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Helmuth Lethen: Suche nach dem Handorakel Dr. Hüllen hatte die Linke voll im Blick

Am Leitfaden von Büchern und Männerfreundschaften: Helmut Lethen schildert seinen Weg in die kommunistische Partei und zurück.

© Verlag Vergrößern

James Bond ist in dem neuen Film „Skyfall“ älter geworden und ins autobiographische Alter eingetreten, er ist nicht mehr jener, der er war; die Titelmelodie und das nachgerüstete Bond-Auto tauchen erst spät auf und provozieren ein Lächeln. Was für Bond die technischen Spielzeuge sind, das ist im Fall von Helmut Lethen die marxistisch-leninistische und maoistische Partei, der er in den siebziger Jahren an führender Stelle angehörte. Alles scheint so weit in die Ferne gerückt zu sein, dass er reflektierende Anstrengungen unternehmen muss, um sich noch als der gleiche Mensch zu erkennen. Aber ist es wirklich so? Es gibt Passagen, da erkennt man den alten Kader. Die Solidarität mit Hannes Heer aus der weiland gleichen Partei, der die erste Wehrmachtsausstellung kuratierte, die überarbeitet werden musste, ist noch immer so stark, dass Lethen von einem großen Erfolg der Aufklärung spricht - als wäre im gleichen Moment der Umgang mit ihren Kritikern nicht auch ein Debakel gewesen.

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Lethen wurde 1939 geboren; er ist ein wenig älter als die Hauptmatadore des Jahres 68 und brauchte nicht erst den 2. Juni zu seiner Politisierung. Es ist kaum ein Zufall, dass unter der ihn prägenden Musik der frühen Jahre Strawinskys „Petruschka“ eine besondere Stellung einnimmt, ein Stück von einzigartiger motorischer Intensität, geschrieben für ein Ballett. Denn Lethen rekonstruiert sein Leben aus dem Begriff der Bewegung. Anfang der sechziger Jahre schien ja alles in Bewegung zu sein, es waren „kinetische Jahre“, von denen dann etwas plakativ die „bleiernen“ nach 1977 abgesetzt werden. „Ich stamme aus einer Leichtathletikfamilie“, schreibt Lethen einmal. Er brachte es als Junge zu einem regionalen Titel. „Mag sein, dass daraus die Neigung erwuchs, Schrift auf Bewegungssuggestionen abzutasten.“

Nach dem Ende der Utopien

Und gleich fügt er an, dass er damit als Literaturwissenschaftler den philologischen Nahaufnahmen auswich. Tatsächlich liegt Lethens Ingenium in ungemein ansprechenden Formeln entweder für Bewegungsimpulse oder für ihre Bremsung und Erstarrung. Bewegung war das, was die strenge „Kritische Theorie“ in Adornos Version ihren Adepten versagte, „Minima Moralia“ konnte Lethen nur enttäuschen. Bewegung versprach die Partei, von der sich allerdings herausstellte, dass auch sie - lang vor der „bleiernen Zeit“ - eine Disziplinierungs- und am Ende Stillstellungsmaschine war.

Hochamüsant ist in dieser Hinsicht das erste Kapitel „Dr. van Hüllen und die Historiker“, in dem ein Podiumsgespräch mit einem Veteranen des Verfassungsschutzes geschildert wird, lange nach den Schlachten. Da sitzen die beiden besten Kenner der kurzen roten Ära und sind sich bald einig, dass die Partei dem Geheimdienst vor allem den Gefallen tat, alles überschaubar gemacht zu haben. Am Ende weiß aber Dr. van Hüllen doch noch etwas mehr als der Kader. Lethen datiert - wie kürzlich Hans Ulrich Gumbrecht in seiner intellektuellen Autobiographie „Nach 1945“ - das Ende der Utopien auf 1973. Danach war die Zukunft nicht mehr dieselbe. Gumbrecht argumentiert mit einer regelrechten Zeittheorie, Lethen hält sich in diesem Punkt zurück.

Das Problem von Massenkultur und Aura

Bücher und einige besondere, zeitüberdauernde Freundschaften, die sich im Umkreis von Zeitschriften gebildet hatten - in der marxistischen „Alternative“ und dann in den „Berliner Heften“, wo man den Kater nach dem maoistischen Rausch auskurierte -, ziehen sich durch das Buch. Es mag für einen Literaturwissenschaftler schicklich sein, die Geschichte seines Lebens sich am Leitfaden von Lektüren zu vergegenwärtigen. Aus den Büchern von damals ragen einige heraus; es sind jene, die in die Funktion des „Handorakels“ eintreten, des Schlüsselbuches für Wegscheiden der Orientierung. Das geht zurück auf Balthasar Graciáns „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“, von Schopenhauer übersetzt, das Lethen 1990 für sich entdeckte. Lethen kommt aus einer Familie von kleinen Leuten; die priesterlich zelebrierte Hochkultur war seine Sache nicht, und so wurde Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz (gegen Aura, gegen Ferne und Unnahbarkeit in der Kunst, für die Massenkultur) sein erstes Handorakel, dem später andere folgten.

Das Buch ist reich an herrlichen Anekdoten. Als der marxistische Literaturtheoretiker Lucien Goldman zu Gast ist und man ihm die bevorstehende Neuedition von proletarischen Romanen der zwanziger Jahre ankündigt, empfiehlt er stattdessen die Lektüre von Racine. Da kehrte das Problem von Massenkultur und Aura an einer Stelle wieder, an der man es gerade nicht erwartet hatte.

Leitfaden Männerfreundschaft

Lethens Dissertation „Weißer Sozialismus“ (1970) war eine marxistische Kritik der „Neuen Sachlichkeit“. „Verhaltenslehren der Kälte“, das Buch, mit dem er 1994 einer weiten Öffentlichkeit bekannt wurde, behandelte nicht eigentlich einen neuen Stoff, sondern der alte wurde nun anders gelesen. Indem die Generationsverwandtschaften zwischen Carl Schmitt und Plessner, Walter Benjamin und Jünger stärker akzentuiert wurden, konnte man zunächst glauben, die Frage von rechts und links sei Lethen gleichgültig geworden. Dem war nicht so. Dafür aber handelte es sich um ein Werk, mit dem Lethen die Verfassung jener Schriftsteller und Intellektuellen vergegenwärtigen konnte, die seine Partei naiv hatte nachspielen wollen. Insofern schildert diese Geschichte ein Leben von außergewöhnlicher Kontinuität.

Man kann einer intellektuellen Autobiographie kaum vorwerfen, dass sie am Leitfaden von Lektüren und Männerfreundschaften erzählt wird. Aber etwas merkwürdig ist es doch, dass die Namen der Ehefrauen zwar fallen, ihre Geschichte jedoch sehr in den Hintergrund tritt. Reflexionen über die Liebe finden sich dagegen in einer glänzenden Analyse von Vignetten der „Minima Moralia“. Ein weiterer Ausfall ist die Bundeswehr, die Lethen zum Leutnant machte und damit für spätere Kaderaufgaben bestimmt qualifizierte.

Helmuth Lethen: „Suche nach dem Handorakel“. Ein Bericht. Hrsg. von Bernhard Jussen und Susanne Scholz. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 128 S., br., 9,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.12.2012, 16:40 Uhr