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Gilbert Simondon: Die Existenz technischer Objekte : Auch Netzwerke brauchen verstehende Zuwendung

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Bild: Verlag

Mit Begriffen, Bildern und Schraubenschlüsseln: Gilbert Simondon warb schon vor fünfzig Jahren um mehr Auseinandersetzung mit technischen Objekten.

          In den aktuellen Debatten um Facebook und Google geht es hauptsächlich um deren Auswirkungen auf unser Verhalten als Käufer, Wähler oder Zuschauer. Vergleichsweise selten kommt die Rede auf jene Server und Seekabel, die tagtäglich die weltweite Nutzung dieser Dienste ermöglichen. Diese Technikvergessenheit lässt sich als Bestätigung einer alten These Marshall McLuhans begreifen. Ihr zufolge dient medialer Inhalt vor allem zur Ablenkung von jenen technischen Formen, die effektiv in die Macht- und Zeitverhältnisse einer Gesellschaft eingreifen. In einem kräftigen Bild hat McLuhan die Inhalte eines Mediums mit dem „saftigen Stück Fleisch“ verglichen, das der Einbrecher (= die Technik) mit sich führt, um die Aufmerksamkeit des Wachhunds (= der Gesellschaft) abzulenken. Die Technikphilosophie des hierzulande noch kaum bekannten Gilbert Simondon (1924-1989) schlägt in eine ähnliche Kerbe.

          Für Simondon ist die Bequemlichkeit im Umgang mit den technischen Dingen - Garantieversprechen und Wartungsverträge einbegriffen - nichts anderes als die Kehrseite einer tiefsitzenden Respektlosigkeit gegenüber unserer eigenen Kultur. Der heutige Mensch verhalte sich gegenüber dem Auto, dem Fernsehen, dem Telefon so herablassend wie gegenüber Fremdarbeitern: Er verlässt sich gern auf ihre Dienste, kennt Namen und Typen, entwickelt eine exotistische Begeisterung für äußere Merkmale, will im Grunde aber nichts Näheres über sie wissen.

          Der Vivisektor der Maschinen

          Dem Versuch, die Technik kulturell zu rehabilitieren, hat Simondon ein ganzes Buch gewidmet. 1958 zuerst erschienen und in der Folgezeit immer wieder aufgelegt, gilt seine Abhandlung über „Die Existenzweise der technischen Objekte“ in der frankophonen Welt längst als Klassiker der Technikphilosophie. In ihm verbindet sich der empirische Zugriff auf exemplarische Technikobjekte mit einer ungewohnten, eben deswegen aber aufschlussreichen Begrifflichkeit.

          Die Distanz zur Technikphilosophie Martin Heideggers wird dabei rasch deutlich. Den Heideggerschen Satz, dass das Wesen der Technik „ganz und gar nichts Technisches“ sei, stellt Simondon vom Kopf auf die Füße. Heidegger hatte es seinerzeit genügt, auf einer seiner Schwarzwaldwanderungen eine einsame Sägemühle erspäht zu haben, um die technikphilosophische Reflexion in große Tiefen zu führen. Simondon agiert dagegen als durch und durch urbaner Philosoph, der inmitten von Technik lebt. Sobald es um die „Frage nach der Technik“ geht, öffnet er seine Werkzeugtasche - um einen Fernseh- oder Telefonapparat aufzuschrauben oder einen Zweiradmotor auseinanderzunehmen.

          Darin kommt auch ein Altersunterschied zum Ausdruck. Simondon gehört zur selben Philosophengeneration wie Michel Foucault. Wie Foucault erlebt er das Laboratorium der Experimentalpsychologie als aufschlussreichen Raum des Wissens - und der Technik. Anders als Foucault bleibt Simondon diesem Raum langfristig treu - bis in die achtziger Jahre lehrte er Psychologie an der Sorbonne -, und zweifellos hat der tägliche Umgang mit den Instrumenten im Labor dazu beigetragen, ihn zum Vivisektor der Maschinen werden zu lassen.

          An Latours erinnernd

          Was dabei sichtbar wird, ist letztlich ein philosophischer Gegenentwurf zum damals dominanten Programm der Kybernetik. Die Arbeiten von Norbert Wiener und Ross Ashby sind Simondon wohlvertraut, und er schätzt sie als wichtige Schritte auf dem Weg zu einer Erfahrungswissenschaft der technischen Objekte. Doch Simondon kritisiert die kybernetische Methode auch, weil sie die Auseinandersetzung mit der Technik auf ein Studium „Schwarzer Kästen“ reduziert, bei denen nur noch Zustandsänderungen zwischen Eingangs- und Ausgangsgrößen registriert werden. Also öffnet er diese Kästen, um deren Innenleben und die Verknüpfung mit der ebenfalls technisch geprägten Umwelt zu betrachten.

          Wenn dabei im selben Atemzug von „technischen Individuen“ und „menschlichen Individuen“ die Rede ist, fühlt der heutige Leser sich an die Soziologie Bruno Latours und ihren Versuch einer symmetrischen Behandlung von „humanen“ und „nichthumanen Akteuren“ erinnert. Der Kybernetik wird damit aber nur scheinbar in die Karten gespielt. Wie Latour bezieht nämlich schon Simondon jede Entität auf ihre Genese zurück.

          Technische und menschliche Individuen werden zwar verglichen, durch die Berücksichtigung ihrer jeweiligen Entwicklungsgeschichte aber deutlich voneinander unterschieden. Darüber hinaus ist jeder Individuationsprozess mit einer spezifischen Umwelt assoziiert. Ein Leitmotiv der Gestaltpsychologie verallgemeinernd, geht Simondon davon aus, dass sich das spätere Individuum - beispielsweise ein Computer - im Verlaufe seiner Individuation von der Umwelt ebenso abhebt wie eine Figur vom Grund. Insofern ist es ein materiell fundierter Vorgang der Formwerdung, der es erlaubt, überhaupt von Information sprechen zu können.

          Ein fulminantes Plädoyer

          Das ehrgeizige Vorhaben, den Informationsbegriff nicht den Mathematikern und Ingenieuren des Nachrichtenwesens zu überlassen, wird hier greifbar. Der Arbeit des Begriffs werden allerdings auch Grenzen aufgezeigt. Um die technischen Objekte angemessen als Figuren erfassen zu können, bedarf es der Visualisierung. Aus diesem Grund fügt Simondon seinem Text eine Reihe von Fotografien, Zeichnungen und Diagrammen bei, die die innere Entwicklung einzelner technischer Objekte veranschaulichen.

          Bei den „technischen Ensembles“ - etwa den Netzwerken des Verkehrs und der Energieversorgung - hilft das allerdings nicht mehr weiter. Was dann noch bleibt, ist die Vertiefung des Erlebens von Technik: „Eigentlich müsste jedes menschliche Wesen in einem gewissen Maß Anteil an den technischen Ensembles haben, eine Verantwortung und eine bestimmte Aufgabe im Verhältnis zu einem solchen Ensemble übernehmen und sich so mit dem Netzwerk der universellen Techniken verbunden sehen.“ Was damit eingefordert wird, könnte man als Kollektivierung technisch basierter Netzwerkerfahrung bezeichnen. Simondons Buch lässt sich als fulminantes Plädoyer für eine in diesem Sinn erweiterte technische Bildung verstehen. Sie wäre in heutigen Debatten um Facebook & Co. nicht fehl am Platz.

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