http://www.faz.net/-gr3-qhgk

: Heile Post aus der Heimat der Naturschützer

  • Aktualisiert am

Da radelt der Postbote dahin. Die Sonne scheint, wir sehen es am Schatten, der den Postboten begleitet. Das Radeln fällt ihm offensichtlich leicht, er sitzt aufrecht im Sattel, er wird also noch an Jahren jung sein und noch viele, viele Kilometer mit Briefen und Paketen in seinem Leben dahinradeln.

          Da radelt der Postbote dahin. Die Sonne scheint, wir sehen es am Schatten, der den Postboten begleitet. Das Radeln fällt ihm offensichtlich leicht, er sitzt aufrecht im Sattel, er wird also noch an Jahren jung sein und noch viele, viele Kilometer mit Briefen und Paketen in seinem Leben dahinradeln. Er fährt durch die Heide. Mehr wissen wir nicht. Nähere Angaben zu dieser Fotografie fehlen. Wie nun aber, wenn der Postbote in seiner regenfesten ledernen Tasche "Zettels Traum" herumkutschierte, des Arno Schmidt dickes Manuskript? Der Dichter sitzt daheim inmitten seiner Zettelkästen, schaut zum Fenster hinaus und mag sein kleines Haus in der Heide heute und morgen und übermorgen nicht verlassen, um in die Stadt zum Postamt zu gehen.

          Der Weg zum Postamt ist weit. Der Postbote nun aber ist dem dichtenden Eigenbrötler, der ja auch auf seine Weise, denkt der Postbote, in einem Sattel sitzt und seine Runden zu drehen hat, freundlich gesinnt, und er nimmt also deswegen das Konvolut mit in die Stadt zum Postamt, damit es von dort seinen Weg in die Verlage und in die Welt finde und den Dichter aus der Heide berühmt mache. So aber ist es nicht gewesen. Das Foto stammt aus den zwanziger Jahren, es stammt von Wilhelm Carl-Mardorf. Den Postboten kennen wir nicht, und wir wissen nicht, was er in der Tasche hat. O Heide, schöne Heide, singen die Bäume. O Heide, schöne Heide, sang Carl-Mardorf. Das kam so.

          Der Heimatfotograf Wilhelm Carl wurde im April 1890 in Emmern bei Hameln geboren. Er wurde Dorfschullehrer und kam nach Mardorf im Kreis Neustadt am Rübenberge. Er engagierte sich in der Heimatschutzbewegung, und weil es ihm in Mardorf gefiel und er dort auch wohlgelitten war - er soll etwas introvertiert gewesen sein -, legte er sich den Namen des Dorfes zu und nannte sich Carl-Mardorf.

          In den zwanziger Jahren las er die Erzählung von Hermann Löns "Das Naturdenkmal" und wanderte darauf in die Heide. Die Heide warf ihn fast um: "Nach dreißigjährigem Suchen", schrieb er und hielt den Atem inne, "hatte ich meine Heimat gefunden . . . Von diesem bedeutungsvollen Tage verging fortan kein Wochenende, kein Ferientag, an dem ich nicht in die Heide fuhr, um mich sattzutrinken an dem Schönen, das Schöpfung und Überlieferung für jene bereithalten, die danach dürstet." Die Ferien mußte er beantragen und die Vertretung aus eigener Tasche bezahlen.

          Sein erster Fotoband erschien 1933. Carl-Mardorfs Liebe zur Heide fand noch andere Formen. Er schrieb Romane, darunter "Jochen wandert in die Heide" (1935) und "Der Hillige Kamp" (1936). Er trat 1933 in die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands ein und wurde zum zehnten Reichsparteitag nach Nürnberg eingeladen, weil den Nationalsozialisten der Roman "Der Hillige Kamp" und die ganze Heimathaltung gut gefiel. Im Jahr 1940 wurde Wilhelm Carl-Mardorf, der sich im Ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet hatte, Ortsgruppenleiter von Eimke, 1941 kam er nach Hötzingen im Kreis Soltau. Dort wurde er nach dem Krieg Beauftragter des Kreises für Naturschutz und Landschaftspflege und übernahm bei einer Zeitung die Schriftleitung der Heimatbeilage "Der Niedersachse". Für seinen Einsatz für den Naturschutz erhielt er 1964 den Niedersächsischen Verdienstorden am Bande und 1968 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Zwei Jahre später starb er. Sein Nachlaß umfaßt dreitausend Negative, die sich im Archiv des Heimatbundes Soltau befinden.

          Wir sehen unter anderem: Bauern auf dem Feld bei der Arbeit; Bäuerinnen, die Roggen binden; ein Bauer schlachtet ein Schwein und nimmt es aus, und am Abend sitzt die Familie im Halbdunkeln stumm vor den Wurstbergen herum; eine alte Frau holt aus einem Brunnen im Hof Wasser; ein alter Mann sitzt an einem Tisch vor einem Krug Bier und schnibbelt an irgend etwas Eßbarem; eine alte Frau hockt am Herd und hat einen Korb auf ihrem Schoß - und ein Postbote radelt frisch auf dem Fahrrad durch die Heide dahin. Von Arno Schmidt noch keine Spur.

          EBERHARD RATHGEB

          Andreas Vonderach: "Landleben in der Heide". Volkskundliche Fotografien von Wilhelm Carl-Mardorf (1890-1970). Boyens Buchverlag, Heide und Museumsdorf Hösseringen 2005. 100 S., geb., 12,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Blutspur im Puppenhaus

          Schauspiel Stuttgart : Blutspur im Puppenhaus

          Kleine Ursachen, große Wirkungen und umgekehrt: Saisonauftakt am Staatstheater Stuttgart unter der neuen Intendanz von Burkhard C. Kosminski mit Wajdi Mouawads „Vögeln“ und der Groteske „Abweichungen“ von Clemens J. Setz.

          Topmeldungen

          Streitgespräch : Handys raus?

          Haben Smartphones, Laptops und Tablets etwas in Vorlesungen und Meetings zu suchen? Die Professoren Miloš Vec und Jürgen Handke sind darüber diametral anderer Meinung. Wir haben sie an einen Tisch geholt – und es gab Streit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.