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Henri Godards Céline-Biographie Um keinen Preis bürgerlich

16.12.2011 ·  Der fünfzigsten Todestag Louis-Ferdinand Célines brachte erwartbare Auseinandersetzungen - aber auch die große Biographie von Henri Godard.

Von Helmut Mayer
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Louis-Ferdinand Céline starb im Sommer 1961 in seinem Haus in Meudon, einem Vorort von Paris. Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst einige Tage später. Witwe und Freunde wollten das Begräbnis nicht von Nachrufen überschatten lassen, die unvermeidlich auch auf Célines wüste Pamphlete der späten dreißiger Jahre und der Okkupationszeit kommen mussten.

Prozess und Verurteilung, die ihm diese mit rabiatem Antisemitismus durchsetzten Veröffentlichungen eingetragen hatten, lagen damals kaum mehr als zehn Jahre zurück. Das Skandalon war gegenwärtig, auch durch Célines nach dem Krieg erschienene Bücher. Doch die literarische Konsekration, um die Céline zuletzt hartnäckig gerungen hatte, stand unmittelbar bevor: Nur wenige Monate nach seinem Tod erschien der erste Band einer Werkausgabe in der Bibliothèque de la Pléiade. Frankreich hatte einen modernen Klassiker, der gleichzeitig zum politisch Unberührbaren geworden war.

Was freilich nichts daran änderte, dass Céline in den folgenden Monaten überall in Frankreich zu finden war: ob auf den Büchertischen oder in den Sondernummern, die die Literaturzeitschriften ihm durchweg widmeten. Vor allem aber erschien pünktlich zum Todestag Henri Godards lange erwartete Céline-Biographie. Sie ist glücklicherweise nicht das überbordende Opus geworden, wie es über Jahrzehnte mit ihren Autoren befassten Spezialisten manchmal unterläuft. So viel Material Godard an der Hand hat, so souverän weiß er mit ihm umzugehen. Die Linien seiner Darstellung bleiben klar und auch wenn die Lektüre der Werke nicht im Vordergrund stehen kann, werden die Verknüpfungen zu Célines Texten auf überzeugende Weise vorgenommen.

Kaum zu vermeiden ist, dass man diese Biographie mit der Absicht liest, das Skandalon Céline etwas besser zu verstehen, vor allem den Absturz also in die hemmungslosen Tiraden, die 1937 mit den berüchtigten „Bagatelles pour un massacre“ einsetzten. Da war Céline bereits dreiundvierzig Jahre alt und eigentlich deutete selbst in den Jahren unmittelbar davor, wie Godard zeigt, kaum etwas auf diese radikale Wendung hin. Zumindest dann, wenn man antijüdische Äußerungen und Ressentiments als Indikator nimmt.

Wichtiger scheint dagegen, dass der Autor Céline, der 1932 mit der „Reise ans Ende der Nacht“ fulminant auf die literarische Bühne trat, von Beginn an seine entschiedene Außenseiterstellung betonte. Nicht zum literarischen Betrieb zu gehören, vor allem nicht auf bequemen bürgerlichen Wegen zum Schreiben gekommen zu sein, so wenig wie zum Beruf des Arztes, das strich er hervor. Für ihn, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammte, habe es die Schule des Lebens gegeben statt dem Lycée. Zuerst kam die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, dann erst durch Krieg und kaum vorhersehbare Umstände die Möglichkeit des Medizinstudiums. Das freilich bei ihm auch nicht auf bürgerliche Bahnen führte, sondern in die Arbeiterviertel von Paris, lange Jahre als Arzt einer von der Gemeinde unterhaltenen Ambulanz.

Seine Verfahren, das wohlgesetzte Französisch zu unterlaufen und mit unsauberen Anteilen des mündlichen Gebrauchs aufzumischen, war mit dem Image des Außenseiters eng verknüpft. Beim zweiten Buch ließ sich auf diesen Status nicht mehr ohne weiteres setzen. Die Reaktionen auf „Mort à crédit“, in denen er den Ton noch verschärft hatte – und auch gleich die Zensur beschwor, die dann sein Verlager Denoël vorbeugend übte –, fielen tatsächlich kühl aus. Céline war tief enttäuscht. Mit seinen Arbeiten für die Bühne hatte er auch kein Glück. In dieser Situation wächst bei ihm die Neigung, sich als verfolgtes Opfer hinzustellen.

Godard hat keine Entschuldung Célines im Sinn. Aber selbst die wüstesten Passagen – so übersteigert, dass ein kundiger Leser wie André Gide die „Bagatelles“ für ein satirisches Spiel halten wollte – sind für ihn im ursprünglichen Zeitkontext kein Beleg, dass Céline nach der physischen Auslöschung der Juden getrachtet hätte. Weshalb auch Ernst Jüngers Schilderung im Tagebuch, die einen nach Mord gierenden Céline auftreten lässt – Jünger selbst nahm sie später als Überzeichnung zurück – von ihm lediglich als Zeugnis einer tief sitzenden Abneigung des Diaristen gelesen wird.

