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Heike Dierbach: „Die Seelen-Pfuscher“ : Nachrichten vom wissenden Feld

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Zwar ahnt man, das viel Halbgares auf dem weiten Feld der Psychotherapie angeboten wird. Aber es braucht eine Autorin wie Heike Dierbach, um einen Überblick über psychische Pseudotherapien aller Art zu erhalten. Man lernt erschreckende Praktiken kennen.

          Hinter der Seele tut sich ein schillernder Markt auf. Im therapeutischen Spektrum finden sich immer mehr „alternative“ Angebote - von Rebirthern über Engelseher bis hin zu Familienaufstellern. Etwa tausend verschiedene solche Verfahren gibt es in Deutschland, vertreten von zehn- bis zwanzigtausend Anbietern, schätzt die Enquetekommission „Sekten und Psychogruppen“. Sie nennen ihre Psychotechniken „ganzheitlich“ oder „sanft“ und erwecken so den Eindruck, ein Versuch könne zumindest nicht schaden. Doch dies sei ein verhängnisvoller Irrtum, warnt die Psychologin und Journalistin Heike Dierbach. „Seelenpfuscher“ nennt sie die Therapeuten, die in ihren Selbstdarstellungen versprechen, jedes seelische Problem in kürzester Zeit zum Verschwinden zu bringen.

          Für Ratsuchende ist oft schwer zu erkennen, wie seriös ein Angebot ist. Die Seelenpfuscher schmücken sich mit frei erfundenen Titeln und Diplomen, auf ihren Websites wimmelt es von positiven Erfahrungsberichten, manche schaffen es gar in das Angebot der Volkshochschulen oder der beruflichen Weiterbildung.

          Erleuchtung als Qualifikation

          Hier will Dierbachs Buch aufklären: Die Autorin hat neun der populärsten Pseudotherapien unter die Lupe genommen. Dort wird, so ihr Ergebnis, nicht nur für zum Teil sehr viel Geld sehr viel Unsinn erzählt, die Pseudotherapien machen kranke Menschen sogar noch kränker. Was für einen Gesunden, der ein wenig Selbsterfahrung sucht, angehen mag, kann psychisch angeschlagene oder erkrankte Menschen in tiefe Krisen stürzen, sie sogar in den Selbstmord treiben. Die Zahl derjenigen, die nach einer Pseudotherapie professionelle Hilfe benötigen, steige stetig, zitiert die Autorin die Sekten-Info Nordrhein-Westfalen.

          Die Ausbildung der Wunderheiler beschränkt sich meist auf ein paar Wochenendseminare der von ihnen vertretenen Schule, manchmal verfügen sie über einen Heilpraktikerschein, im schlimmsten Fall reicht eine Lebenskrise, gefolgt von einer „Erleuchtung“, als Qualifikation. Niemand, so Dierbach, käme auf die Idee, sich von einem Arzt mit einer solchen Qualifikation operieren zu lassen. Mit seiner Seele, so ihr Alarmruf, sollte man nicht weniger vorsichtig sein.

          In einer guten Psychotherapie bestimmt der Patient, wie schnell er sich einer seelischen Verletzung nähern will. In einer Pseudotherapie werden dagegen seelische Wunden in Windeseile aufgerissen - und für die Heilung bleibt keine Zeit. Der Kunde erlebt ein Wochenende voller intensiver Empfindungen und fühlt sich in der Tat hinterher anders als zuvor. Das gilt vor allem, wenn es in den Sitzungen zu Konstellationen kommt, die dem Profi die Haare zu Berge stehen lassen: Da werden Einzelne in Gruppensitzungen regelrecht vorgeführt, werden beschimpft und kleingemacht, wo eine Psychotherapie den Menschen doch wachsen lassen sollte.

          Dem Guru folgend

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