http://www.faz.net/-gr3-77g2h

Harald Welzer: Selbst Denken. Ein Anleitung zum Widerstand : Alle mal umdenken!

Bild: S. Fischer Verlag

Der Kapitalismus führt zur Erstarrung des Denkens: Harald Welzer kennt das Glück des Verzichts und den Weg zu einem besseren Leben.

          Glühbirnen könnten ewig leben. Im amerikanischen Dorf Livermore, wo seit 1901 ununterbrochen eine Birne brennt, hängt der leuchtende Beweis. 1924 wurde die Lebensdauer der Glühdrähte aber auf Betreiben der Industrie künstlich begrenzt. Der Kapitalismus hat ein Interesse daran, dass die Dinge ein vorzeitiges Ende nehmen. Das ist der Ansatzpunkt für Harald Welzers Kapitalismuskritik: die institutionalisierte Verschwendungssucht dieses Systems. Wer den Kapitalismus kritisiert, macht zur Zeit wenig falsch. Dem Sozialpsychologen Welzer darf man unterstellen, dass er nicht nur einen modischen Reflex bedient. Er trank das Wasser seiner Predigt. Vor wenigen Jahren gab er seine Professur auf und gründete die Stiftung Futurzwei. Hier sammelt er positive Gegenbeispiele zur kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensform. Inzwischen kann er ein Buch damit füllen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Kapitalismus, sagt er darin, wird das einundzwanzigste Jahrhundert nicht überstehen. Besser gesagt: Nur ein kleiner Teil von uns wird den Kapitalismus überstehen - der am besten mit ihm paktiert. Wenn eine expansive Wirtschaftsform auf begrenzte Ressourcen trifft, ist der Konflikt programmiert. Die Klimaprognosen im Nacken, fällt der Widerspruch schwer. Welzer lässt aber, und darin liegt seine größte Angriffsfläche, technischen Fortschritt nicht gelten. Bis hinein ins ökologische Milieu setze man heute schon viel zu sehr darauf, dass es die Technik irgendwie richten wird. Das verzerrt seine Prognose, trifft aber insofern zu, als seine Kritik auch der technischen Umformung von Natur gilt.

          Man verschlingt die Oper wie den Burger

          Hier nämlich liegt für ihn das Problem: Der von der glänzenden Benutzeroberfläche verführte Kunde sieht die Wertschöpfungsprozesse nicht, die hinter den Produkten stecken, das Leid der Arbeiter von Bangladesh bis Bad Hersfeld, die öden Arbeitsroutinen, das der Erde entrissene Material. Seit Marx nennt man das Warenfetischismus. Neu ist, so Welzer, dass auch das Wissen nur noch als Endprodukt und nicht in Genese und Erwerb erscheint. Die auf Wachstum gepolte Wirtschaft zielt immer mehr auf eine Belagerung des Denkens. Irgendjemand muss die Produktionssteigerung nun einmal schlucken. Sagt die Kanzlerin: „Ohne Wachstum ist alles nichts.“ Sagt Welzer: Der Verstand wird im Überfluss ertrinken.

          Kapitalismus heißt die klandestine Bewirtschaftung des Bewusstseins, die Erstarrung des Denkens in Routinen. Man liest insgesamt wenig zu den neuen medialen Formen, in denen sich der kognitive Kapitalismus breitmacht. Welzer führt seinen Kampf in der Hauptsache gegen traditionelle Gegner, das selbstzufriedene Konsumenten-Ego, das seine Kaufentscheidungen für die eigene Wahl hält, die perfide Hässlichkeit der Gewerbegebiete, den Flächenwuchs der Flachbildschirme, nicht unerwähnt lässt er den mentalen Dauerbeschuss durch Update-Industrie und Social-Media-Querulanten. Sein Lieblingsfeind ist der mit der digitalen Kultur ubiquitär gewordene Verfügbarkeitsanspruch. Schon Utopien beginnen ja heute mit dem beleidigten Einfordern permanenten Konsumglücks.

          Dabei ist der Mensch eigentlich hilfreich und gut. Welzer stützt seinen Optimismus auf ein Experiment des Leipziger Anthropologen Michael Tomasello, das die spontane Hilfsbereitschaft von Kindern belegt. Erst bei ausbleibender Belohnung sank ihre Hilfsbereitschaft. Erst der Kapitalismus, resümiert Welzer, hat den Menschen zum engherzigen Egoisten transformiert. Der kognitiv nicht zu bewältigende Optionenbeschuss macht den Konsumismus schließlich zur Grundeinstellung. Man verschlingt die Oper wie den Burger. Die Kehrseite des Wachstums ist die innere Ruhelosigkeit, das Gefühl, nie an ein Ende zu kommen. Nicht einmal der Konsum macht noch richtig Spaß, wenn so wenig Zeit dazu bleibt.

