26.11.2010 · Nach dem Humanismus ist vor dem Humanismus: Henning Ritter hat für den öffentlichen Freundeskreis seine „Notizhefte“ herausgegeben - ein Generationenporträt im Selbstversuch.
Von Sandra RichterManche Bücher machen unwillkürlich schmunzeln, und häufig sind es Nebensächlichkeiten, die Sympathie wecken. Mit Henning Ritters „Notizheften“ verhält es sich ebenso. Diese seien nicht für die Veröffentlichung gedacht gewesen, bemerkt der Autor. Doch „verlockten Stetigkeit und Abwechslungsreichtum der Notizen, sie Freunden zugänglich zu machen, die zu einer Veröffentlichung rieten“. Geschickt wirbt Ritter um das Wohlwollen des Lesers. Ritter bezieht ihn in eine quasi intime Kommunikation ein, indem er seine Freunde anruft. Diese Art und Weise der Kommunikation gewährleistet Aufrichtigkeit. Außerdem immunisiert sie gegen Kritik: Was bloß für private Zwecke festgehalten und auf Geheiß Dritter veröffentlicht wurde, lässt sich strenggenommen nicht beurteilen.
Mit seiner rhetorischen Bitte gibt Ritter Gehalt, Ton und Stil seines Buches vor - indem er es in humanistischer Tradition zum Gegenstand der eigenen Reflexionen macht. Seine Notizen kreisen folglich nicht nur um Geistesgeschichtliches, Kulturelles, Politisches, Wissenschaftliches und Literarisches, sondern auch um die Frage, wie sich angemessen darüber schreiben lässt. Was Ritter lapidar „Notizen“ nennt, umfasst Aphorismen, Maximen, Sentenzen und kurze Essays. Seine gesammelten Hefte reihen sich gleich in mehrere Literaturgeschichten ein: unter anderem in diejenige der französischen Moralistik und in diejenige der kaufmännischen „waste books“, die dazu dienten, tägliche Einkäufe, Ausgaben und Verdienste zu verzeichnen. Am Ende der weitverzweigten Kette von Traditionen und Traditionsbrüchen der Kurzprosa stehen Paul Valérys berühmte „Cahiers“, thematisch geordnete und sachlich gehaltvolle Sammlungen von Notizen.
„Was kümmert mich die Gegenwart?“
Klein- und Kurzformen wie diese sind in Deutschland, wo man systembildendes Denken und Schreiben schätzte, seit jeher wenig populär gewesen. Ritters Notizen bedienen sich sowohl moralistischer als auch nietzscheanischer Wahrnehmungs- und Darstellungstechniken: Einerseits zielt Ritter auf Leichtigkeit und Witz wie im Fall des von dem englischen Dichter Charles Lamb aufgeschnappten Zitats: „Was kümmert mich die Gegenwart? Ich schreibe für die Antike.“ Andererseits steht schwere Kost auf dem Programm wie bei den zahlreichen Eintragungen zu Genese, Entwicklung und Bedeutung der Französischen Revolution.
Ritters Notizen bieten - mit Montesquieu - „Einfälle“. Sie wurden aus Zeitnot in der vorliegenden Form festgehalten, um nicht gänzlich dem Vergessen anheimzufallen. Ihre Epistemologie beruht auf dem Vertrauen in die zufällige Einsicht, etwa durch Funde, Begegnungen, Lektüren. Doch steht dabei weniger das Sammeln solcher Einsichten im Mittelpunkt als vielmehr die skeptische Selbstvergewisserung im Angesicht der eigenen kognitiven Überlastung und der Vergänglichkeit der Ereignisse. Mittel zu dieser Selbstvergewisserung ist die Sprache. Wenn es glückt, das passende Wort zu finden, erlangt eine Notiz ihre eigene Überzeugungskraft. Auf diese Weise befördert sie historisches Verstehen; durch ihre „profane Wortgläubigkeit“ wirkt sie wie eine säkularisierte Religion.
