17.03.2010 · Wie lässt sich die Widerstandskraft von Kindern stärken? Jedenfalls nicht durch Expertenhörigkeit, schreibt Gerlinde Unverzagt in ihrem gepfefferten Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein der Eltern.
Von Christian GeyerDieses Buch kommt zur rechten Zeit und dann doch auch wieder zur Unzeit. In dem Augenblick, da deutsche Politiker und der Kinderschutzbund darauf hinweisen, dass Kindesmissbrauch am häufigsten bei nahen Verwandten, in Familien also, vorkomme und ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sei, das tabuisiert werde – in dem Augenblick veröffentlicht Gerlinde Unverzagt ein starkes Pamphlet gegen politische und gesellschaftliche Bevormundung der Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder. Wie soll eine solche Lektüre nicht erst einmal verlegen machen?
Man fragt sich: Können Kinder in verwahrlosten Haushalten, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, nicht froh sein, wenn der Staat Sozialarbeiter schickt, die in der Wohnung nach dem Rechten schauen? Und sind nicht jene Kinder noch schlimmer dran, die in intakt genannten Familien Opfer von sexueller Gewalt werden, ohne dass ein Nachbar geschweige denn Sozialarbeiter auch nur das Geringste ahnt, weil nach außen hin alles so ordentlich aussieht? Müsste in Zeiten, in denen das Tabu des Kindesmissbrauchs ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, den Rang des Aktuellen erlangt hat, nicht darüber debattiert werden, wie Eltern daran gehindert werden können, ihr Kind als Besitz anzusehen, mit dem sie bei Strafe des Hausfriedensbruchs tun und lassen können, wonach ihnen ist? Statt dessen nun also dies: ein Buch mit dem Titel „Eltern an die Macht! Warum wir es besser wissen als Lehrer, Erzieher und Psychologen“.
Mit dem Tremolo persönlicher Erfahrung
Aber auch gegen den ersten Anschein trifft Gerlinde Unverzagt den Ton einer endlich in Gang gekommenen Debatte. Sie verspottet den allgegenwärigen Alarmismus, das Kindeswohl betreffend, um den berechtigten Alarm nicht zu überhören. Wenn sie den Kopf darüber schüttelt, dass bei jeder Gelegenheit „die verletzliche Kinderseele“ bemüht wird, die einen Schaden fürs Leben davontragen könne, dann ist das eine Vorsichtsmaßnahme, die Kinderseele nicht durch inflationäre Beschwörung zum Verschwinden zu bringen. Man soll, mit anderen Worten, von der gefährdeten Kinderseele nur sprechen, wo sie wirklich in Gefahr ist. Beim Missbrauch ist das definitiv der Fall. Beim Vorhaben jedoch, das Kind auf die reale Welt vorzubereiten und es deshalb nicht in Watte zu packen, bekommt die Seele keinen Schaden, sondern Schutz. In diesem der Verharmlosung vorbeugenden Sinne muß man Gerlinde Unverzagt verstehen, wenn sie schreibt: „Das Bild des gefährdeten Kindes ist das Produkt moderner Überempfindlichkeit und der Phantasie von Erwachsenen.“
Dieses Bild des permanent gefährdeten Kindes ist nicht vom Himmel gefallen. Es entspringt einer in den letzten zwanzig Jahren von Politik, Wirtschaft und popularisierter Hirnforschung noch einmal mächtig angeheizten Eltern-Paranoia, wonach Erfahrungen in der Kindheit zwangsläufig den Verlauf der künftigen Entwicklung bestimmen, eine deterministische Denkweise, die keinen Spielraum für Kompensationen, im weitesten Sinne für Kultur sieht. Solche nicht anders als magisch zu nennenden Vorstellungen „nähren den Glauben, die frühe Kindheit sei eine höchst komplizierte, krisenanfällige Zeit, in der sich nicht wiedergutzumachende Fehler ereigneten, so dass Eltern nimmermüde Zuwendung abzuverlangen sei“, so die Autorin über den Kern einer Dauerbefürchtung, die die Kehrseite der tabuisierten elterlichen Gewalt darstellt. „Die Aufgabe, Mutter oder Vater zu sein, wird zu einer unerträglich drückenden Bürde. Derart aufgeladen mit einer geradezu gottähnlichen Verantwortung gerät die unsichere Elternpersönlichkeit ins Visier der Experten für Kindererziehung. Glaubt man den vielen prominenten Pädagogikprofis, scheinen die Eltern die Einzigen zu sein, die keinen blassen Schimmer davon haben, was das Beste für ihr Kind ist.“ Die gebremste und manchmal heftig aufflammende Polemik, mit der dieses Buch das Genre der Expertenkritik bedient, tut dem Gehalt keinen Abbruch, im Gegenteil. Es gibt kaum eine private Sphäre, die derart von Expertisen kolonisiert wird wie Elternschaft und Erziehung. Da hält man den Atem an, wenn eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die zudem das Schreiben beherrscht, mit dem ganzen Tremolo persönlicher Erfahrung einen Aufschrei formuliert, der vielen Eltern aus dem zagenden Herzen geschrieben sein dürfte.
