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Hansjörg Küster: Am Anfang war das Korn : Von diesem Acker können wir uns nicht mehr machen

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H. Beck

Vom Wildgetreide bis zur modernen Landwirtschaft: Hansjörg Küster schreibt eine Geschichte der Nutzpflanzen, ohne die unsere Kultur nicht in Fahrt gekommen wäre.

          Am Anfang stand der Sündenfall. So steht es in der Bibel. Gott der Herr vertrieb Adam und Eva aus dem Paradies, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Fortan mussten sie „im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen“, und das auf einer Erde, die sich mit „Dornen und Disteln“ gegen das Korn wehrte. Der Mühsal setzt Hansjörg Küster die Vorteile des Ackerbaus entgegen, die dieser den Menschen brachte. Es war die Entwicklung der Nutzpflanzen, die Agrikultur, so seine zentrale Botschaft, die den Menschen auf den neuen Weg in die Kultur führte.

          Küster versucht diesen Weg nachzuzeichnen, von den ersten Anfängen der Nutzung von Wildgetreide bis zu den gentechnisch veränderten Hochleistungssorten der Gegenwart. Aber nicht nur das Getreide im engeren Sinne behandelt er, sondern auch andere wichtige Nutzpflanzen bis hin zu Hanf, Flachs und Obst. Eine „Geschichte der Pflanzenkultur“ könnte man sein Buch also nennen. Es folgt dem in seinen Büchern über die „Geschichte des Waldes“ und der „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ vorgezeichneten, historisch beschreibenden Verfahren, ist gut lesbar geschrieben und informativ. Insofern wird es die Erwartungen erfüllen, die sich daran aufgrund seiner früheren Werke knüpfen. Doch wird es auch dem Anspruch gerecht, den der Untertitel, „Eine andere Geschichte der Menschheit“, erhebt?

          Im „fruchtbaren Halbmond“ liegt der Ursprung

          Zur Begründung des Ursprungs der Getreidenutzung stützt sich Küster auf die These des Archäologen Vere Gordon Childe, den er jedoch nicht zitiert. Dieser ging 1936 davon aus, dass die Wälder, die sich am Ende der Eiszeit ausbreiteten, zu einem Mangel an Jagdwild führten. Damit kam es zu Nahrungsknappheit bei den steinzeitlichen Jägern und Sammlern. Mit der Nutzung von Wildgetreide und dessen allmählicher Kultivierung lösten sie ihr Ernährungsproblem. Dass dies ausgerechnet im wildreichen Vorderasien geschah und nicht in den Wäldern Europas und Asiens, in denen die Menschen weiterhin als Wildbeuter, örtlich sogar bis in unsere Zeit lebten, stellt die Hypothese der Nahrungsverknappung in Frage.

          Gerade im Ursprungsgebiet des Ackerbaus herrschten in den Jahrtausenden nach Ende der letzten Eiszeit für die Menschen sogar besonders günstige Lebensbedingungen, die sich nicht zuletzt auch in der Bezeichnung „Fruchtbarer Halbmond“ spiegeln. Jedenfalls kam es dort nach allem, was wir wissen, zu den ersten Formen der Nutzung von Wildgetreide und zur Entwicklung aus ihm gewonnener Kultursorten. Die Agrikultur ging vom Fruchtbaren Halbmond aus. Zu ähnlichen Entwicklungen kam es später im Industal und in Ostasien (China) sowie jenseits des Pazifiks in Mittelamerika.

          Globalisierte Kulturpflanzen

          Küster betont zu Recht, dass sich die Geschichte (des größten Teils) der Menschheit ohne die Entwicklung des Ackerbaus nicht nachvollziehen lässt. Hinzuzufügen wäre: auch nicht ohne die Entwicklung der Viehzucht. Doch wiedie Landwirtschaft tatsächlich Einfluss nahm auf den Gang der Geschichte, lässt sich aus seinen Ausführungen allenfalls erahnen, nicht aber konkret entnehmen. Küster bleibt auf der beschreibenden Seite. Die Querverbindungen und Wechselwirkungen mit der Geschichte im engeren Sinne müssen erst noch ausgearbeitet werden. Ansätze dazu gibt es, wie etwa der Hinweis auf die Rolle der exorbitant gestiegenen Brotpreise für den Sturm auf die Bastille und damit die Französische Revolution von 1789. Oder darauf, dass die Kartoffelfäule im 19. Jahrhundert Massenauswanderungen von Iren und anderen Westeuropäern in die Vereinigten Staaten auslöste, die dadurch erst überwiegend englischsprachig wurden.

