26.08.2009 · Rüdiger Safranski hat ein Buch über das Glück des gemeinsamen Arbeitens geschrieben, über das Ende des Neides und die Freude, den Stern des anderen leuchten zu lassen: Ein Buch über die Freundschaft von Goethe und Schiller.
Von Volker WeidermannEs sind die Neuigkeitsmomente, in denen das ganze Glück aufleuchtet, das Glück, der Stolz, der unbedingte Wille zum Teilen und die Gewissheit, das Geteilte werde sich verdoppeln, sobald man es gemeinsam mit dem Freund bestaunt. Am schönsten vielleicht an dem Tag, an dem Goethe ein neues Teleskop bekommen hat und er Schiller mit den Worten einlädt: „Es war eine Zeit, wo man den Mond nur empfinden wollte, jetzt will man ihn sehen“, und Schiller kommt sofort. Der Moment, in dem sich schwärmerisches Mondbestaunen zu wissenschaftlicher Mondbetrachtung wandelt, will gemeinsam erlebt werden.
Wenn Goethe eine neue Kutsche hat, führt ihn die erste Fahrt vor Schillers Haus. Die erste Ausfahrt muss gemeinsam mit dem Freund unternommen werden, wozu sonst wurde die teure, schnelle Kutsche angeschafft? Und als Schiller sein neues Gartenhaus in Jena bezieht, schreibt er noch am Tag des Einzugs nach Weimar hinüber: „Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter und die Nachtigallen schlagen . . . Ich habe die Idee eine Ballade zu machen.“ Zwei Wochen später ist Goethe bei ihm, er bleibt einen Monat. Er will das Haus sehen, und vor allem will er mit Schiller zusammen Balladen dichten. Und ihr Balladen-Sommer beginnt. Goethe macht den Anfang, schreibt die Ballade vom „Schatzgräber“, der statt eines Schatzes einen Jüngling findet, mit weingefülltem Pokal und der frohen Botschaft: „Trinke Mut des reinen Lebens / Dann verstehst du die Belehrung / Kommst mit ängstlicher Beschwörung / Nicht zurück an diesen Ort. / Grabe hier nicht mehr vergebens / Tages Arbeit, Abendgäste, / Saure Wochen, frohe Feste / Sei dein künftig Zauberwort.“
Schläfrig weggeschnurrt
Es gibt unglaublich viele anrührende, begeisternde, motivierende, geistesschöne Momente in dem neuen Buch von Rüdiger Safranski über die Freundschaft von Goethe und Schiller. Ja, vieles wusste man schon, ahnte man und ist unendlich oft aufgeschrieben worden. Nicht zuletzt von Safranski selbst, der mitunter wörtlich aus seinem eigenen Schiller-Buch (Schiller-Biographien von Sigrid Damm und Rüdiger Safranski) abschreibt. Einige Seiten lesen sich auch, als hätte Safranski, der sich in den letzten Jahren eine Art Alleinvertretungsanspruch auf die deutsche Geistesbiographie erschrieben hat, auf Autopilot gestellt, wenn er die Sätze nur so schläfrig wegschnurren lässt. Und schließlich ist es immer wieder unangenehm, wie jener Safranski, der sich vor fünfzehn Jahren den aufgeblasenen Deutschland-Schwärmern und Möchtegern-Konservativen-Revolutionären in dem Band „Die selbstbewusste Nation“ angeschlossen hatte, Schiller hier erneut als eine Art Urtyp des Konservativen Revolutionärs für sich reklamiert. Aber inzwischen liest sich das wie eine Art Tick des Autors, über den man auch hinwegsehen kann.
Denn das Wesentliche dieses Buches ist die detaillierte Beschreibung des Glücks des gemeinsamen Arbeitens, des gemeinsamen Denkens, Schwärmens, Kritisierens, Fluchens, Lobens und Dichtens. Es ist ein Buch aus der Paradieswelt des Geistes, in dem zwei Genies beschlossen haben, einander nichts zu neiden, sondern gemeinsam zu leuchten, gemeinsam immer besser zu werden. Alles unter dem ewig schönen, weisen Satz von Goethe, „dass es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe“.
