Wenn man durch die Zeitungen blättert oder Fernsehen schaut, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass doch mehr Menschen, als man anzunehmen geneigt ist, seelisch nicht ganz gesund sein können, ohne dass sie deswegen sofort ein Fall für den Therapeuten werden. Zumal diese Menschen sich seelisch ganz gesund fühlen und zumindest in einem bestimmten Maße seelisch gesund sein müssen, als sie ihrer Arbeit weiterhin nachzugehen in der Lage sind. Und das machen sie häufig auch recht erfolgreich, erfolgreicher gar als die meisten ihrer Mitmenschen, von denen wiederum viele an Depressionen leiden, die nicht in einer direkten Abhängigkeit von ihrer Erfolglosigkeit stehen müssen.
Manchmal ist es aber auch gerade umgekehrt, dass erfolgreichen Menschen, zum Beispiel in diesen Tagen den Bankern beziehungsweise den Börsianern oder überhaupt den handelnden Wesen in der sogenannten Finanzwelt, bestimmte seelische Macken zugeschrieben werden, wie zum Beispiel eine kaum zu stillende Geldgier, während sich all die Wesen, die sich in der sogenannten Arbeitswelt über die Runden bringen, mit einem Mal als völlig normal gelten. Und auch dann gelten sie als völlig normal, wenn sie ihr Geld zu Banken tragen, von denen sie nicht genau wissen, was die dort mit diesem ihrem meistens nicht leicht verdienten Geld anstellen werden - und dann fallen sie eines Tages vielleicht aus allen Wolken.
Spätestens seit Thomas Manns "Zauberberg" wissen auch jene, die sich begrifflich nicht weit aus dem Fenster lehnen, dass es schwierig ist, zwischen Krankheit und Gesundheit messerscharf zu unterscheiden. Ja, es bedurfte in diesem Roman eines besonderen Kapitels und eines außergewöhlichen Aufstiegs zu erkenntnisstiftenden Höhen, um die Pflicht zur vitalen Menschlichkeit als das entscheidende Kriterium für den suchenden Helden zu gewinnen, mit dem Krankheit und Gesundheit sich voneinander getrennt halten lassen, damit sie sich nicht wieder trüb eindicken.
Eine nicht ganz so weitflächige erhabene Vorstellung von dem, was seelisch heute gesund sein könnte, beendet auch das schmale Buch von Adam Phillips, der als Psychoanalytiker in London arbeitet. Er hat sich der Frage nach der seelischen Gesundheit gewidmet, weil es seiner Ansicht nach kaum genaue Auskünfte, vor allem nicht unter Psychotherapeuten, darüber gibt, was man darunter zu verstehen hat, sondern im Gegenteil gibt es vor allem nur Definitionen und Beschreibungen dessen, was seelisch krank bedeutet. Obwohl das Buch recht schmal ist, kann es einem streckenweise auf die Nerven gehen, insbesondere bei den manchmal polemischen Rekursen auf die Theorien des Wahnsinns von Ronald Laing und Michel Foucault und der Anti-Psychiatrie-Bewegung, die allesamt in diesem eigenwilligen geistigen Zustand mehr sahen als nur ein mentales Unvermögen.
Doch findet man in diesem Buch, das nicht nur vom Wahnsinn, sondern auch von der Sexualität der Heranwachsenden und der Erwachsenen handelt, auf den ersten Blick apodiktisch anmutende Sätze, über die man, ohne sich zu ärgern, stolpert, wie zum Beispiel: "Geld ist Verrat an unserer Kindheit." Oder: "Es geht nicht darum, dass es seelisch krank ist, reich zu sein, sondern dass es einer seelischen Störung gleichkommt, wenn man sich die Sprache des Geldes zu eigen macht." Darüber kann man, mit dem Autor, sinnieren. Dann findet man auch gleichsam kontrastreiche Sätze, die einen mehr als irritieren, wie: "Oder etwas milder formuliert, Babys haben Eigenschaften, die wir gewöhlich mit seelischem Kranksein assoziieren: sie sind inkontinent, sie sind außerstande zu arbeiten und sie können sich sprachlich nur unzureichend ausdrücken (beziehungsweise ihre sprachlichen Fähigkeiten sind überhaupt nicht vorhanden)."
