich auf Sätze wie diesen: „Die menschliche Natur tendiert in derselben Weise zum Guten, in der das Wasser abwärts- strömt.“ Ebenso wie man das Wasser durch Dämme stauen kann, sagt Menzius, könne man auch den Menschen manipulieren; doch dies sei kein Argument gegen die natürlichen „Keime“ etwa jenes Mitgefühls, das jeden Menschen unwillkürlich überkommt, wenn er ein Kind am Rand eines Brunnens balancieren sieht. Der Ausgangspunkt dieser Beschreibung ist eine schlichte Alltagsbeobachtung; ihr Fluchtpunkt aber lässt sich nur in Verben ausdrücken: Dem „Fließen“ des Wassers entspricht das „Wachsen“ des Keims, das nur durch ein beständiges „Nähren des Herzens“ zu erreichen sei. Es geht Menzius also darum, den Resonanzboden für eine reale Erfahrung herzustellen, die beim Leser schon begonnen hat, aber eben noch nicht abgeschlossen ist. Jäger formuliert: „Würde jemand behaupten, gut zu sein, dem würde Menzius antworten, dass man immer nur gut werden kann: Ein statisches Verständnis des Guten würde er als Blockade, im schlimmsten Fall als ein ‚Hochpumpen‘ oder ‚Stauen‘ empfinden.“
Einem solchen Denken ist der zusammenstellende Raum für eigene Suchbewegungen lassende Zugang dieses Lesebuchs sehr angemessen. Durch das kluge Arrangement der Zitate und die souveräne Skizzierung des Hintergrunds wird der Leser zu einem Weiterdenken ermuntert, das über den historischen Anlass hinausgeht. Auch bei seinen eigenen Interpretationen ist der Herausgeber Jäger nicht vor allem an begrifflichen Ein- und Zuordnungen interessiert; er stellt sie deshalb kaum in den Zusammenhang der sinologischen Forschung. Ein solches Vorgehen hat natürlich seinen Preis. Da konkurrierende Deutungen nicht herausgearbeitet und diskutiert werden, ist die Plausibilität einzelner Übersetzungen und Kommentare nicht immer eindeutig. Und bisweilen macht Jäger einen eklektischen Gebrauch von Zitaten anderer Autoren, wann immer sie in den eigenen Gedankengang passen, wobei er von Friedrich Schiller bis Hans-Peter Dürr auch Zeugen anruft, die in keinem zwingenden Zusammenhang zu den chinesischen Texten stehen. Aber solche Einwände sind kleinkrämerisch gegenüber der Leistung, auf ebenso radikale wie unangestrengte Weise einen fremden und immer noch unterschätzten Denkansatz nachvollziehbar zu machen. Und dies umso mehr, als zweifelhaft ist, ob sich das in der anderen Kultur Ausgedrückte ohne Verluste in die eigene Philosophie übertragen ließe.
Den Edlen erkennt man von hinten
Menzius selbst behandelt dieses Thema, als er fragt, ob man einen für die chinesische Kultur so wichtigen, aber uneindeutigen und schwer handhabbaren Begriff wie das „Tao“ nicht anders ausdrücken kann. „Gongsun Chou sagte: Das dao ist so hoch und so schön, aber es zu erreichen ist so schwer, wie in den Himmel zu steigen, der für den normalen Menschen einfach zu hoch ist. Warum sollte man das dao nicht gegen etwas austauschen, das die Menschen auch gut erreichen können?“ Die Antwort des Menzius ist indirekt, aber klar: „Der Bogenmeister Yi ließ nicht ab von den Anforderungen seiner Kunst wegen eines stumpfsinnigen Bogenschützen.“ Mit anderen Worten: Es gibt für das „Tao“ kein funktionales Äquivalent. Die Wörter sind bloß wie der Bogen, der aber dann eines guten Schützen bedarf, um seinen Sinn zu erfüllen. „Menschlichkeit zu üben“, schreibt Menzius, „ist wie das Bogenschießen. Der Bogenschütze korrigiert erst seinen Stand, und dann schießt er. Wenn er dann aber nicht trifft, dann ist er nicht ärgerlich auf diejenigen, die es besser gemacht haben. Er kehrt zu sich zurück und sucht bei sich selbst, nirgends sonst.“ Die Wörter, meint Menzius, können einen Begriff wie das „Tao“, der die Spannung der gesamten Lebensaufgabe umschreibt, nicht definieren, sie können einem nur beibringen, wie man beim Üben „seinen Stand“ korrigiert und „zu sich zurück“ kehrt.
Durch Parallelstellen vor allem von Zhuangzi, dem der Herausgeber schon ein früheres Lesebuch gewidmet hatte, zeigt Jäger, dass der häufig behauptete Gegensatz von Konfuzianern und Taoisten vor allem bei Menzius nicht zutrifft. Die einseitige Orientierung an Kultur und Riten, die die Taoisten Konfuzius vorwarfen, suchte der Konfuzianer Menzius, der hundert Jahre nach dem Meister lebte (372 v. Chr. geboren), dadurch zu überwinden, dass er die Riten in der Natur verankerte. Daher die starke Betonung von „Herz“ und „wirklichem Gefühl“, die zum eigentlichen Kriterium der Moralität werden und die sich nicht in abstrakten Herleitungen, sondern in ganz physiognomischen Beobachtungen erweisen: „Worte über Menschlichkeit haben lange nicht eine so tiefe Wirkung auf Menschen wie Menschlichkeit, die in der Intonation der Stimme hörbar wird.“ Einen Edlen, heißt es an anderer Stelle, könne man sogar „von hinten“ erkennen, „an der ganzen Art, wie er sich bewegt“.
Die physische Gestalt war für den von jeglichem Leib-Seele-Dualismus weit entfernten Menzius eine Art moralischer Maßstab: „Ein Mensch sollte seinen Körper vollständig lieben, das bedeutet auch, ihn vollständig zu nähren.“ Hier haben Selbstachtung und Würde des Menschen ihren Ort, deren Verletzungen Menzius in immer neuen Parabeln mit großem psychologischen Realismus beschreibt. Auch das lässt sich bei diesem Denker entdecken, der zum gängigen Zerrbild eines bloß an Konventionen, Autorität und Opportunität orientierten Konfuzianismus so gar nicht passen will: dass die Menschenwürde die Kulturen nicht trennt, sondern verbindet.