Bei Joseph Roth trägt die Zigeunerin eine „grellrote, seidne“ Bluse. Den „lebendigen Atem“ erkennt man in ihrer „vollen Brust“. Die „goldenen Taler ihrer schweren, dreimal um den Hals gelegten Kette“ sieht der Erzähler sachte erzittern - und das nicht nur aufgrund ihrer bebenden Brust. Vielmehr geht beim Anblick der Wahrsagerin die Angstlust um. Auch der Autor kümmert sich weniger ums Sehen als ums Wünschen: „Es war, als sei die Zigeunerin gar nicht darauf bedacht, bezahlte Mittlerin zwischen unheimlichen Gewalten zu sein, sondern vielmehr eine der Mächte, die das Geschick des Menschen nicht deuten, sondern selbst bestimmen.“
Obwohl Zigeunern in unzähligen Werken der Weltliteratur durchaus Handlungspotenz zugesprochen wird, gehört das Motiv der alten Wahrsagerin, der blutjungen Verführerin, der masochistischen Geliebten, des gerissenen Diebes, des phlegmatischen Machos, kurz des fahrenden Volkes zu den statischsten der Literaturgeschichte. Der Berliner Germanist Hans Richard Brittnacher geht - wenn man davon überhaupt reden mag - dieser Motiventwicklung nach und erstellt ein Kompendium der von der Literatur aufgegriffenen, aber auch maßgeblich produzierten Klischees. „Die Geschichte des Antiziganismus“ schreibt Brittnacher, „ist auch eine Geschichte fataler Texte.“
Von Mignon über Carmen bis hin zu Dr. House
Wie in vielen anderen Romanen kommt die Zigeunerin in Roths „Tarabas“ nur als Staffage vor. Wer die anti- oder philoziganistischen Motive durch die Literaturgeschichte verfolgt, wird feststellen, dass es zum einen immer Angehörige der Mehrheitsethnie sind, die über Zigeuner schreiben. Zum anderen wird die Figur des tanzenden, musizierenden, singenden, wahrsprechenden, liebenden, klauenden, hausierenden und lügenden Zigeuners fast immer allegorisch verwendet. Die Schilderung einer Zigeunerszene dient dazu, Spannung aufzubauen, etwas Dräuendes oder Unerklärliches in Szene zu setzen oder Sehnsüchte nach dem Tabubruch, etwa der entgrenzten Liebe, zu artikulieren - und sogleich durch eine meist fatale Moral zu mäßigen. Weil dieses andere der Mehrheitskultur jedoch immer mit dem Problem seiner Unbeschreiblichkeit einhergeht, fungiert die Zigeunerimago seit Jahrhunderten ungebrochen als Chiffre oder, wie Brittnacher es ausdrückt, als „narrative Verfügungsmasse“. Nur so ist zu erklären, dass der „Zigeuner“ zugleich so viel, in der Summe aber ebenso wenig zu bedeuten hat im Fundus der westlichen Roman- und Bilderwelt.
Brittnacher zitiert Beispiele von Goethes Mignon über Mérimées „trendsetzende“ Carmen bis hin zu Dr. House, der unkonventionellen amerikanischen Arztserie. In Letzterer wird noch die Familie eines jungen Patienten als chaotische, bunte und nicht gerade kooperative Truppe von Hausierern dargestellt. Emir Kusturica, der serbische Regisseur, hat sich noch in den neunziger Jahren zu der Annahme verstiegen, dass die höhere Körpertemperatur der Zigeuner zu einem beschleunigten, poetisch verdichteten Dasein führe. Es ist ein Leben, ironisiert Brittnacher den biologistischen Gedanken, „bis an die Grenze“. Und weiter: „Als Vertreter einer friedlosen, riskanten Natur und andererseits einer rückständigen Zivilisation scheint der Zigeuner doppelt behindert. Zum Edlen Wilden fehlt ihm die Moral, zum Barbaren die Kraft.“ In diesem schmalen Deutungsraum aber sprießen die Blüten der üblen Nachrede. Nicht nur die Romanliteratur hat daran ihren Anteil.
Ein Re-Writing tut Not
Der Begründer der Ziganologie, Heinrich Moritz Grellmann, sorgte im Aufklärungszeitalter für die wissenschaftliche Konsolidierung des Minderheitenrassismus. Auch für den maßgeblichen Anthropologen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, Cesare Lombroso, steht fest, dass Zigeuner, hierzulande also Sinti und Roma, „geborene Verbrecher und Spitzbuben“ sind. Und typologische Verwandte des „ewigen“ wandernden Juden, wie Brittnacher anfügt. Einer verbreiteten Legende zufolge stammen die „Gypsies“ aus Ägypten und zeichnen sich dadurch aus, dass sie der vor Herodes flüchtenden Heiligen Familie kein Asyl gewähren. Die göttliche Strafe in Form von ewiger Wanderschaft und schicksalhafter Heimatlosigkeit ließ nicht lange auf sich warten.
Not tut also ein Re-Writing aus der Perspektive der jeweils unter den Begriff „Zigeuner“ subsumierten Ethnien. Was Homi Bhabha einst unter dem Stichwort „The Empire Writes Back“ für die Möglichkeit eines postkolonialen Schreibens aus der Feder der Kolonisierten gefordert hatte, wäre der Zigeunerliteratur, die in Wahrheit keine ist, zu wünschen. Erst dann bestünde eine Chance, die durch unablässige Wiederaufführung der unrühmlichsten Klischees festgeschriebene Zigeunerimago aus ihrem wuchtig-dekorativen Erzählrahmen herauszulösen, zu brechen und neu zusammenzufügen.