Dass ein ordnungsliebender Autor wie Jünger von Céline abgestoßen sein musste, liegt auf der Hand. Genauso wie der Umstand, dass Céline für die Nationalsozialisten nicht zum vorweisbaren Antisemiten taugte. Die „Bagatelles“ wurden zwar rasch ins Deutsche übersetzt, aber von Obszönitäten gereinigt, umgruppiert, ohne die Abrechnungen mit der Literaturkritik und auch ohne die im Titel genannten Bagatellen – bis ein Buch nach dem Geschmack der Nationalsozialisten mit dem Titel „Die Judenverschwörung in Frankreich“ vorlag.

Flucht quer durch Deutschland

Schlimm genug natürlich, dass dafür genügend an Text übrig blieb – zum gar nicht kleinen Teil aus einschlägiger Literatur exzerpiert. Aber Célines „Nihilo-Pazifismus“, wie es später ein auf Parteilinie liegender Traktat nannte, war für die Nationalsozialisten ungenießbar. In den höheren Rängen setzte sich lediglich Karl Epting, Leiter des der Botschaft unterstellten Institut allemand und Bewunderer der „Reise“, nachdrücklich für Céline ein, der seinerseits zu den offiziellen Institutionen der Kollaboration auf Distanz blieb – und auch durchaus nicht mit Beiträgen in gleichgeschalteten Zeitschriften Geld verdiente, wie Sartre später insinuierte.

Einigen Kontakten verdankte Céline dann, als sich die deutsche Niederlage abzeichnete, die Möglichkeit der Flucht: quer durch Deutschland, nach Sigmaringen, wo auch die Funktionäre Vichy von den Deutschen untergebracht wurden, dann nach Dänemark. Er hatte ganz gut vorausgesehen, wie die „Säuberungen“ verlaufen würden, dass man die Intellektuellen härter als die offiziellen Kollaborateure behandeln würde. Und wunderbar treffend ist die Widmung, mit der er ein Exemplar von „Guignol’s band“ im Frühjahr 1944 an den Kommunisten und Résistant Louis Aragon schickte: „An Aragon, unseren nächsten großen Generalstaatsanwalt im großen Säuberungsausschuss.“

Syntax in Fetzen

Wäre Céline im Sommer 1944 noch in Paris gewesen, hätte er wohl wie Brasillach mit einem Todesurteil rechnen müssen. So wurde es die zweijährige Haft in Dänemark, bevor der Prozess von 1950, ein Jahr später eine Amnestie den Weg zurück nach Frankreich ebneten. Céline empfand, dass ihm schreiendes Unrecht geschehen war – was sein ohnehin bereits ausgeprägten Selbstbild als Opfer vertiefte – und machte sich darüber in Briefen genauso wie in den nach dem Krieg entstandenen Büchern auf oft unerträgliche Weise Luft: Durchaus auch mit Abwägungen seiner Leiden gegen jene der französischen Juden zu seinen eigenen Gunsten, der Tendenz zur Leugnung der Vernichtungslager oder auch ganz auf alten Spuren, wenn er an mehreren Stellen in „Nord“ durchblicken lässt, dass der Erfolg der amerikanischen Verfilmung von Anne Franks Tagebuch nur mit der jüdischen Vorherrschaft auf kulturellem Terrain zu tun haben könne.

Godard spart keinen dieser unangenehmen Züge aus. Um Sympathie für den Autor wird nicht geworben, aber die Bedeutung des frühen wie des späteren Werks mit seiner in Fetzen gehenden Syntax unterstrichen. Natürlich ist der einfachere Weg immer noch, sich lediglich an die „Reise“ zu halten, oder die späte „deutsche Trilogie“ vor allem für ihre stilistischen Errungenschaften hoch zu halten. Für Godard aber geht es vielmehr darum, die Zusammenhänge wieder herzustellen, die er in solcher Rezeption zerfallen sieht. Wozu für ihn auch gehört, dass irgendwann doch noch einmal eine kommentierte Edition der Pamphlete zustandekommt, die ja seit 1945 nach dem Willen Cèlines und seiner Witwe nicht mehr erscheinen durften. Ob es gelingen wird, die Versiegelung dieser gleichzeitig ausgeblendeten und doch jederzeit präsenten Texte zu lösen, steht freilich selbst für die Zeit nach dem Verfall der Autorenrechte in den Sternen.
 

Henri Godard: „Céline“. Éditions Gallimard, Paris 2011. 593 S., Abb., br., 25,50 €.
 

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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