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Henrik Jäger: Den Menschen gerecht : Sein Pfeil trifft immer

Bild: Verlag

Er ist einer der wichtigsten Interpreten des Konfuzianismus: Der chinesische Denker Menzius lehrt keine Philosophie, sondern das Bogenschießen.

          Dass das klassische chinesische Denken derzeit so wenig in den westlichen Kulturraum einbezogen ist, liegt wahrscheinlich auch daran, dass man es für eine „Philosophie“ im von den Griechen, Deutschen und sonstigen Abendländern gemeinten Sinn hält und dann für zu leicht befindet (von „Sittensprüchen“ sprach Kant, „die unerträglich sind, weil sie ein jeder herplappern kann“). So landen die Chinesen zwischen sinologischer Philologie einerseits und Esoterikregalen andererseits in einem intellektuellen Niemandsland, in dem sie für die allgemein interessierte Hochkultur verloren sind. Philosophen in diesem westlichen Sinn wollten die Chinesen aber gar nicht sein. Jetzt hat der Trierer Sinologe Henrik Jäger ein „Lesebuch“ des frühen Konfuzianers Menzius vorgelegt, das nicht einfach eine Blütenlese einprägsamer Formulierungen bietet, sondern die spezifische Denkbewegung nachzuvollziehen versucht, mit der die Klassiker in China selbst aufgenommen wurden. Zentral ist die Methode des „gar Lesens“, der durch wiederholte Lektüre und Erkundung wechselseitiger Bezüge in Gang gebrachten Umkreisung der Texte, bis sie „verdaut“ sind.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jägers Lesebuch stellt die von ihm ausgewählten und übersetzten Zitate in ein Geflecht von Beziehungen, gewoben aus zeitgenössischen Kommentaren, den Originaltexten in chinesischen Schriftzeichen, der Erläuterung der möglichen Bedeutungsebenen einzelner zentraler Zeichen, parallelen Texten aus der Tradition und einer eigenen Deutung. Dadurch rückt er die Texte nicht bloß in ihren historischen Zusammenhang. Die Pointe des „gar Lesens“ ist, dass es die methodische Bewegung der Texte selbst rekonstruiert, die von deren Gegenständen nicht zu trennen ist. „Der Weg des Lernens besteht allein darin, den verlorenen Kontakt zum Herzen zu suchen“, lehrte Menzius. Er definierte nicht, was er unter „Herz“ versteht, und genauso wenig gab er eine präzise Begriffsbestimmung dessen, was er mit „Himmel“, „wirklichem Gefühl“ und anderen immer wieder von ihm gebrauchten Wörtern meint. Mehr noch, oft werden die gleichen Begriffe auch noch in unterschiedlicher Bedeutung gebraucht. Man versteht auf Anhieb, weshalb sich eine solche Sprache ebenso gut für sentimentale Lebensratgeber wie zum Hassobjekt für ernsthafte Philosophen eignet.

          Kluges Arrangement

          Doch im Unterschied zur „Philosophie“ geht es Menzius gar nicht um Definitionen, um eine Wahrheit, die sich begrifflich immer exakter eingrenzen ließe, sondern um die Darstellung von Prozessen, die ihre „Wahrheit“ erst dadurch erweisen, dass der Leser sich in sie einfügt. Die Wechselwirkung zwischen Lehrer und Schüler ist gemäß diesem Verständnis also gar nicht zu trennen von den übrigen Wechselwirkungen des Lebens, die die Schriften zum Gegenstand haben. Wenn man dies nicht berücksichtigt und die Texte umstandslos in die westliche Philosophiegeschichte einordnet, verkennt man nicht bloß ihre Eigenart, sondern womöglich ihre Aussage.

          Eine Schulbuch-Weisheit verkündet zum Beispiel, Menzius habe die natürliche Gutheit des Menschen beweisen wollen, so, als wäre er eine Art chinesischer Rousseau. Diese Auffassung gründet sich auf Sätze wie diesen: „Die menschliche Natur tendiert in derselben Weise zum Guten, in der das Wasser abwärts- strömt.“ Ebenso wie man das Wasser durch Dämme stauen kann, sagt Menzius, könne man auch den Menschen manipulieren; doch dies sei kein Argument gegen die natürlichen „Keime“ etwa jenes Mitgefühls, das jeden Menschen unwillkürlich überkommt, wenn er ein Kind am Rand eines Brunnens balancieren sieht. Der Ausgangspunkt dieser Beschreibung ist eine schlichte Alltagsbeobachtung; ihr Fluchtpunkt aber lässt sich nur in Verben ausdrücken: Dem „Fließen“ des Wassers entspricht das „Wachsen“ des Keims, das nur durch ein beständiges „Nähren des Herzens“ zu erreichen sei. Es geht Menzius also darum, den Resonanzboden für eine reale Erfahrung herzustellen, die beim Leser schon begonnen hat, aber eben noch nicht abgeschlossen ist. Jäger formuliert: „Würde jemand behaupten, gut zu sein, dem würde Menzius antworten, dass man immer nur gut werden kann: Ein statisches Verständnis des Guten würde er als Blockade, im schlimmsten Fall als ein ‚Hochpumpen‘ oder ‚Stauen‘ empfinden.“

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