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Helmut Schmidt und Peer Steinbrück: Zug um Zug Reisen Sie eigentlich genug, Peer?

 ·  Der Kanzlerkandidat des Altkanzlers zeigt, was in ihm steckt: Der Gesprächsband von Helmut Schmidt und Peer Steinbrück dokumentiert eine Begegnung in gebremster Lockerheit.

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Ob Peer Steinbrück ein Urteil abgeben könne über Heideggers Buch „Sein und Zeit“? „Nein, kann ich nicht“, antwortet Steinbrück. Helmut Schmidt baut eine Brücke: Aber sicher könne er, Steinbrück, doch etwas zu Karl Popper sagen? Steinbrück verweist darauf, Ende der sechziger Jahre Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gelesen zu haben. Hier möchte Schmidt tiefer einsteigen, er examiniert mit einer Demutsgeste: „Was ich bei ihm nicht begriffen habe, ist die Falsifikationstheorie. Die hat mir nicht wirklich eingeleuchtet.“ - „Mir wohl“, sagt Steinbrück und reicht dem Altkanzler und Popper-Spezialisten Schmidt mit ein paar kräftigen Strichen die Erkenntnistheorie des kritischen Rationalismus nach.

So gibt, ist die philosophische Ader erst einmal angezapft, ein Wort das andere. Auch mit Habermas kenne er sich aus, fügt Steinbrück hinzu, jedenfalls, was dessen öffentliche Stellungnahmen zu politischen Themen angeht: „Ich will da gar nicht kokettieren, aber auch ich habe diese Artikel in der Zeit oder auch in der FAZ oder früher in der Frankfurter Rundschau mit Aufmerksamkeit gelesen, ohne ihnen immer zuzustimmen.“ Alles in allem bedauere er, dass das Institut der „Public Intellectuals“ hierzulande so wenig gelte. Die heutigen Mediendebatten würden vergessen lassen, „welche Bandbreite und Tiefenschärfe die intellektuelle Diskussion in den sechziger Jahren in unserem Land hatte“.

Es darf nicht vergessen werden, wer die Bestnoten vergibt

Schmidt findet „Public Intellectual“ ein „wunderschönes Stichwort“, würdigt in dieser Hinsicht ebenfalls die sechziger Jahre, will aber noch einen weiteren Schritt zurücktreten und erinnert ans produktive geistige Klima der zwanziger Jahre, „vom Fackel-Kraus auf der einen Seite bis zu Thomas Mann auf der anderen Seite“. Wo ist sie geblieben, die Zeit?

„Zug um Zug“ dokumentiert ein Gespräch zwischen Schmidt und Steinbrück, in dem der persönliche Kanzlerkandidat des Altkanzlers die Gelegenheit erhält zu zeigen, was in ihm steckt. Die performative Schwierigkeit besteht darin, einerseits ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe vorführen zu wollen - daher der aufs gemeinsame Schach anspielende Titel „Zug um Zug“ -, andererseits Schmidt noch gebührend als den obersten Preisrichter der Partei erscheinen zu lassen, der befugt ist, Steinbrück die Bestnoten zu geben.

Der Rohrstock wird nicht rausgeholt

Diese Gratwanderung ist glänzend gelöst. Schmidt lobt Steinbrück, wo immer es geht, und gibt doch zu verstehen, Steinbrück brauche nicht nur Ja und Amen zu sagen. So entsteht eine Atmosphäre gebremster Lockerheit, in welcher sich der Prüfling in den unausgesprochenen Grenzen des offenen Diskursraums langsam warmläuft und sich hier und da auch einmal etwas herausnimmt („Helmut, da würde ich widersprechen!“).

Steinbrück zeigt sich bei allen Materien im Bilde, Schmidt benotet entsprechend gut bis sehr gut, in Wendungen wie: „Ich stimme Ihnen zu, Peer“; „das ist ganz gewiss richtig“; „dick unterstreichen!“; „das ist druckreif“; „Ihre Antwort ist in Ordnung“; „ja, Sie haben recht, ich war zu einseitig“. Wo Schmidt meint, tadeln zu müssen, geht er sensibel vor: „Peer, darf ich dazwischenfahren?“, um sich sogleich für die „Abschweifung“ zu entschuldigen. Nur einmal fährt er aus der Haut, als Steinbrück mit Wehmut an die „Sozialistische Internationale“ der siebziger und achtziger Jahre erinnert.

Da meint Schmidt, seinen Ohren nicht zu trauen, und ruft: „Jetzt singen wir gleich die Internationale! Nein, es tut mir leid, ich habe Einrichtungen wie die Sozialistische Internationale immer für überflüssig gehalten.“ Das soll auch zeigen: Mehr als dieses eine lässliche historische Fehlurteil hat Steinbrück nicht am Stecken! Wiewohl, so muss man wohl hinzufügen, auch dieser fähige Mann in puncto Kosmopolitisches noch über Entwicklungspotential verfügt: „Reisen Sie eigentlich genug, Peer?“ Im Augenblick zu wenig, gesteht Steinbrück. Doch schiebt er seinen Verbleib im „europäischen Nahbereich“ dann geistesgegenwärtig auf die Schwierigkeit, ein gutes Reisebüro zu finden: „Ich vermisse die Infrastruktur, die solche mehrtägigen Fernreisen organisiert.“

Warum hat niemand in Ruanda eingegriffen?

