http://www.faz.net/-gr3-6mleo

Hans-Joachim Hinrichsen: Franz Schubert : Für nichts als das Komponieren auf der Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Über Franz Schubert gab es bislang keine überzeugende Gesamtdarstellung. Nun ist dem Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen der große Wurf gelungen.

          Schreiben Sie doch ein Buch über Schubert!“ Georg Kreislers spöttische Zeile aus seinem Song über den unmusikalischen Apotheker, der nichts als Platituden über den Komponisten zusammenschreibt und damit in Wien glänzend reüssiert, hat bis heute kaum an Biss verloren. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des musikalischen Kanons wie Mozart oder Beethoven hat die Musikwissenschaft für Schubert bisher keine auch nur annähernd überzeugende musikhistorische oder biographische Gesamtdarstellung hervorgebracht.

          Als der österreichische Musikwissenschaftler Otto Erich Deutsch am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Quellen zu Schuberts Leben sowie die Erinnerungen seiner Freunde zusammentrug und das erste, nach wie vor gültige Werkverzeichnis erstellte, legte er zwar den Grundstein für alle weiteren historischen oder biographischen Versuche, scheute aber selbst davor zurück. Zu sehr war das Bild des Komponisten bereits von sentimental-verklärenden Klischees vom gemütlichen „Schwammerl“ geprägt, in dem Operette, Heimatroman und bald auch der Film ein passendes Identifikationsobjekt für das kleinbürgerliche österreichische Genie fanden. Im unerschütterlichen Glauben an den Quellenpositivismus als Gegengift des Gelehrten wollte Deutsch nur die überlieferten Texte selbst sprechen lassen, stellte damit aber einen Fundus bereit, aus dem sich zahlreiche Biographen mit immer kurioseren Interpretationen bedienen konnten. Zur Hochzeit der Psychoanalyse erhielt Schubert so seinen Ödipuskomplex, marxistische Deutungen stilisierten ihn zum heimlichen Aufrührer gegen Metternich, neuere amerikanische Musikologen rückten ihn schließlich ins Zentrum einer homosexuellen Subkultur.

          Einer der ersten freischaffenden Komponisten

          Nun ist, gut ein Jahrhundert nach den ersten Ansätzen zu einer seriöseren Schubert-Forschung, dem in Zürich lehrenden Berliner Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen der große Wurf gelungen. Dies ist umso beeindruckender, als er sich in der kleinen Form vollzieht, auf knapp hundertdreißig Seiten, unter Aussparung der üblichen Insignien musikwissenschaftlicher Fachpublikationen, zu denen neben einem Fußnotenapparat auch Abbildungen und Notenbeispiele gehören. In sachlichem, aber niemals trockenem Ton zieht der Band nicht nur die Summe der neueren Forschungsarbeiten über Schubert und sein Umfeld, zu denen der Autor selbst in den letzten zwanzig Jahren maßgeblich beigetragen hat (insbesondere mit einer radikalen Neubewertung der Entwicklung der Schubertschen Sonatenform). Er bietet auch neue erhellende Interpretationen seiner Musik und seiner singulären Rolle als einer der ersten freischaffenden Komponisten.

          Im Gegensatz zu hermeneutischen Ansätzen, die mit der Populärbiographik wetteifern und Lücken in der Dokumentation von Schuberts Leben gerne mit biographischen Lesarten des Liedwerks auffüllen, schlägt Hinrichsen konsequent einen anderen Weg ein: Er führt auf überzeugende Weise formanalytische und kultursoziologische Perspektiven zusammen. So wird Schuberts erstaunliche Produktivität und Eigenart erst vor dem Hintergrund ihrer sozialen Begrenztheit greifbar, nicht jedoch im landläufigen Sinne ihres bodenständigen Kolorits.

          Radikaler Experimentator

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsstreit : Trump dreht an der Eskalationsschraube

          Donald Trump will, dass amerikanische Unternehmen ihre Produktion nach Amerika zurückverlagern – koste es, was es wolle. Vielleicht kommt die strategische Konfrontation mit China schneller als vermutet. Ein Kommentar.
          Nach seinem Glückstreffer kaum zu halten: Christian Pulisic

          Champions League : Dortmunder Zufallssieg

          Nach einem über weite Strecken dürftigen Auftritt beim FC Brügge hat Borussia Dortmund das Glück des Schwerfälligen: Pulisic wird angeschossen, der Ball landet im Tor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.