Innerweltliche Glaubensfragen
Ritters innerweltliche Glaubensfragen entspringen den Interessen einer Generation, die in den vierziger Jahren geboren wurde und in den sechziger Jahren studierte. Ihre geistigen Väter hießen Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Beide stifteten geistige Orientierung in der jungen Bundesrepublik, Benjamin freilich postum. Angenehmerweise verzichtet Ritter dennoch auf hagiographische Töne; er will weder Benjamin noch Adorno „in allem recht geben“.
Entsprechend erweitert Ritter das Spektrum seiner Bezugsautoren und -themen. Neben der französischen Moralistik und Philosophie (Montaigne, Pascal, Voltaire, Rousseau, Chamfort) ist das neunzehnte Jahrhundert mit Reflexionen über die Emigranten des Vormärz, Darwin und den Darwinismus vertreten. Aus der Zeit um und kurz nach 1900 faszinieren Freud und die Psychoanalyse, Weltanschauungslehren wie Spenglers „Untergang des Abendlandes“, Ernst Jüngers politische Ambivalenzen und Carl Schmitts staatstheoretische Schriften.
Hegel wird zum Fluchtpunkt
Hinzu kommen politische Themen von prinzipiellem Interesse - Gedanken zur Demokratie und über den Ost-West-Gegensatz. Auch die bildende Kunst wird thematisiert. Den Fluchtpunkt bietet Hegel mit seinem vermeintlichen Diktum vom Ende der Kunst: Wie kann Kunst der modernen Reflexionsbildung genügen, lautet Ritters Frage.
Manches mag im Gang durch die Notizen bekannt vorkommen. Ritter hat bereits ausgiebig über Rousseau, Montesquieu, Darwin und viele andere mehr publiziert. Angesichts der Breite und der Kontinuität der in den „Notizheften“ auftauchenden Themen und Autoren ist es ärgerlich, dass dem Band Register fehlen.
Versucht man dennoch, vor- und zurückzublättern, um Notizen zu vergleichen, dann lassen sich kontroverse Zitate und Reflexionen entdecken, die nicht unbedingt ein einheitliches Bild des jeweils aufgenommenen Themas oder Autors vermitteln (und dies auch nicht müssen). Wenn Ritter warnend notiert: „Man sollte sich in der Öffentlichkeit so äußern, dass keinesfalls eine Debatte entsteht“, so gilt dies für die privaten Notizen nur eingeschränkt. Vielmehr sind sie von erfrischender Risikobereitschaft. Sie vertrauen auf das freundschaftliche Gespräch, das auch vor Publikum subtile Provokationen und offene Fragen erlaubt.
Ein Strang solcher Provokationen verbindet sich mit dem französischen Gelehrten und Politiker Alexis de Tocqueville. In Frage steht nichts Geringeres als die Legitimität der Demokratie. In seinem Buch über die Demokratie Amerikas (1835/40) hatte Tocqueville nämlich beobachtet, dass diese Regierungsform auf marodem Fundament ruht: Einfache Ideen erweisen sich in der Demokratie auch dann als erfolgreich, wenn sie falsch sind. Die Hauptsache ist, dass die Masse der Wähler sie versteht. Bei schwierigen Ideen kommt dies seltener vor. So konkurrieren in der Demokratie nicht mehr Wahrheit und Unwahrheit, sondern Wahrheit und Erfolg.
Weltanschauungsfragen im Gleichgewicht
Vergleichbares gilt für das Format, in das Ideen verpackt werden: Demokratien erscheinen Tocqueville als unsicher, was Stil und Form betrifft. Auf der einen Seite bevorzugt man Klein- und Kleinstformen, um spezifische Wählergruppen anzusprechen, auf der anderen aber neigen Demokratien zum Monumentalen, um etwas Gemeinsames, Herausgehobenes zu schaffen. Die Demokratie erweist sich also möglicherweise als beste, gleichwohl aber als unvollkommene Regierungsform.
