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Heinz Schilling: Martin Luther : Martin Luthers Beziehung zu Gott

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H. Beck

Lohnende Lektüre: Heinz Schilling arbeitet die außerordentliche Persönlichkeit des Reformators heraus, ohne dessen Nachtseiten zu beschönigen.

          Reduktion von Komplexität zu bremsen, das ist die schöne und humanisierende Aufgabe ordentlicher Geschichtswissenschaft. Dort, wo einer etwa Vormoderne und Moderne sagt und also eine Unterscheidung macht, die ausgesprochen handlich, aber irgendwo auch krude und ideologieträchtig ist, sollte ein guter Historiker einschreiten und darauf hinweisen, dass die Sachlage wesentlich komplexer ist. Und dafür ist die Reformationsgeschichte ein gutes Übungsfeld. Wie lange wurde und wird noch über die Frage gestritten, ob mit Martin Luther die Neuzeit begonnen habe oder ob er dafür verantwortlich sei, dass dem Mittelalter eine unerfreuliche oder - je nach Sichtweise - vielleicht auch erfreuliche Spätblüte beschert worden sei.

          Gegen solch einfachen Oppositionspaare hilft nur ein belesener Historiker, der mit gutgewählten Beispielen zeigt, dass die Chose wesentlich vielschichtiger ist und man mit der eindrücklichen Evidenz von Friseur-Fotos à la „Vorher - nachher“ hier nicht wirklich weiterkommt. Heinz Schillings großes Luther-Buch spielt im Titel auf Epochenschwellendiskurse an, aber die Stärke dieser dicht gewobenen und gutgeschriebenen Biographie des Reformators liegt gerade darin, dass der Autor zeigt, wie komplex damals das Feld der unterschiedlichen Kraftvektoren war, der Überlagerungen und überraschenden Verstärkungen, der konkurrierenden Persönlichkeiten, der Strukturen und religiösen Mentalitäten, die dann letztlich zu einem historischen Umbruch namens Reformation geführt haben.

          Aus Martin Luder wird Martin Luther

          Schilling setzt mit einem Zitat aus dem „West-östlichen Divan“ ein, in dem Goethe Epochen, „in welchen der Glaube herrscht“, als „glänzend, herzerhebend und fruchtbar“ bezeichnet - eine Begeisterung, welche unsere säkulare Gegenwart nicht mehr teilen könne. Vielmehr seien solche Epochen immer auch „finster, herzzerreißend und zerstörerisch“ gewesen. Und doch spürt man durch das ganze Buch hindurch die Faszination des Historikers für den außerordentlichen Homo religiosus, von dem er sagen kann: „Erst Luther brachte den sicheren Anker einer Religion, die jeder Mensch als seine ureigene Sache begreifen konnte.“

          Der erste Teil dieser Lebensbeschreibung ist einer differenzierenden Skizze der welt- und europapolitischen Entwicklungen gewidmet, der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aufbrüche, der religiösen Strömungen um das Jahr 1483 herum, das Geburtsjahr Luthers, gefolgt von einer knappen Beschreibung des Elternhauses, der Jugendjahre bis zum Eintritt ins Augustinerkloster. Es ist ein nüchterner Blick sowohl auf die „Leistungsfrömmigkeit der spätmittelalterlichen Kirche“ wie auf die gewissenhafte akademische Arbeit des jungen Universitätsdozenten Martin Luder.

          Der zweite Teil schildert die Wittenberger Zeit, die Klärungsprozesse im Zusammenhang mit dem Streit um den Ablass und das dabei gewonnene neue Selbstverständnis, welches sich im Namenswechsel von Luder zu Luther manifestierte. Schilling hält diesen Wechsel für so signifikant, dass er seinen Protagonisten erst von diesem Zeitpunkt so schreibt, ein Wechsel, der bei Luther in jener Zeit übrigens oft mit dem brieflich verwendeten Namenszusatz „Eleutherios“ verbunden war: der Freie, der Befreite und zugleich der Befreier. Das wird folgendermaßen kommentiert: „Die neu gewonnene Gottesbeziehung machte ihn zu einem neuen Menschen, der sich in einem emphatischen Sinne frei fühlte.“

          Das damit verbundene Sendungsbewusstsein, der dabei gewonnene Mut zum Widerstand und auch der lange Atem, gegen vielerlei Gefahren für das befreiende Erkannte einzustehen - genau das bildet den Erzählfaden des Buches. Im dritten, dem späten Luther gewidmeten Teil „Zwischen Prophetengewissheit und zeitlichem Scheitern“ wird die Kehrseite von dessen rebellischer Kraft beschrieben: die zunehmend sich zeigende Unfähigkeit zum Kompromiss, ein aus dem direkten Gottesverhältnis sich ableitender, gefährlicher Hang zu Absolutismen, welche ständig durch die apokalyptischen Gegensätze Gott oder Teufel neu gehärtet wurden.

          Reduktion von Komplexität

          Luthers außerordentliche Persönlichkeit, seine Denk- und Sprachkraft lebendig vor Augen zu führen ebenso wie seinen epochalen Beitrag zu dem, was „glänzend, herzerhebend und fruchtbar“ war, darin reüssiert Schilling, ohne dass die ambivalenten, finsteren, ja destruktiven Aspekte von dessen Prophetentum verheimlicht würden, etwa im Verhältnis zu den Reformierten, zu den Juden und den Türken. Man ist dankbar, dass der Autor sich einfachen, reduktiven Deutungsschemata psychologischer oder soziologischer Art verweigert, wenn er das Werden des Reformators im Kräftefeld jener Zeit schildert, besonders auch, dass jede Form von Apologetik vermieden wird. Eindrücklich, wie Schilling dem jungen Kaiser Karl V. ein einfühlsames Porträt widmet, dessen theologisches Denken skizziert und sich dagegen wehrt, dass hier „Mittelalter und Neuzeit“ gegeneinanderstünden, „wohl aber zwei entgegengesetzte Konzepte, wie das Neue zu gewinnen sei“.

          Aufs Gesamte gesehen, eine schöne, lohnenswerte Lektüre, gerade auch für jene, die sich auf das Reformationsjubiläum vorbereiten und langsam darangehen, sich die Zutaten fürs Festessen bereitzulegen. Wer darauf besteht, dass auch differenzierende Geschichtsschreibung nicht ohne Reduktion von Komplexität zu haben ist, der sei freundlich darauf hingewiesen: Beim Kochen gilt, dass die Reduktion einer Weinsauce durch Köcheln auf kleiner Flamme erst die Fülle und Vielfalt der Aromen herausbringt.

          Heinz Schilling: „Martin Luther“. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. C.H. Beck Verlag, München 2012. 714 S., geb., 29,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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