11.09.2008 · Ahmet Hasims Frankfurter Reisetagebuch von 1932
In der reichen osmanischen und türkischen Literatur ist die Gattung des Reiseberichts selten. Ausnahmen wie das berühmte und umfangreiche Seyahatname ("Reisebuch") von Evliya Çelebi aus dem siebzehnten Jahrhundert bestätigen die Regel. Im zwanzigsten Jahrhundert gehört zu dieser Gattung das Reisetagebuch, das der bedeutende Dichter Ahmet Hasim seinem Aufenthalt in Frankfurt gewidmet hat. Dieses vor fünfundsiebzig Jahren unter dem Titel "Frankfurt Seyahatnamesi" erschienene Nebenwerk des Lyrikers, das zunächst als eine Folge von Artikeln in der Zeitung "Milliyet" und anderen Zeitschriften publiziert worden war, bevor man es als Buch herausgab, ist jetzt erstmals auf Deutsch erschienen. Hasim ist in seiner Heimat vor allem als ein von den französischen Symbolisten beeinflusster Poet bekannt geworden. Seine melodischen, von Farbeindrücken gesättigten Gedichte in einer spätosmanischen Sprache, die von den meisten Türken heute im Original gar nicht mehr verstanden wird, thematisieren melancholisch Untergang und Übergang - gemäß den Lebensdaten des Verfassers. Zwischen seinem vermutlichen Geburtsjahr 1883 oder 1885 und seinem Tod im Jahre 1933 ging das Osmanische Reich zugrunde und erstand die neue nationale Republik.
Hasim wurde in Bagdad geboren und starb in Istanbul. Als Anhänger der Dichterschule Fecr-i Ati (etwa: "Morgenröte der Zukunft"), später dann Servet-i Fünun ("Reichtum der Künste") schuf er eine Ästhetik, welche die Realität als Elemente des Traums (rüya) und der Phantasie (hayal) zu deuten wusste. Abendbilder, Sonnenuntergänge und ähnliche Metaphern des Absterbens werden in seinen Gedichten ebenso beschworen wie die Empfindung der Zeitlosigkeit in mystisch interpretierter Dauer. Damit hat Hasim auf einen anderen Großen der türkischen Literatur eingewirkt: Ahmet Hamdi Tanpinar (1901 bis 1962), der ihn als einen seiner ästhetischen Lehrmeister bezeichnet hat.
In Frankfurt hielt sich der Dichter höchstens zwei Monate auf, von Oktober bis Anfang Dezember 1932, vor allem um seine schwere Nieren- und Herzkrankheit bei Franz Volhard behandeln zu lassen. Es ist erstaunlich, wie Hasim in dieser kurzen Zeit, die nichts anderes als einen flüchtigen Blick zuließ, trotzdem das Unheil, das sich in Deutschland anbahnte und von dem doch viele überhaupt nichts wahrnahmen, als Unterströmung bemerkte. Wenige Monate nach seiner Rückkehr in die Türkei starb der Dichter und brannten in Deutschland die ersten Bücher.
Der "Frankfurter Reisebericht" ist denn unter anderem auch ein Buch der Ernüchterung: "Deutschland ist ein großer, roter Apfel, aber innen ist er faul!" In einem von ihm als zivilisiert verehrten Land, dessen Errungenschaften er durchaus schätzt und dessen Dichter und Gelehrte er bewundert (Beschreibung des Goethe-Hauses, der Tintenflecke auf Goethes Schreibtisch), registriert er andererseits, dass "immer mehr Juden das Land verlassen". Die deutschen Professoren, überhaupt die Oberschicht, erscheinen ihm wenig angenehm; neben Ordnung und Disziplin, neben der Uniformität aller modernen europäischen Städte, die Frankfurt mit ihnen teilt, fallen ihm doch auch die positiven Seiten auf, so die fortgeschrittene Art, in der man mit Patienten umgeht, "während man bei uns noch wie vor tausend Jahren behandelt wird". Der Palmengarten, die Umgebung der Stadt werden besucht und dankbar registriert.
Doch insgesamt bleibt der Eindruck, den Hasim von Deutschland empfängt, zwiespältig. Zwei kleine Beiträge der Übersetzerin über die Vita dieses Autors und dessen Ästhetik, dazu zwei seiner bekanntesten Gedichte machen den schmalen Band zu einer Hommage an den Dichter.
WOLFGANG GÜNTER LERCH
Ahmet Hasim: "Frankfurter Reisebericht". Aus dem Türkischen übersetzt und mit einem Nachwort von Beatrix Caner. Literaturca Verlag, Frankfurt am Main 2008. 106 S., Abb., geb., 16,50 [Euro].