Wertungsprobleme wie dieses führen zu weltanschaulichen Fragen, die das Buch nicht beantwortet, ja möglicherweise nicht beantworten will. So geschieht es etwa mit der Frage nach der Bedeutung von Optimismus und Pessimismus. Auf der einen Seite fertigt Ritter Leibniz und die Lehre von der besten aller Welten als dünkelhaft ab. Ritter bekennt sich zu Voltaires und Nietzsches Leibniz-Kritik: Rechtfertigen lasse sich nur, was dem Menschen erträglich ist - und Leibniz' abstrakte Formel von einem Gott, der allwissend, allweise und allgut Übel in die Welt bringe, überzeuge nicht.
Auf der anderen Seite kritisiert Ritter den Kulturpessimismus des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts auf den Spuren von Fritz Stern. „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ - so könnte man zahlreiche Notizen überschreiben. Dennoch erscheint der Pessimismus in Ritters Buch als dominante Größe: Der Optimismus, die säkulare Religion der Aufklärung, so heißt es in einer Notiz zu Lichtenberg, ist verlorengegangen und dem Pessimismus gewichen.
Kenner auf dem Gebiet des Exils und der Emigration
Die große Gruppe der historisch beobachtenden Notizen bleibt entsprechend weltanschaulich neutral. Zu ihnen gehören beispielsweise die Einträge zu Exil und Emigration. Sie zeigen, wie kundig Ritter auf diesem Gebiet ist. Seine Geschichte des Exils beginnt nicht etwa mit dem zwanzigsten Jahrhundert, sondern schon mit den Autoren des Vormärz. Zu Ritters Gewährsleuten zählt unter anderem der dänische Philosoph Georg Brandes, der sich auch literaturhistorisch betätigte. Als einer der Ersten äußerte er sich zur Emigrantenliteratur und attestierte ihr schwärmerischen Rousseauismus.
Das Exil der dreißiger und vierziger Jahre ist mit bekannten Namen wie Klaus und Thomas Mann, Aby Warburg und Erwin Panofsky vertreten. Im Mittelpunkt steht Thomas Manns umstrittene These von der moralischen Überlegenheit der Emigranten im Vergleich zu den in Deutschland verbliebenen Intellektuellen, den Vertretern der „Inneren Emigration“. Ritter lässt sich nicht auf diese These ein. Vielmehr nimmt er ein Zitat des späten Gottfried Benn auf. Dieser hatte dem jungen regimekritischen Klaus Mann interessanterweise nicht moralische, sondern intellektuelle Überlegenheit bescheinigt. Thomas Manns steile These wird mit Benn wenn nicht korrigiert, so doch relativiert.
Selbstpositionierungen wie diese lassen die Notizen ansonsten eher ex negativo erahnen: aus dem, was der Autor nicht aufnimmt, notiert, kommentiert. Im Weglassen und Verschweigen liegt ein wesentliches Prinzip von Ritters Notizen.
Unparteilichkeit als Prinzip jeder Rezension
Das humanistische Prinzip für Rezensionen heißt „Unparteilichkeit“. Gleichwohl ergreifen solche Rezensionen gern und entschlossen Partei, um sich entschieden für oder gegen einen Text einzusetzen und dem Leser nur pro forma das Urteil zu überlassen. In diesem Sinne spricht für Ritters „Notizhefte“, wie er verschüttete Traditionen der Kurzprosa ausgräbt, bedenkt, aktualisiert und historisiert. Nach dem Humanismus ist hier vor dem Humanismus: Im Selbstversuch hat Ritter ein intellektuelles Porträt seiner Generation vorgelegt - ein elegantes, gebildetes und nachdenkliches Porträt, das nicht nur zur Lektüre, sondern auch zur Nachahmung im mehr oder minder öffentlichen Freundeskreis empfohlen sei.