Dass man letztendlich doch von dem einen Stolperstein zum anderen und somit durch das ganze Buch kommt, kann man vielleicht dadurch erklären, dass der Autor sich auf einem sehr wackeligen Terrain bewegt, auf dem er sich, wie ein Passagier auf einem schaukelnden Schiff an der Reling und an den Wänden, an festgefügten Beschreibungen seelischer Krankheiten, wie Autismus, Depression oder Schizophrenie, festzuhalten versucht. Er selbst geht dabei gerne kreisend beziehungsweise schlingernd vorwärts, was angesichts der Schwierigkeit, begrifflich nicht steif und stur zu sein, sondern locker und nachdenklich, nicht verwundert. Zu den Bestimmungen dessen, was seelische Gesundheit sein könnte, gehört die heutzutage verblüffende Annahme, dass jener seelisch gesund ist, der weiß, "dass Besonderheit - das Bedürfnis, entweder derjenige sein zu müssen, der auswählen darf, oder derjenige, der ausgewählt wird - uns von unserem Glück abbringt."
Überhaupt ähneln Phillips' Erläuterungen in diesem abschließenden Kapitel einer skizzenhaften Beschreibung dessen, was ein guter Mensch sein könnte. Er spricht hier nicht von Demut, in der ein solcher Mensch sich zu üben hätte, aber doch davon, dass er Demütigungen vermeiden und verhindern soll. Und wie in entsprechenden philosophischen Traktaten mag man Phillips' Gedanken vor allem als eine Vorlage nehmen, selber ins Nachdenken zu rutschen, wobei man dann wieder erst bei sich selbst, dann aber auch bei den Leuten aus der Zeitung und aus dem Fernsehen und aus der Finanzwelt landen wird, was manchmal auch einen Realitätsschock auslösen kann.
Wie bei wahrscheinlich allen Psychoanalytikern kommt auch bei ihm die Realität leider nur als die Realität vor, und das heißt als der Bereich der Außenwelt und der von ihr geforderten Anpassung, nicht als etwas, das sich genau beschreiben ließe, so wie sich in diesem realistischen Falle dann ja auch beschreiben ließe, in welcher Weise man sich gerade mit dieser oder jener Realität, zum Beispiel eines wenn auch fernen Krieges oder einer Arbeit bei einem umweltschädigenden oder ethisch sorglosen Unternehmen, seelisch abfindet.
Mit diesem immanenten Realitätsverlust hängt vielleich zusammen, dass bei Adams zwar häufig von Wünschen, die bis in die frühkindliche Dunkelheit hinreichen, die Rede ist, aber eben nicht von den tagtäglich von den Menschen im Lande durchgesetzten Interessen, bei deren doch meistens energischer und ernsthafter Verfolgung man in einer ganz bestimmten seelischen Verfassung sein muss, sonst gelingt einem nichts. Auch ließen sich, wenn man es denn darauf anlegte, Interessen eher kritisieren und korrigieren als Wünsche. Doch damit verließe man wohl den Bereich der Psychoanalytiker und begäbe sich in andere Bereiche in der an Bereichen und Bereichsgrenzen - wie zum Beispiel zwischen Wirtschaft und Gesellschaft - offensichtlich so vielfältigen und so überwältigenden Wirklichkeit des Daseins.
Die grundsätzliche Frage, ob diese etwas behördenhaft anmutende Vorstellung vieler, irgendwie und irgendwann, wie nicht nur in diesen Tagen, miteinander dann doch in Kontakt tretender Bereiche für die seelische Gesundheit abträglich ist oder nicht - diese Frage klärt Phillips folglich auch nicht.
EBERHARD RATHGEB
Adam Phillips: "Wunschlos glücklich?" Über seelische Gesundheit und den alltäglichen Wahnsinn. Aus dem Englischen von Florian Langegger. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. 176 S., br., 17,90 [Euro].