http://www.faz.net/-gr3-6laqw

Heinz Bude: Bürgerlichkeit ohne Bürgertum : Distinktion braucht es einfach überall

Bild: Wilhelm Fink Verlag

Von neuer Bürgerlichkeit ist viel die Rede. Doch klar wird selten, wie viel daran Beschreibung, Wunsch oder auch Polemik ist: Ein Sammelband besichtigt die Evokation alter Ideale unter Bedingungen der Gegenwart.

          Es scheint, als habe die neue Bürgerlichkeit, die zunächst als kulturbürgerliche Wert- und Sittendebatte auftauchte, mit den jüngsten Bürgerprotesten ihren politischen Reflex gefunden. Das bürgerschaftliche Engagement reicht hier klar erkennbar über lokale Bedeutung hinaus, und in Stuttgart, wo sich Bürgerlichkeit unter anderem als Konflikt zwischen Bleibenden und Durchreisenden zeigte, trat ein Element hervor, das auch in der kulturbürgerlichen Debatte zentral ist: das Verlangen nach Unterscheidbarkeit und Festigkeit, das auch der wiedererwachten Wertschätzung von Manieren und Familie, der Blüte von Museen und Stiftungen, der Klassikerpflege und den Kanonbemühungen zugrunde liegt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die intuitive Überzeugung, die neue Bürgerlichkeit sei trotzdem nur Übergangserscheinung und Nachahmungskultur, weil sie sich auf keine bürgerliche Schicht mehr stützen könne, hat Hans-Ulrich Wehler mit dem Verweis auf eine Reihe von Studien bestritten, die eine strukturelle Konstanz des Bürgertums bis in die Gegenwart belegen. Der jetzt erschienene Sammelband „Bürgerlichkeit ohne Bürgertum“ geht an diesem Einwand elegant vorbei: Die neue Bürgerlichkeit, ist seine These, kann auch ohne Trägerschicht auskommen, weil sie nur auf die Ausweitung einer Norm und Haltung abzielt.

          Die Umstände sind günstig

          Die Umstände für diese Expansion sind günstig. Das Bürgerliche hat viele seiner Gegner überlebt oder vereinnahmt. Die sozialistische Polemik ist weggefallen, die Protestgeneration etabliert. Auch die Grünen tragen ihre strukturelle Bürgerlichkeit immer deutlicher zur Schau. Dazu schafft die Migration neuen Distinktionsbedarf. Während die antibürgerliche Provokationsgeste heute ins Leere zielt, ist in der Wüste einer leergelaufenen Massenkultur das Gespenst der Unterschicht wieder aufgetaucht.

          Vor allem aber ist es der Schwund von Mittelklasse und Sozialstaat, der bürgerlicher Pflicht- und Leistungsethik zuspielt. Wer in der Schere zwischen denen, die sich selbst versorgen, und denen, die sich versorgen lassen, seinen Platz auf der aktiven Seite haben möchte, ist mit bürgerlichen Tugenden gut bedient. Aus dem weiten bürgerlichen Wertekatalog legen die Autoren daher immer wieder den Akzent auf Eigeninitiative und Selbstbestimmung, auch als wirksame Mittel gegen die Deklassierungsängste in der Globalisierungsdynamik. Heinz Bude sieht das Ideal des Bürgers mit den gestiegenen Selbstverantwortunganforderungen der modernen Arbeitswelt geradezu automatisch verjüngt.

          Abkehr von der Bonner Arbeitnehmerkultur

          Daneben bezeugt die Renaissance des Bürgerlichen die Bedeutung des historischen Datums 1989. Joachim Fischer weist auf die bisher unterschätzte Zäsur hin, die in der Anerkennung des westlichen Modells durch auf sozialistischem Boden gewachsene Bürgerbewegungen liegt. Das gestiegene Selbstbewusstsein der Berliner Republik geht mit der demonstrativen Abkehr von der Bonner Arbeitnehmerrepublik einher. Der gesichtslose Zivilist kann die neue Sehnsucht nach Prägnanz und Distinktion nicht befriedigen.

          Es ist dieser Wille zur Bürgerlichkeit, den der Band ausführlich dokumentiert und der stark auf seine eigene Argumentation abfärbt. Als soziologisches Erklärungsmuster und Aufbauhelfer ersehnt, wird der Bürger kaum noch an seinem gebrochenen universalen Maßstab gemessen, sondern nach seinem Dienstleistungswert befragt. Der klassische Topos der Künstlerkritik an Leidenschaftsverzicht und Äquivalenzdenken taucht nur noch am Rande auf. Keine Rede davon, dass die neue Unangefochtenheit klassischer Kultur auch auf dem Pakt mit der Eventkultur beruht. Joachim Fischer treibt die Begriffsgymnastik so weit, dass auch Wissensquiz und Shoppingcenter problemlos im bürgerlichen Kanon unterkommen. Die begriffliche Kontinuität müssen semantische Zugeständnisse retten. Karl-Siegbert Rehberg weist demgegenüber zu Recht darauf hin, dass es Bürgerlichkeit als alle Lebensbereiche durchziehende Distinktionsform nicht mehr gibt.

          Bei Selbstverantwortung noch nicht angelangt

          Erstaunlich ist, dass die Umformung der Universität und die Unterhöhlung bürgerlicher Solidität durch Digitalisierungsprozesse weitgehend ausgeblendet bleiben. Die Manie des öffentlichen Bekenntnisses in sozialen Netzwerken etwa harmoniert schlecht mit bürgerlicher Intimität. Wenn die Gegenwart auch partiell auf bürgerliche Formen zugreift, so meidet sie in der Regel ihre moralische Komponente. Auf Selbstverantwortung allein lässt sich aber noch kein umfassender Begriff von Bürgerlichkeit gründen.

          Es ist letztlich eine Bürgerlichkeit aus der Defensive, die ihre Semantik aus dem neunzehnten Jahrhundert hinüberrettet und jetzt zur Offensivkraft berufen wird. Ähnlich der wiedererwachten Spiritualität hat sie Bedarfs-, aber keinen Bekenntnischarakter und lässt in dieser Optionalität auch unbürgerliche Züge zu. Die Autoren des Buches reflektieren das alles, normativer Anspruch und Wunsch ragen aber oft über empirische Befunde hinaus. Jens Hacke empfiehlt Bürgerlichkeit als Leitwert von überhistorischer Geltung. Hans-Peter Müller betont die Bedeutung der ideellen Triebfeder beim welthistorischen Aufstieg des Bürgertums, beschwört dann aber das blutleere Fortleben einer Institution gewordenen bürgerlichen Haltung, die keine emphatischen Träger mehr braucht. Ritterlichkeit als Haltung überdauert das Rittertum, daran erinnert Norbert Bolz. Man weiß auch, wo eine zur Lebensform gemachte Ritterlichkeit endet.

          Weitere Themen

          Wo der Tod kein Schrecken ist

          Roman von Christoph Peters : Wo der Tod kein Schrecken ist

          Samurai, einst und jetzt: Christoph Peters schickt in „Das Jahr der Katze“ einen japanischen Killer und seine deutsche Freundin in eine Verfolgungsjagd mit landeskundlichem Überbau.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.