Braten statt Besuch
Safranski hält in seinem Buch wunderbar das Gleichgewicht zwischen Details aus dem privaten Miteinander und präzisen Arbeitsbeschreibungen. Aber natürlich erfährt man gern, dass Goethe als Gastgeschenke neben Erdbeeren, einem Hasen oder Hecht dem kleinen Karl Schiller einmal auch eine Spielzeugguillotine mitbrachte. Dass der kleine August Goethe immer mal wieder bei seinem Freund Karl Schiller übernachten durfte, während die Väter die Nacht über gemeinsam dichteten und stritten.
Wenn es Schiller zu viel wurde, schrieb er an Goethe: „Ich muß mich hüten, mich an ästhetische Dinge auch nur zu erinnern.“ Safranski schließt darauf den Satz an: „Goethe unterließ dann den Besuch und schickte statt dessen einen Braten.“ Ein echter Freundschaftsdienst. Überhaupt sind die kulinarischen Passagen des Buches besonders anregend. Goethes Frühstücksgedeck könnte man ja heute mal nachstellen: „Würste, Bücklinge, Bier und Trinkschokolade“ - klingt so, als könnte dem ein langer, harter Dichtertag folgen. Oder man legt sich erst mal wieder hin. Den Lebensrhythmus einander anzunähern war ohnehin eine der schwierigsten Aufgaben der zwei. Goethe, der Morgenarbeiter, und Schiller, der vor dem Mittagsschlaf das Bett eigentlich gar nicht verlässt. Dann Schillers Sucht nach Aufmunterungen aller Art: Kaffee, Wein, Arak, Tabak, faulige Äpfel. Rauchen durfte er nicht, wenn die beiden gemeinsam dachten, das verbat Goethe sich, die Äpfel in der Schublade fand er widerlich. Aber Freundschaft heißt manchmal eben auch gewähren lassen. Die Äpfel blieben drin.
Sie dichten wieder
Am anschaulichsten wird ihr gemeinsames Arbeiten in den Wochen, in denen die Xenien entstanden. In besserer Laune wurde wohl noch nie der deutsche Literaturbetrieb beschimpft. Gegen alle Feinde dichteten sie los, gegen den Geschmack des Publikums, gegen die Mittelmäßigkeit, gegen das ganze mickrige Scheindichten der Erfolgsdramatiker. Gegen Kotzebue also, gegen Friedrich von Stolberg, Wilhelm Heinse, die Schüler Newtons. Nächtelang riefen sie sich Spottverse zu, schrieben sie auf, verwarfen sie, lagen sich lachend in den Armen, dass die Leute, die draußen am Fenster vorbeigingen, sich zuriefen: „Sie dichten wieder.“
Alle wurden beschimpft in den Xenien, nur sie selber natürlich nicht. Sich selber priesen sie, über die Ilm, das Weimar-Flüsschen, dichteten sie: „Meine Ufer sind arm, doch höret die leisere Welle, / Führt der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.“ Von ihnen selbst gedichtet, in Goethes Gartenhaus. Dann kam es zur Veröffentlichung. Goethe wollte alles etwas abmildern, Schiller alles verschärfen. Schiller setzte sich durch, ein unglaublicher Empörungssturm war die Folge und ein riesiger buchhändlerischer Erfolg. Aber wehe, wenn sich ein Gegner ähnliche Kritikfreude herausnahm: Der arme Satiriker Falk wurde später auf Goethes Geheiß des Landes verwiesen, weil er sich in einem harmlosen Puppenspiel über Schiller lustig gemacht hatte. Das war natürlich nicht erlaubt.
Vieles haben sie gemeinsam geschaffen. Goethe trat Schiller den Tell-Stoff ab, Schiller drängte Goethe immer wieder zum Faust, der wiederum Schiller brieflich bat, in einer seiner schlaflosen Nächte das ganze Stück zu überdenken, seine Anforderungen zu formulieren „und so mir meine eignen Träume, als ein wahrer Prophet, zu erzählen und zu deuten“. Manchmal waren die beiden beinahe eins, ein doppeltes Genie.
Wie traurig dann, die Halbierung Goethes durch Schillers frühen Tod. Wie niemand den Mut findet, es ihm zu sagen. Eine Nacht lang, Christiane neben ihm liegt, ohne den Mut, und er nur sagt: „Ich merke es, Schiller muß sehr krank sein.“ Er wird nicht wiederkommen, der Freund. Zur Beerdigung geht Goethe nicht, aber den Schädel wird er sich später heimlich holen. An Zelter hatte er geschrieben: „Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.“
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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