Und im Zweifel ist ja richtig: Man wächst mit dem Amt. „Mein Gefühl ist, dass es einen hohen Bedarf an Seriosität und Substanz gibt, und das spiegelt sich wider in der Aufmerksamkeit, die Sie finden, Peer.“ Steinbrück bricht den Zirkelschluss in der Weise auf, dass er sich in der Sache sehr klar gegen eine historische Relativierung von Demokratie und Menschenrechten wendet, wie sie bei Schmidt gelegentlich anklingt, etwa bei der Bewertung der chinesischen Situation.

Auch möchte er dem Eindruck entgegenwirken, das Völkerrecht erschöpfe sich in dem von Schmidt betonten Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates. Steinbrück erklärt: „Mich stört mehr, dass die Anwendung der Maßstäbe sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Warum wird in Libyen interveniert und in Syrien nicht? Warum haben wir ein militärisches Eingreifen im Fall des Balkankrieges gerechtfertigt mit dem Hinweis, weiteren Völkermord zu verhindern, aber im Falle von Ruanda oder Burundi nicht?“

Ich hab das Ding im Regal stehen

Das windungsreiche Gespräch, bei dem man Punkt für Punkt einen Stichwortzettel abarbeitet, reicht von aufregenden politischen Erörterungen etwa zum „Fremdeln des Bundesverfassungsgerichts mit der europäischen Integration“ (Steinbrück) über schlagfertiges Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen im Bonner Kanzleramt - wo Schmidt Regierungschef und Steinbrück kleiner Referent war - bis hin zu zeitlosen Richtigkeiten wie der Kritik an Talkshows, dem Niveauverlust der parlamentarischen Debatte und dem dünnen Firnis der Zivilisation. Man liest noch einmal über Brandts Depressionen, über das Ärgernis der Rauchverbote und Schmidts klapprige frühe Autos, mit denen er die Republik durchquerte.

Wenn der Altkanzler das Personal der alten Zeiten Revue passieren lässt, ist das ganz großes politisches Theater. Über Manfred Schüler: „Ein wunderbarer Verwaltungsbeamter erster Klasse.“ Über Klaus Dieter Leister: „Ein Mann, dem ich nach wie vor meine Zuneigung bewahre.“ Über Hans Otto Bräutigam: „Ein sehr tüchtiger Jurist.“ Über Horst Schulmann: „Ein wunderbarer Kerl.“ Über Wolfgang Clement: „Ein tragischer Fall. Ist er innerlich verhärtet?“ Auch Thilo Sarrazin wird belobigt für sein Wirken als Berliner Finanzsenator sowie als Mitherausgeber einer Buchreihe aus den Siebzigern („Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie“), für die Schmidt „mit der Hand“ ein Vorwort verfasst hatte. Steinbrück zeigt sich auch bei dieser bibliophilen Petitesse gut unterrichtet: „Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie, eine gelbe Schwarte, ist in der Internationalen Bibliothek erschienen. Ich habe das Ding zu Hause.“

Immer tiefer den Trichter hinab

Der beste Schachzug gelingt bei der heiklen Partie, Steinbrück dann auch ganz ausdrücklich mit quasi geschichtsphilosophischer Notwendigkeit fürs Kanzleramt in Szene zu setzen. Schmidt tut dies, in dem er erklärt, einen guten Mann erkenne man daran, dass er sich nicht um Ämter drängt, sondern sich in die Pflicht nehmen lässt, wenn sie ihm angetragen werden. Auch er selbst habe sich seinerzeit um das Amt des Regierungschefs nicht gedrängt, sondern sei „da reingerutscht“. Das ist für Steinbrück das Stichwort: „Ich finde das Bild vom Reinrutschen gar nicht so verkehrt. Ich benutze das Bild vom Trichter: In diesem Trichter rutscht man immer weiter, bis man dann eines Tages an einer Position ist, wo man sich entscheiden muss.“

So kommt, versteht man Steinbrück richtig, auch die Jungfrau zum Kind: „Zu meinem eigenen Erstaunen“ sei er irgendwann mit Anfang vierzig Staatssekretär „und zu meinem noch größeren Erstaunen drei Jahre später Wirtschaftsminister eines kleinen Bundeslandes geworden. Von da an geriet ich immer tiefer in diesen Trichter. Ich wurde Wirtschaftsminister eines großen Bundeslandes, dann wurde ich sein Finanzminister, dann sein Ministerpräsident, dann fiel ich auf die Nase bei einer Landtagswahl und war eigentlich draußen. Und sechs Monate später war ich wieder drin als Bundesminister.“ Und dann wieder draußen und nun wieder drin - in diesem schönen Buch, durch das eine Kanzlerkandidatur rutscht, ohne dass der Kandidat wissen darf, wie ihm geschieht.

Helmut Schmidt und Peer Steinbrück: „Zug um Zug“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011. 320 S., geb., 24,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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