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Helmut Schmidt und die Religion Ich nenne mich einen Christen

18.05.2011 ·  Er darf es bekennen: Altbundeskanzler Helmut Schmidt stellt sich in einem neuen Buch der Frage nach seiner religiösen Überzeugung. Am Ende aber kommt er doch wieder auf Europa zu sprechen.

Von Theo Waigel
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Im Garten meines Bauernhauses in Oberrohr steht ein alter Obstbaum, den mein Vater oder mein Großvater vor etwa neunzig Jahren gepflanzt haben. Er hat auch heuer wieder geblüht, obwohl sein Stamm gespalten ist und mehrere Äste abgestorben sind. Dieser Baum bedarf der Stütze, doch wenn er seine Früchte trägt, erinnert mich das in berührender Weise an meine Kindheit.

Der etwa gleichaltrige Helmut Schmidt schafft es mit seinen Gedanken und Büchern, an die Spitze der Bestsellerlisten zu gelangen. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem er uns nicht mit einem neuen Werk überrascht, auch wenn es manchmal die Aufsätze und Reden der vergangenen fünf Jahrzehnte sind. Diesmal sind es neben einigen zeitnahen Betrachtungen und persönlichen Rückblicken auf sein langes Leben eine Sammlung von Diskussionsbeiträgen seit Mitte der siebziger Jahre, als seine Kanzlerschaft begann. In der damaligen Grundwertedebatte war Helmut Schmidt bemerkenswert defensiv geblieben. Die katholischen Bischöfe hatten den Rückgang der Grundwerte in der Politik beklagt, und der damalige bayerische Kultusminister Hans Maier hatte in beeindruckender Weise die Rolle von Staat und Politik in der Diskussion um geistige Führung beschrieben. Helmut Schmidt hingegen verteidigte das Neutralitätsgebot des Staates und verwies auf die Grenzen seiner Möglichkeit, wenn nicht Ethos und Werte durch einzelne Sinnvermittlungs-Institutionen und vor allem Kirchen in die Gesellschaft eingeführt, fortgeführt und verteidigt werden.

Er wendet sich gegen die Missionierung

Damals ärgerte er sich über die Skepsis Richard von Weizsäckers, ob Helmut Schmidt wohl einen Platz in der Geschichte finden würde. Heute würden wohl beide sich gegenseitig diesen Platz großmütig zugestehen. Helmut Schmidt verteidigt seine Distanz zur Kirche und betrachtet sich als zu den Distanzierten in der Kirche gehörig, ohne sein Bekenntnis zu seiner Kirche und dem Christentum in Frage zu stellen. „Ich nenne mich einen Christen und bleibe in der Kirche.“ Dieser Satz kehrt in seinen Gedanken immer wieder. Dabei bekennt er dankbar, wie ihn die Mahnung Kardinal Königs zum Gebet in schwierigen Situationen geholfen habe. Beeindruckend benennt er die christliche Freiheit als Hilfe auf dem Weg durch Versuchungen, Herausforderungen und Belastungen.

Dabei hilft die Bezugnahme auf Christentum und Jesus Christus allein nicht, wenn nicht der abwägende Verstand, die Vernunft und die Erfahrung dazukommen. Darum nimmt Helmut Schmidt immer wieder die Anleihe bei Immanuel Kant, seiner praktischen Vernunft und seinem Imperativ zum ewigen Frieden. Und doch brauchen wir, wie Helmut Schmidt es dezidiert ausspricht, das Vertrauen auf Gott, gerade wenn wir auch bei sorgfältigem Abwägen in der Gefahr bleiben, schuldig zu werden und Falsches zu tun. Wörtlich: „Ich glaube, Vertrauen auf den Herrn der Geschichte gibt uns auch den Mut dazu, Ängste auszuhalten; diese Welt, so wie sie wirklich ist, als Heimat anzunehmen und diese Welt, wo sie noch nicht Heimat ist oder wo sie es nicht mehr ist, wieder zur Heimat zu machen.“ Ein Glaubenssatz in schwankender Zeit.

Diese Gedanken halten aber Helmut Schmidt nicht davon ab, seine Kritik und seine tiefen Zweifel zu formulieren. Die Theodizee, die Frage nach dem Warum von schrecklichem Geschehen lässt ihn nicht los. Wie konnte es zu dem Versagen der Christen und blutigen Kämpfen zwischen Christen und Andersgläubigen kommen? Er wendet sich gegen die Missionierung, die in unserer Zeit des notwendigen Dialogs keine Berechtigung mehr habe. Die Globalisierung fordere den Friedensbeitrag der Christen und der anderen Religionen wie nie zuvor. In diesem Zusammenhang erwähnt er die friedensstiftenden politischen Bemühungen in der deutschen und europäischen Politik und erinnert an die vielfältigen Initiativen der „elder statesmen“ in den letzten Jahrzehnten. Dabei taucht immer wieder der Name von Anwar al Sadat auf, der ihm viel bedeutete, aber auch Persönlichkeiten wie Papst Johannes Paul II. oder Hans Küng spielen bei ihm eine große Rolle.

Die europäische Zusammenarbeit ist unentbehrlich

Das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit und einen Gewissensirrtum und die Wahrheit über uns selbst hörbar einzuräumen ist bei Helmut Schmidt bemerkenswert. Das erinnert an die Predigt von Bischof Kruse über das Lob der Unvollkommenheit, eine Mahnung und Warnung an Bischöfe und Politiker. Die Bemerkung Helmut Schmidts, Immanuel Kant habe sein Leben lang über die Grundwerte seines Gewissens nachgedacht, ohne dass die Religion dabei eine Rolle spielte, wird im philosophischen und theologischen Lager wohl Widerspruch hervorrufen. Gegen Ende seiner Überlegungen ermahnt er die deutsche Politik, in Europa die wichtige und richtige Rolle zu spielen. Europa sei keine Nation, aber die europäische Zusammenarbeit unentbehrlich in einer globalen Welt, unentbehrlich im Bemühen für den Frieden, nicht nur auf diesem Kontinent. Dass er dabei die Schaffung der gemeinsamen Euro-Währung als erstaunlich weitgehenden Schritt bezeichnet, erfreut nicht nur den Rezensenten.

Es sind nachdenkliche und eindringliche Gedanken, die uns der alte Mann aus Hamburg mitteilt, auch wenn es die Abfolge unterschiedlicher Anknüpfungspunkte und Geschehnisse sind. Es täte der politischen Debatte und der geistigen Auseinandersetzung in Deutschland gut, wenn in einem „Rat der Alten“ Helmut Schmidt und die anderen früheren Kanzler und Präsidenten mit einigen Theologen und Philosophen ihre Erfahrung und ihren Rat einbrächten.

Helmut Schmidt: „Religion in der Verantwortung“. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung. Propyläen Verlag, Berlin 2011. 256 S., geb., 19,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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