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Veröffentlicht: 10.06.2011, 14:15 Uhr

Gunnar Schmidt: Weiche Displays Naht ihr euch wieder, neblige Gestalten?

Von Laternisten, Phantsmagoren und ihren Nachfolgern auf dem Feld zeitgenössischer Kunst: Gunnar Schmidt erzählt in einer kleinen Monographie die Geschichte unscharfer „Projektionen auf Rauch, Wolken und Nebel“.

von Peter Rawert
© Verlag

Vor einiger Zeit konnte man in einer Fachzeitschrift für Zauberkünstler eine seltsame Kontroverse verfolgen. Es ging um die Frage, ob es tatsächlich möglich ist, mit Hilfe einer Laterna Magica Bilder auf Rauch zu projizieren und damit Geistererscheinungen vorzutäuschen. Also um ein Thema, das auch der Trierer Medienwissenschaftler Gunnar Schmidt in seinem Buch über „Weiche Displays“ verhandelt.

Seit mehr als zwei Jahrhunderten ist die gespenstische Illusion immer wieder beschrieben worden. Jedem ordentlichen Magier und Cineasten ist sie ein Begriff. Eine Bauanleitung für das Spektakel hatte 1770 erstmals der Franzose Gilles Èdme Guyot in seinen berühmten „Récréations Physiques et Mathématiques“ geliefert. Ungezählte Werke der Aufklärungsliteratur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts haben sie rezipiert. Vermutlich ist die komplexe Installation das Geheimnis hinter den berüchtigten Geistercitationen, mit denen der Kaffeewirt Johann Georg Schrepfer (1739-1774) in Leipzig Furore machte. Männer wie der berühmte Ballonfahrer, Laternist und Phantasmagore Étienne Gaspard Robertson (1763-1837) sind Jahrzehnte mit ihr über das Land gefahren. Sie war ein Publikumsmagnet. Und durch Schillers Geisterseher fand sie gar Eingang in die Weltliteratur.

Der wichtige Unterschied zwischen echtem Rauch und Bühnennebel

Ein angesehener Chemiker mit unbestrittener Expertise auf dem Gebiet der Zauberkunst und pyrotechnischer Experimente behauptete freilich vor ein paar Jahren, dass die überkommenen Anleitungen einer Überprüfung in der Praxis nicht standhielten. Als er für Filmaufnahmen Geister- und Gespenstererscheinungen nach den gängigen literarischen Vorlagen habe nachstellen wollen, seien alle Versuchsanordnungen kläglich gescheitert.

Indes: Ein nicht minder renommierter Kenner der Magiegeschichte widersprach. Die alten Quellen seien zuverlässig. Und er berichtte nicht nur, den Effekt einer Geistererscheinung auf Rauch mit eigenen Augen auf den städtischen Bühnen zu Frankfurt am Main in einer Inszenierung von Goethes Faust gesehen zu haben. Mehr noch: Goethe selbst sei nach seinen Ermittlungen nachweislich von der Möglichkeit einer solchen Inszenierung ausgegangen, und zwar angeregt durch die von dem Chemiker apodiktisch verworfenen Fundstellen. Wenn das kein Beweis war!

Was folgte, war ein Streit um Versuchsanordnungen, wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, Goethe-Expertise, den Umgang mit historischem Material und vor allem dem subtilen, aber womöglich wichtigen Unterschied zwischen echtem Rauch und Bühnennebel. Der Theaterdonner verklang erst, als die technische Möglichkeit einer Projektion nach Guyotschem Muster Jahre später mit einigem Aufwand bewiesen wurde; übrigens an keinem geringeren Ort als dem Naturhistorischen Museum in Wien und in Anwesenheit von Gespensterspezialisten aus mehreren europäischen Ländern.

Metapher für den Wunsch nach einem Gespenst

Man mag über die Kontroverse den Kopf schütteln. Gewiss: Ihr Schauplatz ist die abgelegene Spielwiese einer offenbar skurrilen Forschergemeinde. Trotzdem: Die Bedeutung von Rauch, Nebel, Dampf und Wolken als Projektionsflächen geht weit über ein paar Spukkunststückchen hinaus. Gunnar Schmidt hat aufbauend auf den von ihm sorgfältig analysierten - und dabei übrigens stets als möglich vorausgesetzten - Rauchprojektionen des 18. Jahrhunderts eine bemerkenswerte kleine Monographie über sie vorgelegt, in der er einen Bogen von der Unterhaltungskultur der späten Aufklärung bis in die Gegenwart artifizieller Nebelorte und zeitgenössischer Lichtkünste schlägt.

Schmidts Kernthese ist, dass die Installationen der Laternisten und Phantasmagoren nicht bloß triviale Unterhaltung darstellten, sondern als das Gegenmodell zu den traditionellen Künsten verstanden werden müssen. Stünden Malerei, Skulptur und Theater nicht zuletzt für Repräsentation, „verkörperten“ weiche Displays Bewegung, Unschärfe und Flüchtigkeit. Damit sind die Rauchprojektionen der einst umherziehenden „Geisterbeschwörer“ für Schmidt nicht nur Vorläufer der künstlerischen Avantgarde. Sie sind vielmehr auch frühe Formen einer aus sich selbst wirkenden „Special Effect“-Kultur, in der das Medium und nicht das Gezeigte im Vordergrund steht.

Was als Phänomen heute Medienkunst genannt wird, nämlich eine „Kunst, die die dispositiven Möglichkeiten von Medientechniken zum Inhalt hat“, beginnt für Schmidt spätestens mit dem Einsatz der Laterna Magica zu Unterhaltungszwecken jenseits weltanschaulicher Grundierung. Und verfolgen lässt es sich von den fast wie Konzeptkunst anmutenden Vorführungsanweisungen der „amüsanten Physik“, über die Versuche einer Kommerzialisierung oder gar Militarisierung des Himmels mittels Reklame oder Propaganda verbreitender Wolkenprojektionen bis hin zu modernen Spektakeln wie der aufwändigen Außeninstallation „The Influence Machine“: Der amerikanische Videokünstler Tony Oursler hat sie im Jahre 2000 im Londoner Soho Square und im New Yorker Madison Square Park präsentiert. Losgelöst von ihren Körpern erschienen darin sprechende Gesichter in wabernden Dämpfen, die vom Wind zerrissen wurden, sich aufblähten oder auflösten und damit die „dreifache Semantik vom Medium als Technologie (Video), als raumfüllender chemischer Stoff (Dampf) und als Person mit okkulten, paranormalen Fähigkeiten“ aufrufen sollten. Der Betrachter sollte die Erfahrung von Information machen, die ihn - so Oursler - „in einem Zustand aktiver Dekonstruktion erreicht.“ Ein britischer Kunsthistoriker hat das mit der Bemerkung quittiert, er sehe sie lieber als Metapher für den Wunsch nach einem Gespenst, das die gegenwärtige Informationsideologie heimsuchen möge.

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