          Doch zurück zu den Kulturpflanzen. Im Hauptteil des Buches legt Küster dar, wie sich die frühen Formen der Landwirtschaft entlang der vorderasiatischen Ströme und am Nil entwickelten, wie der Ackerbau ausstrahlte auf die Regionen rund ums Mittelmeer und sich sodann die Donau aufwärts nach Mitteleuropa hinein ausbreitete. Aus dem anfänglich bäuerlichen Nutzungssystem wurde die mittelalterliche, bis weit in die Neuzeit hinein reichende und nachwirkende Feudalwirtschaft. Doch bereits mit der Eroberung Amerikas durch die Westeuropäer vor einem halben Jahrtausend setzte die Globalisierung ein. Die Neue Welt lieferte gezwungenermaßen die Kartoffel und den Mais sowie Genusspflanzen wie Tabak und Kakao und empfing im Gegenzug den Weizen und die Sklaverei.

          Mosaikartiges Ensemble

          Küster betont von Anfang an, dass Landwirtschaft nie „im Einklang mit der Natur“ stand und auch nicht stehen kann, da sie auf Ausbeutung ausgerichtet ist. Er räumt so nebenbei auch mit Vorurteilen auf wie den „alten, reichhaltigen Bauerngärten“ oder den „alten Obstsorten“. Die Bauerngärten waren eine Begleitentwicklung der Industrialisierung im 19. Jahrhundert; „alt“ hingegen sind (waren) die Klostergärten. Auch die meisten der als alt bezeichneten Obstsorten stammen aus der Neuzeit, während so manche Gemüsesorte tatsächlich bereits seit den Zeiten der Römer gezüchtet wurde und mit ihnen über die Alpen gekommen ist.

          Es geht in Küsters Buch also keineswegs nur um das Getreide, um „das Korn“, das je nach Region durchaus ganz verschiedene Nutzpflanzen meinen kann. In Deutschland wurde damit der Roggen bezeichnet, der ursprünglich ein störendes Unkraut in den vorderasiatischen Weizenfeldern gewesen war. Erst im winterkalten Klima nördlich der Alpen kamen seine Vorzüge zum Tragen, und er wurde hier „das Korn“. In Nordamerika meint „corn“ den Mais. Mit seiner Vielfalt an Informationen, die sich eher mosaikartig zusammenfügen denn einer historischen Leitlinie folgen, geht Küster deutlich über das großartige Werk von Henry Hobhouse, „Fünf Pflanzen verändern die Welt“, hinaus.

          Wäre nur der Schluss nicht gewesen

          Doch dann kommen die Schlusskapitel. „Die Produktion von Lebensmitteln“, heißt es da, „wird immer stärker und strenger überwacht, so dass eine sehr hohe Qualität der Agrarprodukte gewährleistet ist.“ Dass ein Skandal den anderen jagte, wird nicht einmal erwähnt. Küster hält sogar die Unterscheidung von Kunstdünger und biologisch-organischer Düngung für nicht gerechtfertigt. Er geht vom „Precision Farming“ aus, „bei dem schon während der Ernte festgestellt wird, welche Düngermengen auf jeden Teil des Ackers bei der nächsten Feldbestellung gelangen sollen“, und „exakt diese Düngermengen werden dann auch ausgebracht“. Biologische und ökologische Landwirtschaft charakterisiert er als „von manchen für fortschrittlich gehalten“. Die Güllefluten, die unser Land mehrmals im Jahr zum Himmel stinken lassen, werden ebenso wenig diskutiert wie die Vernichtung artenreicher Tropenwälder für die Erzeugung von Soja, von dem ein (viel zu) großer Teil unseres Stallviehs lebt. Oder dass die deutsche Landwirtschaft erheblich mehr zur Belastung der Erdatmosphäre mit klimawirksamen Gasen beiträgt als unser gesamter Kraftfahrzeugverkehr.

          Küsters Schlusssatz lässt sich daher kaum beipflichten: „Mit dem Korn also fing alles an, vom Korn hängt alles ab, gestern, heute und auch morgen.“ Denn längst geht es bei uns wie im landwirtschaftlichen Weltmarkt nicht mehr um Korn für Brot, sondern um Fleischerzeugung und Energiepflanzen - so nötig ein beträchtlicher Teil der Menschheit das Korn auch hätte.

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