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Geschichte der deutschen Erotikindustrie Wie die Ehehygiene von der Pornowelle überrollt wurde

 ·  Zuerst ging es um Schmutz und Schund, dann um die aufgeklärte Lust und zuletzt immer um den Konsum: Zwei lesenswerte Bücher zeichnen die Geschichte der Erotikindustrie in Deutschland nach.

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Wie bieder, verklemmt und unaufgeklärt waren die fünfziger und frühen sechziger Jahre? Dass die junge Bundesrepublik sich nach sexualmoralisch lockeren ersten Nachkriegsjahren auf ein konservatives Sittenverständnis festlegt, ist bekannt. Ein erstes Gesetz gegen „Schmutz und Schund“, wie man schon in der Kaiserzeit sagte, erließ 1949 Rheinland-Pfalz. Erotische Publikationen, Bilddarstellungen, schlüpfrige Ratgeberliteratur sollten aus Kiosk- und Buchhandel verschwinden. Von 1953 an galt in der ganzen Bundesrepublik ein „Gesetz über den Vertrieb jugendgefährdender Schriften“. CDU-Politiker und der katholische Volkswartbund hatten das Gesetzesvorhaben im Namen der „Sittlichkeit“ betrieben.

Die Juristen schnitten das wolkige Wert-Wort allerdings auf das Erfordernis des „Jugendschutzes“ zurück. Der im Volksmund weithin Schmutz- und SchundGesetz genannten Schutzregelung, die eine Bundesprüfstelle zensurförmig exekutierte, stand ein rigides Sexualstrafrecht zur Seite. Schwangerschaftsabbruch war verboten, Prostituierte unterstanden seuchenpolizeilicher Aufsicht, und der Verkauf von Kondomen war stark reglementiert. Fade Jahre also, die erst mit der „sexuellen Revolution“ ihr Ende finden? Setzte sich eine freie Sexualmoral erst mit der „Pille“, vor allem aber dann dank der Studentenbewegung ab 1969 durch?

Womöglich war alles anders, zu diesem Ergebnis kommen zwei materialreiche Bücher, welche die amerikanische Sexualhistorikerin Elizabeth Heineman und die deutsche Zeithistorikerin Sybille Steinbacher vorgelegt haben. Beide Bücher demontieren Klischees: Die auf parlamentarischer und juristischer Ebene ausgetragenen Sittlichkeitskämpfe der fünfziger Jahre artikulierten zwar wuchtige Positionen; am Mehrheitsempfinden der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft gingen sie jedoch vorbei.

Trotz wertkonservativer Diskurslage verkauften sich die anrüchigen Print-Produkte, aber auch Verhütungsmittel und Erotikartikel prächtig. Der Kinofilm und die zirkulierenden Illustrierten - Leitmedien der damaligen Jahre - reizten sowohl unter der quasimedizinischen Überschrift „Aufklärung“ als auch durch üppige Skandalberichte den Sex als Markenprodukt erfolgreich aus. Als Standort des Versandhandels für sexuelle Konsumgüter war die Adenauer-BRD dem Rest der Welt rund zwei Jahrzehnte voraus.

Die „Schmutz-und-Schund-Zensur“

Heineman zufolge ging eine veritable „Sexwelle“ der sexuellen Revolution und der „Pornowelle“ der siebziger Jahre voraus. Steinbacher sieht eine Sexwelle in drei Phasen: Die Währungsreform 1948 löste einen „Heftchenboom“ aus, die gespaltene deutsche Reaktion auf die Bestseller des amerikanischen Sexualforschers Alfred Charles Kinsey sorgte Mitte der fünfziger Jahre für einen neugierig-interessierten Wirbel um den Sex. 1964 schließlich war der Skandal um den Kinofilm „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman nicht nur ein Höhepunkt des Dauerkonfliktes um Zensur, sondern führte ein Plebiszit für Freizügigkeit herbei: Knapp ein Fünftel der Bundesbürger, etwa elf Millionen, stürmte sogleich die Kinos, um den Film zu sehen.

