03.11.2009 · Jugendsprache aus dem Hause Langenscheidt: Christina Niegel und Monika Schaffrath haben Neuschöpfungen gesammelt, die den aktuellen Wortschatz der Jugend dokumentieren sollen. Dazu kommen Erläuterungen auf Deutsch, Englisch, Amerikanisch, Französisch, Italienisch und Spanisch.
Von Ernst HorstAuf den ersten Blick sieht „Hä?? Jugendsprache unplugged 2010“ aus dem Langenscheidt Verlag ja so aus wie diese unsäglichen Büchlein, die man in den bildungsfernen Schichten manchmal als Geschenk kauft, wenn man irgendwo eingeladen ist. Freiwillig hätte ich da nie hineingeschaut. Zu meiner Verblüffung hat sich das Werk aber völlig unerwartet als Goldes wert entpuppt. Es ist zum Schreien komisch.
Das ist kein Wörterbuch, obwohl die Aufmachung es nahelegt. Es ist vielmehr eine Sammlung von (meistens) Neologismen, die angeblich der aktuellen Jugendsprache entstammen. Dazu kommen Erläuterungen auf Deutsch, Englisch, Amerikanisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Der fremdsprachige Teil ist dabei eher uninteressant. Als Hilfsmittel für einen Übersetzer aus dem Deutschen ist er unnütz, weil die Wortliste viel zu klein ist. Und wenn ein Nicht-Muttersprachler erklärende Untertitel in seiner angestammten Sprache braucht, dann versteht er bestimmt nicht genug Deutsch, um das Buch richtig zu genießen.
Die Anbetung des Schottergotts
Die Wortvorschläge stammen wohl größtenteils aus dem Internet. Auf der Seite jugendwort.de werden sie gesammelt. Aber das ist nicht entscheidend. Die Hauptleistung besteht in der Auswahl. Zwei Damen mit Sprachgefühl waren dafür zuständig. Ihnen gebührt der Dank der Nation. Da ihre Namen nur im Impressum des Buchs versteckt sind, seien sie hier aufgeschrieben: Christina Niegel und Monika Schaffrath.
Man sollte das Bändchen lesen, wie man es von Werken wie „Die zwanzig schönsten Gärten von Wales“ gewohnt ist. Hier wird nicht der Durchschnitt dokumentiert, hier werden ausgesuchte Highlights vorgeführt. Die Begriffe stammen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, und vielleicht gibt es gar keinen Jugendlichen, der mehr als zwei oder drei davon in seinem aktiven Wortschatz hat. Was soll's? Wörter wie Verdummungslaterne (Fernseher), Schottergott (Geldautomat), Zappelbunker (Disco) oder Heuchlerbesen (Blumenstrauß) sind L'art pour l'art. Wenn sie jemand nur erfunden hätte, weil es dafür jeden Monat einen iPod zu gewinnen gibt, dann würde mich das auch nicht wundern.
Nicht alles ist aktuell
Ist erst einmal die Setzung gemacht, dass die Jugend eine eigene Sprache hat, dann lässt sich diese Sprache im Prinzip auch vom Reißbrett aus entwerfen. Ein Fach ist geöffnet, in das sich alle möglichen Wortschöpfungen hineinpacken lassen. Wer wollte schon den Gegenbeweis antreten und behaupten, dass ein bestimmtes Wort nie und nimmer von Jugendlichen in den Mund genommen würde? Nicht alles in diesem Buch ist jedenfalls aktuell. Als Bazillenmutterschiff (jemand, der die Grippe hat und unter Menschen geht) wurde ich schon vor dreißig Jahren bezeichnet.
Die Vokabeln sind angeblich „ungefiltert, unverfälscht und unzensiert“. Dem ist nicht so. Das hätte sich der Verlag auch gar nicht erlauben können. Der einzige Eintrag zum Thema Türke ist der harmlose anatolische Pullover (starke Brustbehaarung). Im Großen und Ganzen wird hier aber hemmungslos und auf höchstem Niveau veräppelt. Ein großer Teil der Einträge beschäftigt sich mit Körperausscheidungen in allen Aggregatzuständen, mit psychotropen Substanzen oder mit der fälschlich nach Onan benannten Sünde. Hier im Buch sind die Männer und die Frauen löblicherweise völlig gleichberechtigt. Wir lesen von der Hengstparade (Auflauf männlicher Schönlinge in der Disco) und den Fickmichstiefeln (hohe Damenstiefel aus Kunstleder). Weder die älteren Semester noch die jüngeren werden verschont. Die Jungs beschäftigen sich mit der Bräuterei (Frauenfang), die Mädels tragen dabei Arschkordeln (Stringtangas), die Eltern lesen die Rentnerbravo (Apothekenrundschau) und gehen zum Mumienschubsen (Ü-40-Party). Manchmal treffen sich die Generationen beim Parentsitting (Fernsehabend mit den Eltern).
Es ist doch wunderbar, wie lebendig eine Sprache sein kann. Nur den Begriff Vollhorst (Vollidiot) finde ich reichlich albern.