Wer den Film „The Truman Show“ von Peter Weir gesehen hat, kennt die Frage: Wie würde es mir ergehen in einer solchen Fernsehkulisse, die von Schauspielern bevölkert ist? Wie verhielte ich mich in einer Welt, die nach Drehbuch funktioniert, die heimlich gefilmt wird und die ich als Einziger für die Wirklichkeit halte? Wann würde ich beginnen zu zweifeln? Wem würde ich trauen? Würde ich versuchen zu fliehen? Als Hans-Georg Aschenbach den Film von 1998 im Kino sah, fühlte er sich zurückversetzt in die Wirklichkeit der DDR, wie er sie erlebt hatte: eine inszenierte Realität, ein verlogenes System, in dem er niemandem traute und das ihm Leistungen abverlangte, die über seine Kräfte gingen.
Aschenbach wurde Weltmeister und Olympiasieger im Skispringen, er machte Karriere als Offizier der Nationalen Volksarmee, er studierte Medizin, wurde Sportarzt, und er verließ, ohne es ihnen anzukündigen, seine Frau und die gemeinsamen Kinder. Er ist Nutznießer des Systems und dessen Opfer. Im Sport, wo Aschenbach zu Erfolg und Berühmtheit gekommen ist, war er Objekt, nicht Subjekt, wie er nach seinem Scheitern bei den Olympischen Spielen 1972 erlebte, Befehlsempfänger mit dem politischen Auftrag, sozialistische Siege bei der Skiflug-Weltmeisterschaft 1973 zu erringen.
Weil er aber plötzlich Angst hatte, sich von der 140-Meter-Schanze zu stürzen, eine Furcht, die ihm Trainer und Sportführung nicht erlaubten, empfindet sich Aschenbach trotz des Triumphes mit einem Doppelsieg als Geisel. Im folgenden Winter gewann er die Vier-Schanzen-Tournee und wurde Doppel-Weltmeister.
Diffuser Freiheitswunsch
Er beschreibt, wie Hormondoping ihn und seine Mannschaftskameraden fett und schwer machte, wie Aggression und Sexualtrieb zunahmen, wie Athleten verschlissen wurden, weil ebenso dilettantisch gedopt wie trainiert wurde. Eine Verletzung erlaubte Aschenbach, aus den unsinnigen Trainingsplänen auszusteigen, denen seine Vorgesetzten, die Trainer und Funktionäre im straff organisierten DDR-Sport waren, ihn unterworfen hatten. Er bereitet sich, erfahren und studiert, wie er war, auf eigene Faust auf die Olympiasaison 1976 vor. Bei den Winterspielen in Innsbruck gewann er die Goldmedaille. Zwar wies er in seiner Diplomarbeit die Fehler des Trainings nach, doch in Innsbruck wurde die Flagge mit Hammer und Zirkel gehisst und die DDR-Hymne gespielt.
Von Truman, dem Film, ahnte Aschenbach damals nichts. Doch auch er stieß, nach dem Ausscheiden aus dem Sport noch stärker als vorher, auf offensichtliche Ungereimtheiten und Widersprüche, erlebte, dass Phrasen hohl klangen und die Kulissen hohl waren. Zunächst traf er an der Hochschule Studenten, die wie er nicht bereit waren, sich in der Verlogenheit einzurichten. „Plötzlich sah ich, dass mein diffuser Freiheitswunsch nicht meiner Unzulänglichkeit geschuldet war, sondern von vielen anderen Bürgern geteilt wurde“, erinnert er sich. „Dass die Reglementierungen und Bevormundungen nicht nur mir als Sportler zu schaffen machten, sondern dass diese im ganzen Land um sich griffen.“
„Ich musste Sandmännchen spielen“
Bei der Renovierung seines Hauses erwachte er vollends aus seinem Dornröschenschlaf - nicht, weil er mit dem eklatanten Mangel an Material und dem real existierenden Tauschhandel konfrontiert wurde, sondern vor allem weil er mit normalen Menschen in Kontakt kam. „Ich hatte keine andere Wahl, als mich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen“, schreibt Aschenbach. Sein Weltbild veränderte sich, sein Wertesystem kollabierte.