Parallel läutete ein Prozess um „Fanny Hill“, die deutsche Fassung eines Dirnenromans aus dem achtzehnten Jahrhundert, das Ende der Schmutz-und-Schund-Zensur ein. Erst 1969 ergeht ein Urteil. Es stellt klar, dass die Regulierung der Sexualmoral nicht zu den staatlichen Aufgaben gehört; die „Schilderung geschlechtsbezogener Vorgänge“ ist „als solche nicht mehr schlechthin unzüchtig“.

Das „moderne Paar“

Beiden Autorinnen zufolge holte das Recht nach, was das Konsumverhalten der Bürger längst dokumentierte: eine Übernahme „liberaler Werte“ (Heineman) beziehungsweise eine sich in der Ablehnung staatlicher Bevormundung und in Konsumfreude ausdrückende „Modernisierung“ (Steinbacher), die sowohl den Gebrauch von Verhütungsmitteln als auch von Mitteln zur Steigerung der Lust mehr oder weniger selbstverständlich erscheinen ließen. Was die „Sexwelle“ allerdings auch auszeichnete: Sie war Sache der Paare und stand im Zeichen eines Lustgewinns aufgrund einer „aufgeklärten“ Zuwendung zum Partner - sie sollte vor allem für das Eheleben von Bedeutung sein.

Stichwort Ehehygiene: Beide Autorinnen behandeln eingehend die Erfolgsgeschichte des Erotikwaren-Unternehmens von Beate Uhse. Steinbacher porträtiert „Beate Uhse im Kampf gegen die Justiz“ und hebt dabei ab auf Uhses geschickte streitbare Öffentlichkeitsarbeit, mit der sie als Verteidigerin der intimen Bedürfnisse „moderner“ Paare auftrat. Zugleich gab sich Uhse als betont moderne Unternehmerin. Sex und Sexartikel wurden von ihr mit der Assoziation von „Fortschrittlichkeit“ verknüpft. Aufklärung ist Beratung - und schlägt sich im Kauf der Produkte nieder.

Zum Beispiel Beate Uhse

Moralische Schranken erscheinen dann als Konsumverbot. Heineman spricht vom „Wirtschaftswunder im Schlafzimmer“. Bei ihr steht Uhses Unternehmen im Zentrum des ganzen Buchs. Sie zeigt, wie Beate Rotermund - so der bürgerliche Name der wiederverheirateten Unternehmerin - von Anfang an den Versandhandel als zukunftsweisenden Vermarktungsweg erkennt. Postwerbung und Produktversand erlauben es erstens, auf diskretem Wege das Paar zu Hause zu erreichen. Und zweitens stellt das direkte Anschreiben einen unvergleichlichen Kommunikationsweg dar.

In Broschüren und Katalogen erschafft Beate Uhse eine ganz auf das bürgerliche Paar und gerade auch auf Frauen zugeschnittene Sprache über den Sex - und lässt damit die Konkurrenz weit hinter sich. Hinzu kommt die Glaubwürdigkeit der Unternehmerin selbst: Als ehemalige Testpilotin, Kriegerwitwe, wiederverheiratete Frau mit zwei Söhnen verkörpert sie ein Frauenbild, das die Vereinbarkeit von Ehe mit dem Anspruch auf Selbständigkeit und individuelle Lust demonstriert. Ein Bild, das selbst dann nicht ganz zerbricht, als ab 1969 auch das Uhse-Imperium auf die an Männerbedürfnissen ausgerichtete „Porno-Welle“ einschwenkt.