          Zu nah an der Sprache des Gegners

          „Probieren Sie einmal, wenn Sie mitteilen, dass Sie jetzt nichts mehr lernen möchten, es sei nun mal genug. Oder nicht mehr verreisen möchten, Sie hätten schließlich genug gesehen. Und überhaupt wollten Sie sich nicht mehr entwickeln, sie seien nun einfach fertig.“ Eskapismus ist aber nicht Welzers Ausweg. Sein Rezept: Verzicht und alternative Wirtschaftsformen. Ohne Wohlstandseinbußen werden Umwelt und Wirtschaft keine Partner. Das ist nicht schlimm, denn im Verzicht liegt Befreiung. Braucht man eine Bohrmaschine, wenn man sie nur dreizehn Minuten im Jahr benutzt? Welzer sieht überall Alternativen heranwachsen: Gemeinwohlökonomien, Genossenschaften in Solar- und Wohnungsprojekten, Leute, die Gegenstände umnutzen, reparieren, teilen, die das Wohnzimmer ihrer Nachbarn renovieren, um dafür die eigene Homepage eingerichtet zu bekommen, Recyclingbörsen, Crowd-Funding und Open-Source-Projekte. Die Argumentation ist aber narrativ und nicht systematisch. Lose ins Feld geworfene Schlagworte wie Konsumverzicht, Arbeitszeitverkürzung und bedingungsloses Grundeinkommen sind mehr mentale Befreiungsschläge als konsequente Anleitung zum Systemwechsel.

          Ohne die Bestätigung in Milieus und den Halt von Strukturen werden aber wenige auf Dauer zum besseren Leben bereit sein. Oft ist es nicht fehlende Einsicht, sondern der Wunsch nach sozialer Teilhabe, der Gewissen und Tun nicht zur Deckung kommen lässt. Für Welzer ist diese Kluft eine Folge unbewusster Routinen, unaufgeklärten Konsums und erstickter Phantasie. Man glaubt gar nicht mehr, dass es auch anders geht. Er wird nicht müde, die Pflicht zum Umdenken zu betonen. Nur der Leser wird es angesichts der sloganhaften Darreichungsform auf Dauer ein bisschen überdrüssig, auch wenn er vielem herzlich zustimmt. Vokabeln wie „Zeitwohlstand“ und „permanente Achtsamkeit“ liegen schon wieder zu nah an der Sprache des Gegners.

          Harald Welzer: „Selbst Denken“. Ein Anleitung zum Widerstand. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 336 S., geb., 19.99 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Neues Deutsches Fernsehen Video-Seite öffnen

          „4Blocks“ und Co. : Neues Deutsches Fernsehen

          Mit einem Jahrzehnt Verspätung beginnt auch in Deutschland das Zeitalter ambitionierter Serien. Der Wille, Geschichten zu erzählen, die auch internationales Publikum finden, ist groß wie nie. Aber haben deutsche Serienmacher dafür auch genug Freiheiten?

          Topmeldungen

          Sie scheint gestärkt, nicht geschwächt: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche.

          Jamaika-Ende bei ARD und ZDF : „Ich fürchte nichts“

          Die Auftritte der Bundeskanzlerin im Fernsehen nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche setzen ein Zeichen. Dafür sorgen nicht die Journalisten, das macht Angela Merkel schon selbst. Sie will es nochmal wissen und regieren. Am liebsten, hören wir heraus, mit Schwarz-Grün.
          Atomanlage in Majak

          Majak : Russland bestätigt hohe Radioaktivität

          Im südlichen wurde Ural eine Konzentration des radioaktiven Ruthenium 106 gemessen, die den erlaubten Wert fast tausendfach übersteigt. Zuvor hatte Russland Warnungen aus Europa widersprochen.
          Ein herber Rückschlag für die hessische Stadt: Nicht Frankfurt, sondern Paris bekommt den Zuschuss für den Sitz der Europäischen Bankenaufsicht.

          Ema und Eba : Frankfurt und Bonn scheitern im Rennen um Brexit-Beute

          Statt Bonn und Frankfurt geht die Europäische Bankenaufsicht und die Europäische Arzneimittelagentur nach Paris und Amsterdam. Vor allem für Frankfurt ist das ein herber Rückschlag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.