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Architektur für Flüchtlinge : Ein Land im Aufnahmezustand

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Draußen metallene Laubengänge, drinnen hölzerne Zirbelstube: Eine gelungene Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge im oberbayerischen Zolling. Bild: Andreas Kern

Architektur der Zuflucht braucht keine Zelte: Ein Handbuch zeigt, wie sich preiswert und dauerhaft für Flüchtlinge bauen lässt. Politische Schwärmer kommen hier nicht auf ihre Kosten, Pragmatiker schon.

          In der deutschen Willkommenskultur gibt es ein seltsames Nord-Süd-Gefälle. Zwar empfangen Berlin oder Hamburg ihre Flüchtlinge mit warmen Worten, doch für die Unterbringung halten die Stadtstaaten weiterhin vor allem unwirtliche Großhallen und Notunterkünfte bereit. In Bayern dagegen weht Flüchtlingen zwar die wenig einladende Rhetorik der CSU entgegen, aber in der Praxis funktioniert die Verteilung und Einquartierung der Migranten in menschenwürdige Unterkünfte mustergültig.

          So verwundert es nicht, dass ein neues Handbuch über Flüchtlingsbauten mehrheitlich von süddeutschen Autoren stammt. Die Münchner Architektin und Regierungsbeamtin Lore Mühlbauer hat einen praktischen Ratgeber für das schnelle, kostengünstige und dennoch ansehnliche Bauen herausgegeben, an dem sich die Nordlichter ein Beispiel nehmen können.

          Es geht um das Machbare

          Wohltuend verzichten die Autoren auf philanthropische Appelle und argumentieren eher im Sinne technisch-administrativer Machbarkeit. Einleitend erinnert das Handbuch an die historischen Grundtatsachen von Flucht und Vertreibung. Deren vorläufiger Höhepunkt bildete nach 1945 die Umsiedlung von zwölf Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten in die kalte Heimat des Westens; dieser Exodus rückt die heutigen Flüchtlingsströme aus Nordafrika, Syrien und dem Irak in ein etwas realistischeres Verhältnis.

          Mit ethnologischem Blick untersucht der deutsch-syrische Architekt Yasser Shretah als Mitherausgeber des Handbuchs, ob die Architektur der Herkunftsländer für die Unterbringung in der Fremde Lösungen bietet. Der Autor möchte nicht die schönen orientalischen Vorbilder der Hof- und Hallenhäuser auf die Aufnahmeländer übertragen, sondern ihre typologischen Prinzipien herausarbeiten: zentrale Gemeinschaftsflächen mit ringsum angeordneten Privaträumen; Durchgangszimmer anstelle der Platzverschwendung von Erschließungsflächen und Korridoren; Fassaden als poröse Schwellenräume in Form von Laubengängen oder Arkaden zwecks klimatischer und sozialräumlicher Pufferzonen.

          Raumgebilde aus der Heimat

          Solche Raumgebilde aus ihrer Heimat nehmen die Menschen in die Flüchtlingscamps mit. Die weltgrößten unter ihnen im Libanon und Jordanien, die infolge des Syrien-Krieges jeweils bis zu achtzigtausend Menschen zählen, dokumentiert das Handbuch mit eindrucksvollen Großfotos: Der nur vier Millionen Einwohner zählende Libanon hat zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen, ohne dass dort ein neuer Bürgerkrieg entbrannt ist. Erhellend beschreiben die Autoren das Paradox, dass „Flucht vor allem aus Warten besteht“. Weil Flüchtlinge vor allem durch die Unsicherheit zermürbt werden, in Provisorien auf unbegrenzte Dauer leben zu müssen, empfehlen sie die Herausbildung fester räumlicher Strukturen als existentiellen Außenhalt.

          Dass solche psychische Stabilisierung in Militär-Siedlungen schwerfällt, wie sie nach dem alliierten Truppenabzug in Deutschland dutzendfach in Aufnahmelager umgewandelt wurden, zeigt das Handbuch am Beispiel von Bamberg, wo ein großer Kasernenkomplex für 4500 Flüchtlinge bis heute nur als Abschiebezentrum für wenige hundert Rückkehrer dient.

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