19.09.2008 · Helmut Schmidt kam nach Berlin, um sein neues Buch vorzustellen. Nachdem die ewige Zigarettenfrage zu seiner Zufriedenheit geklärt worden war, setzte er in gewohnter Übersicht zu einem Blick auf die Welt an, pragmatisch und prinzipienfest zugleich.
Von Alexander CammannNach einer Stunde waren Publikum und Hauptdarsteller im Berliner Ensemble erlöst: Endlich stiegen vorne auf der Bühne jene Rauchschwaden auf, die zu dieser Erfolgsinszenierung nun einmal gehören und um derentwillen man sie sich immer wieder gerne anschaut. „Das sagen Sie mir jetzt erst?“, herrschte Helmut Schmidt seinen Gesprächspartner Claus Kleber an: Der Moderator hatte mittendrin offenbart, dass der Intendant Claus Peymann eine juristisch abgesicherte Raucherzone auf der Bühne durchgesetzt habe. Blitzschnell griff der Neunundachtzigjährige in die Innentasche und zückte die Schachtel; das Feuerzeug blitzte auf. Vor einiger Zeit hatte ihn öffentliches Rauchen in einem Hamburger Theater in Schwierigkeiten gebracht. Deshalb ignorierte der gesetzestreue Altkanzler zunächst den Aschenbecher auf dem Tisch neben ihm derart stoisch, dass einer seiner Lieblingsphilosophen, der römische Kaiser Marc Aurel, begeistert gewesen wäre.
Großer Andrang herrschte am Mittwochabend im Berliner Ensemble, als Schmidt seine soeben unter dem Titel „Außer Dienst“ erschienene politische Lebensbilanz vorstellte. Alte Weggefährten wie sein Regierungssprecher Klaus Bölling und Egon Bahr waren dabei; rechts in einer Loge versteckt saß zeitweise Richard von Weizsäcker. Im Foyer gab es Public Viewing vor einer Leinwand; sämtliche Altersgruppen waren gekommen, um die Schmidt-Show zu erleben. Mitten in der Krise der Volksparteien ist das Orakel von Hamburg-Langenhorn längst selbst zu einer Volkspartei geworden. Wer würde nicht das Kreuzchen bei ihm machen, wenn er in der Einsamkeit einer Wahlkabine plötzlich Helmut Schmidt auf dem Zettel fände? Sein ungeheures Ansehen kann niemand kopieren. Denn dieser Methusalem der deutschen Politik vereint in seiner Person auf geheimnisvoll stimmige Weise das, was sonst als Gegensatz empfunden wird: Er gilt als pragmatisch und prinzipienfest zugleich.
Blick auf die Weltlage
Von beidem gab es genügend an diesem Abend, nachdem sich ein weißer Vorhang geöffnet hatte und dahinter Schmidt und Kleber zum Vorschein kamen. Vom „fragestellenden Dienstleister“ (Kleber über Kleber) souverän durch den Abend geleitet, bot der „alte Mann ohne Einfluss“ (Schmidt über Schmidt) die von ihm erwartete Übersicht beim Blick auf die Weltlage. Die SPD, Amerika, Russland, die globale Finanzkrise und der schädliche Derivatehandel, die deutsche Geschichte und das Scheitern der Weimarer Koalition von 1930, die Zukunft der Nato und das politische Personal hierzulande – nichts wurde ausgelassen, alles kam vor, gründlich bedacht und weise wie immer klingend.
So mochte er seiner SPD empfehlen, die Agendapolitik von Gerhard Schröder weiterzuverfolgen und besser zu erklären; nur so sei Europas größte kulturelle Leistung, der Sozialstaat, zu retten. „Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden“: So lautete, vom Publikum mit Gelächter kommentiert, sein lapidarer Kommentar zu dem personellen Orkan, der zuletzt die SPD erschüttert hat. Die Frage nach Lafontaine ersparte ihm Kleber diesmal; noch am vorletzten Wochenende hatte der Altkanzler den Namen des Saarländers knackig in einem Atemzug mit Hitler und Le Pen genannt.
Eiserne Realpolitik
Stattdessen verwies der einstige Leutnant der Wehrmacht auf die anderen Lebenswege heutiger Politiker. In früheren Generationen habe noch Auschwitz und Workuta nachgewirkt. Egon Bahr musste beständig nicken, als sich Schmidt, eiserner Realpolitiker, vehement gegen weltweite militärische Abenteuer der Nato aussprach. „Georgien liegt in Asien“, so der Militärexperte unerschütterlich; die Allianz hätte in solchen Krisen nichts zu suchen, zumal die Beziehungen zu Russland von entscheidender Bedeutung seien.
Die großen Zukunftsprobleme sah Schmidt in der Überalterung unserer Gesellschaft („man kann nicht mit 61 in Rente gehen, wenn man so alt wird wie ich“) sowie in der Meisterung der ökonomischen Globalisierung. Den „Raubtierkapitalismus“ wollte er angesichts der dramatischen Finanzmarktkrise endlich gebändigt wissen; als Menetekel rief der Ökonom die Weltwirtschaftskrise 1929 in Erinnerung, die die Staaten damals kaum gemeistert hätten. Schmidt wehrte sich jedoch gegen prinzipielle Skepsis: Demokratien könnten die momentanen Probleme lösen – gerade in Amerika, wo sich die Vitalität „trotz oder mit“ dem künftigen Präsidenten schließlich durchsetzen werde.
Lehre der Toleranz
Am Ende kreiste man um letzte Dinge. Der Glauben sei im Laufe seines Lebens als moralische Richtschnur für ihn weniger wichtig geworden – auch wenn er den Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“ geleistet habe. Toleranz zwischen den Religionen allerdings sei eine der Hauptaufgaben dieses Jahrhunderts. Er selbst kannte als Hamburger Junge noch das heute von niemandem verwendete Schimpfwort „Du bist ja katholisch!“ Nach anderthalb Stunden erhob sich das Publikum und applaudierte diesem erstaunlich präsenten Staatsmann und dessen Vermächtnis. Leicht auf seinen Stock gestützt und ohne viel Aufhebens verschwand Helmut Schmidt langsam hinter der Bühne.
Respekt
Hans Czinzoll (domit)
- 18.09.2008, 19:52 Uhr
Respekt
otto schwein (Otto49)
- 18.09.2008, 22:49 Uhr
"einstige Leutnant der Wehrmacht..."
Tatiana Schmidt (tatiane)
- 19.09.2008, 01:34 Uhr
@ Herr Schwein...
Matthias Fiedler (msalcapone)
- 19.09.2008, 09:43 Uhr
Schmidt
Andreas Noreikat (derherold)
- 19.09.2008, 10:14 Uhr