Aschenbach zog sein Studium durch wie zuvor seine Sprünge. Er wurde Sportarzt und bekam schließlich seine Chance zum Absprung. Wieder durfte er mit der Nationalmannschaft der DDR reisen, diesmal als Mannschaftsarzt zu einem Mattenspringen im August 1988. Diese, seine erste Gelegenheit nutzte er sofort. Um sie hatte er so entschlossen wie um seine Chancen als Leistungssportler gekämpft. Er gab sich den Anschein von Linientreue und versuchte, indem er selektiv Meinungen äußerte und Informationen gab, herauszufinden, wer ihn bespitzelte.
Ausführlich zitiert Aschenbach aus den mehr als zweitausend Seiten Stasi-Berichten, die über ihn verfasst wurden. In diesem Fall wurden die Spitzel hellhörig. „Ich habe den Eindruck, dass ... Dr. A. z. Z. intensiv nach Quellen des MfS im Med.-Bereich (sucht)“, heißt es im Bericht einer IM Ina Möller. Konkrete Verdächtigungen habe er aber noch nicht geäußert. Aschenbach erinnert sich: „Die Notwendigkeit zu flüchten wurde immer größer, und damit dies gelingen konnte, musste ich verschwiegen sein und Sandmännchen spielen, denen, die zu viel sahen, die Sicht nehmen, sie einlullen und einschläfern. Ich engagierte mich zunehmend in meiner Funktion als Delegierter des SED-Parteitags und Mitglied des Friedensrates der DDR - alles in der Hoffnung, meine Rolle so glaubhaft zu spielen, dass ich wieder zu Auslandsreisen zugelassen würde. Ich tat alles, um dieses Ziel zu erreichen.“
Als Verräter gebrandmarkt
Erst der Fall der Mauer vierzehn Monate nach seiner Flucht aus dem Mannschaftshotel in Hinterzarten verschaffte Aschenbach, wie er heute weiß, Freiheit und Sicherheit. In den Akten der Staatssicherheit fand er sein Haus und seinen Arbeitsplatz in Freiburg skizziert, seine Wege und Beziehungen ausspioniert. Er ist überzeugt, dass er entführt werden und ihm in der sozialistischen Fassadenwelt der DDR der Prozess gemacht werden sollte. „Dass sie mir so nahe waren, das hätte ich bis zur Einsicht in meine Akte tatsächlich nicht gedacht“, schreibt Aschenbach. „Heute weiß ich, der 9. November 1989 hat mir mein Leben gerettet, denn alle diese Dinge, die ich heute über Rückführungsmaßnahmen lese, zeigen mir, dass es damals fünf Minuten vor zwölf war.“
Für eine Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung kehrte Aschenbach 2011 aus Freiburg, wo er lebt und praktiziert, nach Suhl im Thüringer Wald zurück. Während der Diskussion über sogenannte Sportverräter - Auswahlsportler, die flüchteten - erlebte er, dass er manchen immer noch als Held galt, als der er sich ganz und gar nicht fühlt. Er erlebte, dass ihm ein Teil der Versammlung aus einigen hundert Menschen seine Flucht zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer immer noch als Verrat vorwarf; ohne Sozialismus wäre er nie Olympiasieger und nie Mediziner geworden, riefen sie.
Aschenbach verstand, dass kaum jemand die Kulissen von der wirklichen Welt im Spitzensport unterscheiden konnte oder wollte, schon gar nicht, wie er sie erlebt hatte. „In den Neunzigerjahren sah ich den Hollywoodfilm ,Truman Show’ - und dachte: Das bin ich, genau das haben die in der DDR mit mir gemacht.“ Also las er Stapel um Stapel Spitzelberichte und schrieb dann auf, wie es war. Dem Buch gab er einen Titel, der benennt, was er nie sein wollte: „Eurer Held. Euer Verräter“.