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Hannelore Schlaffer: Die intellektuelle Ehe : Die Echtheit in der Paarbeziehung

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Die Lektüre von Ehebruchsromanen gab offenbar wertvolle Anstöße: Hannelore Schlaffer führt elegant und umsichtig durch zweihundert Jahre Liebes- und Ehesachen und liefert eine Bestandsaufnahme der Ehe in der Moderne.

          Seit Jahren überfluten Beziehungs- und Eheratgeber aller Art die Buchläden: In einer Welt der unüberschaubaren Möglichkeiten tun Rat und Hilfe auch in diesem Bereich offenbar not. Ob es nun das „Lob der Vernunftehe“ eines Arnold Retzer ist oder Treue als Lifestyle, wie Markus Spieker vorschlägt, die Freiheit in der Gestaltung von Paarbeziehungen geht einher mit Unsicherheit: Wie kann man ein Leben als Paar gestalten, welche Art der Bindung ist im Zeitalter der notorischen Ungebundenheit denk- und zumutbar?

          Wer diesen Fragen auf den Grund gehen möchte - sofern es einen Grund geben kann in Dingen, die das Herz betreffen -, der sollte den eleganten Essay der Münchener Germanistin Hannelore Schlaffer lesen, der den etwas unscheinbaren Titel „Die intellektuelle Ehe“ trägt. Er entwirft eine Kulturgeschichte der Paarbeziehung in den vergangenen zweihundert Jahren, die dem Leser vor allem klarmacht: So unverwechselbar und einmalig sich jede Liebe anfühlt, so sehr hängt doch die Gemeinschaft zweier Menschen von ihrem gesellschaftlichen Kontext ab.

          Andauernde Neudefinition der Beziehung

          Die letzten zweihundert Jahre mit ihren radikalen Veränderungen in allen Lebensbereichen - Industrialisierung, Entwicklung der Städte zu Metropolen, wachsende Mobilität, Psychoanalyse und vor allem die Emanzipation der Frau - haben die Beziehung zwischen Mann und Frau revolutioniert. Dabei ist die angestrebte Verbindung von Ehe und Liebe ein relativ neues Phänomen: Erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde mit dem Aufkommen des Konzepts der romantischen Liebe die traditionelle Ehe in Frage gestellt, wurde die Verbindung von Liebe und Ehe gefordert und damit eine individuelle Entscheidung der Partner füreinander an Stelle einer institutionellen Vereinbarung, in deren Rahmen zwei Menschen ihr Leben miteinander verbringen.

          Die Folge eines solchen Wandels liegt auf der Hand: Bald schon wurde die Forderung nach Auflösbarkeit dieser aus individueller Neigung geschlossenen Bindung laut. Im zwanzigsten Jahrhundert gingen Intellektuelle und Schriftsteller wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Bert Brecht, Vita Sackville-West und Harold Nicolson noch einen Schritt weiter und forderten innerhalb der Ehe vollkommene Freiheit - dieses Experiment nennt Hannelore Schlaffer die „intellektuelle Ehe“. Intellektuell, weil sie eine kontinuierliche Auseinandersetzung der Partner miteinander voraussetzt, eine andauernde Definition und Neudefinition der Beziehung und ihrer Regeln.

          Lebenslange Liebe mit Freiheit

          „Dass wir Echtheit überall durchbrechen lassen“, hatte sich Heidegger in einem Brief an seine Frau gewünscht, Authentizität statt eines gesellschaftlich definierten Regelwerks und damit der moderne Traum von Individualität auch im Lebensentwurf als Paar. Dabei ist die Geschichte der sich wandelnden Vorstellungen von Liebe und Ehe immer auch eine Geschichte der Emanzipation der Frau: Die „Gefährtenehe“, wie sie Max und Marianne Weber führten, war noch keine auf Augenhöhe, weil Marianne Weber zwar als eine der ersten Frauen Zugang zur Heidelberger Universität hatte, aber als Schülerin ihres Mannes nur von ihm lernen konnte und sich schließlich in ihren eigenen Schriften auf eine Beschreibung ihrer Ehe beschränkte.

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