Sex als Verhandlungsgegenstand

Die beiden Studien sind augenscheinlich unabhängig voneinander entstanden, das verleiht den teils verblüffend übereinstimmenden Perspektiven Gewicht. Reizvoll sind aber auch Differenzen. Steinbacher untersucht die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte, bis zum Einsetzen der „sexuellen Revolution“, in gesellschaftsgeschichtlicher Breite: zuerst die rechtsstaatliche Konflikte um die Zensur von „Schmutz und Schund“, zweitens die Freude der Massenmedien am Pikanten und am - mit Kinseys Bestseller dann plötzlich ins grelle Licht der Forschung getauchten - Sexleben von jedermann und drittens die Konsumgeschichte der Nachkriegszeit mit der Symbolgröße Beate Uhse. Heineman analysiert denselben Zeitraum, geht aber weiter. Sie zeigt, in welch starkem Kontrast die Sexwelle zum nachfolgenden Pornoboom steht, der von ihr bis in die achtziger Jahre verfolgt wird.

Steinbacher geht erzählend vor. Ihr Fokus liegt auf Sex als Verhandlungsgegenstand, an dem sich - gegen den „Volkswartbund“ und gegen Kulturpessimisten - die Konsum- und Fortschrittsorientierung der Republik bestätigt. Heineman hingegen nutzt die engere, unternehmens- und wirtschaftsgeschichtliche Perspektive. Sie befragt Zahlen und wertet die Epoche, in welcher das Beate-Uhse-Imperium mehrmals Produktpalette, Marketingverfahren und Unternehmensstrategie wechselte, von den praktischen Spielräumen her aus, welche die Akteure auf diesem Markt - Anbieter wie Konsumenten - nutzten. Wo Steinbacher - neben der Bewältigung nationalsozialistischer Vergangenheit - die Bedeutung der Projektionsfläche „Amerika“ für deutsche Sittlichkeitsdebatten betont, stellt Heineman den frühen Aufschwung des deutschen Erotika-Versandhandels als erstaunlichen Sonderweg heraus. Nicht nur dass Geschick Beate Uhses mag dabei den Ausschlag gegeben haben, sondern auch der Umstand, dass das Schmutz-und-Schund-Gesetz von 1953 den Versandhandel vergessen hatte.

Von Sexartikeln zur Pornowelle

Heineman spürt den Versprechen nach, die dem entstehenden Netz von Beate-Uhse-Läden zu Kundschaft verhalfen. Zunächst waren sie eher Beratungseinrichtungen, dann Kaufhäuser, schließlich Läden mit Dunkelzonen und einem Hauch von Trash. Sie fragt aber auch nach dem Sex selbst und dem verborgenen Konflikt zwischen Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse und dem, was Umsatz und Palette der Erotikprodukte anzeigen.

Hier kommt in den Blick, was mit dem Stichwort „Modernisierung“ nicht erfasst wird: der Bruch, den der Pornographie-Boom der siebziger Jahre bedeutet. „Porno“ - das sind nicht einfach drastischere erotische Darstellungen. Sie werden vielemehr anders verwendet und von anderen Kunden gekauft. Eine Erotikindustrie, die zuvor primär für Paare produziert hatte, richtete sich neu aus. Nun dominieren die Bedürfnisse des Einzelnen, der für sich spektakuläre Bilder konsumieren will.

Mit anderen Worten: Bilder und Verkaufsformen richten sich vor allem an die Phantasien von Männern. Daneben weiterhin auch Frauen zu erreichen wird zu einem kaum zu bewerkstelligenden Marketing-Spagat. So spiegelt sich in der Firmengeschichte des Beate-Uhse-Imperiums eine große Frage sehr präzise. Nämlich diejenige, ob der Konsum von Pornographie überhaupt etwas zu tun hat mit „Sex“, verstanden als intime Aktivität zwischen mindestens zweien.

Elizabeth Heineman: „Before Porn was legal“. The Erotica Empire of Beate Uhse. University of Chicago Press, Chicago, London 2011. 225 S., geb., 30,- €.

Sybille Steinbacher: „Wie der Sex nach Deutschland kam“. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik. Siedler Verlag, München 2011. 576 S., Abb., geb., 28,- €.

Quelle: F.A.Z.
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