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: Grüße aus dem Unruhestand

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Daß er unermeßlich reich sei, hieß es, daß er nur Jaguar fahre und früher, als er noch "Zeit"-Feuilletonchef war, seinen Redakteuren nach der Arbeit selbstbezahlten Champagner spendierte und die Notizen zum täglichen Geschäft des Ressorts in einer feinen, ledergebundenen Kladde aufzeichnete. Wer irgendwann nach Fritz J.

          Daß er unermeßlich reich sei, hieß es, daß er nur Jaguar fahre und früher, als er noch "Zeit"-Feuilletonchef war, seinen Redakteuren nach der Arbeit selbstbezahlten Champagner spendierte und die Notizen zum täglichen Geschäft des Ressorts in einer feinen, ledergebundenen Kladde aufzeichnete. Wer irgendwann nach Fritz J. Raddatz bei der "Zeit" war, der konnte solchen Geschichten nicht entfliehen. Sie stimmten nur zum Teil, es waren Legenden. Sie sollten erklären, daß Raddatz, der gern kanariengelbe Kniestrümpfe trägt, anders war, ein Spezialeffekt im ansonsten ganz und gar minimalistischen "Zeit"-Film.

          Heute ist Fritz J. Raddatz nicht mehr bei der "Zeit", sondern waltet über die - wie soll man es vorsichtig sagen - nicht gerade überkapitalisiert wirkende Kurt-Tucholsky-Stiftung, deren Räume in einem trostlosen Hamburger Bürogebäude an eine von allen Privatpatienten verlassene Arztpraxis erinnern -, und er hat ein Buch geschrieben, "Unruhestifter" betitelt. Es sind seine Erinnerungen. Seit einigen Tagen ist es verfügbar, und längst klingeln bei den Etablierten des literarischen Betriebs die Telefone. Da wird, manchmal bang, manchmal hoffend, gefragt: Komme ich drin vor?

          Denn er kennt ja alle. Als Cheflektor des Rowohlt Verlags und später als legendärer Feuilletonchef der "Zeit", als Hochschullehrer und Rundfunkautor ist Raddatz jahrzehntelang durch die Republik gewirbelt , den Ruf seiner Autoren, der "Zeit" und seinen eigenen mehrend, tröstend, zankend, sich verliebend und wieder trennend. Viele Berühmte werden das Buch von hinten, vom Namensregister her lesen, für Nichtberühmte lohnt es sich aber durchaus, von vorn zu beginnen. Was für ein furioser Anfang: In der ersten Szene taucht Johannes R. Becher auf, sie spielt in seinem Ministerbüro, es folgen Zarah Leander und Heinz Rühmann, ferner, korrespondierend, Thomas Mann - "Wie Thomas Mann mir kürzlich schrieb . . .", erklärte der Gymnasiast Fritz J. Raddatz dem Oberschulrat im mündlichen Abitur -, und dann kommen die Geschichten: vom Vater, einem Berufsoffizier der kaiserlichen Armee, später Direktor bei der Ufa, der beim geringsten Vergehen den Sohn so lange mit der Reitpeitsche schlägt, bis Lux, der Schäferhund der Familie, vor Mitleid zu winseln beginnt und dem Kind später, im gemeinsamen Refugium der Hundehütte, das Blut von den Wunden leckt. Und dann kommt die Nacht, in der der Sohn vom Vater geweckt wird, damit er vor dessen Augen mit der Stiefmutter schläft. "Die Frau meines Vaters ist die erste Frau, mit der ich geschlafen habe. Bürgerliche Aufklärung." Das sind nur die ersten elf Seiten, danach kommt es noch doller.

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