Kinder sagen lustige Sachen
Tatsächlich haben wir es mit zwei Extremen von Elternschaft zu tun: die verunsicherten Überbehüter und die grobmotorischen Vernachlässiger. In manchen Städten wie Frankfurt am Main lassen sich diesen Typologien von Elternschaft problemlos sogar die Spielplätze zuordnen. So ist dort der Holzhausenpark das Revier der Überbehüter (Mütter führen ihre aus dem Ei gepellten Kinder anderen Müttern als Renommierobjekte vor, betuliches Erziehungs-Palaver), der Ostpark jenes der Vernachlässiger (kleine, abgerissene Kevins randalieren vor sich hin, Mütter lassen sich gar nicht erst blicken). An beiden Orten kann man sich nur unwohl fühlen; entspannte Eltern mit ihren Kindern sind dagegen erst im Günthersburgpark zu besichtigen (hier weiß man, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und es kommen auch Väter vorbei). Gerlinde Unverzagts Buch scheint im Günthersburgpark verfasst worden zu sein. Man sollte es vor Ostpark-Besuchern verschlossen halten, den Mamis auf den Spielplätzen des Holzhausenparks dagegen müsste es als Pflichtlektüre aufgebrummt werden.
„Für mich gibt es nichts Wichtigeres als meine Kinder“, „Für meine Kinder tue ich alles“ oder „Wenn es um meine Kinder geht, kenne ich nichts!“ – Sätze wie diese beschreiben laut Unverzagt nicht zuerst die große Bedeutung, die Kinder für das Leben ihrer Eltern haben, sondern drücken eine Selbstdefinition aus: Es kommt nicht so sehr darauf an, dass es dem Kind gutgeht, sondern dass es uns zu guten Eltern macht. „So heilen wir in unseren Kindern eigene Verletzungen, befriedigen unerfüllte Wünsche und verwirklichen eigene ungelebte Träume.“ Man kann das nicht als Küchenpsychologie abtun, wenn man sich manche elterliche Angst vor kindlichem Liebesenzug anschaut. Gute Eltern erkennt man im Jahre 2010 scheinbar daran, dass sie dem Kind und seinen Bedürfnissen stets den Vorrang einräumen; dass sie sich von ihrem Kind ständig unterbrechen lassen, weil dieses Kind es nicht ertragen kann, einen Moment lang nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.
Für Tom Hodgkinson, den von Gerlinde Unverzagt zitierten Autor des „Leitfadens für faule Eltern“, sind dagegen die wirklich guten Eltern faule Eltern: geduldig, lebensklug, unangestrengt, sind sie davon überzeugt, dass sie schon alles richtig machen, wenn sie nicht zu viel machen. Hodkinson schreibt: „Faule Eltern werden sich niemals für ihre Kinder aufopfern. Sie werden ihr Leben leben, und ihre Kinder werden in ihrem Windschatten aufwachsen und lernen. Aber sie werden ihre kleinen Sprösslinge respektieren und deren Gebaren mit Interesse beobachten. Kinder sagen lustige Sachen. Und man kann immer von ihnen lernen. Das Entscheidende am Elternsein ist nicht, was Sie tun, sondern welche Beziehung Sie zu Ihrem Kind haben. Wie Sie sind, darauf kommt es an. Statt eine Liste von Regeln zu befolgen, die jemand anders aufgestellt hat, müssen wir uns zuerst und vor allem auf unsere geistige Einstellung zu unseren Kindern konzentrieren. Eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass sie in unser Leben getreten sind, könnte ein guter Anfang sein.“
Die Dynamik der Eltern-Paranoia
Eine Einstellung, die voraussetzt, das Kind in jeder Phase seiner Entwicklung als eigenständige Person wahrzunehmen, deren Werdegang man trotz aller erzieherischer Bemühung nicht in der Hand hat. Gerlinde Unverzagt unterstreicht diese Idee der erzieherischen Unverfügbarkeit mit einem ironischen Reflex: „Gott, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich für mein Kind ändern kann, und den Mut, zu verändern, was unveränderbar für oder an meinem Kind erscheint, und den Mut, niemals den Unterschied zwischen beidem zu sehen.“ Das Credo der Überengagierten – eine Aufspießung des Machbarkeitswahns in Form des Spottgebets.
Wahrscheinlich, so die Autorin, haben Eltern aller Zeiten im Notfall enorme Opfer für ihre Kinder gebracht. Aber nicht im Regelfall: Kinder gelten uns heute als unsagbar zerbrechliche Wesen, aufs Tiefste verletzbar durch unsere Macken, Defizite und Versäumnisse. Eine Fehlwahrnehmung zumeist, die die Widerstandskraft der Kinder unterschätzt und ihnen recht eigentlich erst das Leben schwermacht, weil es ihnen vorenthalten wird. Furchtsame Eltern, so heißt es in dem Buch, ersticken Weltneugier und Abenteuerlust der Kleinen im Keim, sie halten ihre Sprösslinge wie kommende Thronfolger oder die Letzten ihrer Art – in Sicherheit. Unbeaufsichtigte Aktivitäten außer Haus kommen immer seltener vor. „Doch Kinder, die nicht mehr draußen spielen dürfen, werden dick und sogar doof. Sie können nicht genug Selbstvertrauen entwickeln, wenn sie ständig unter Aufsicht von Erwachsenen sind, die ihre Experimentierfreude und ihren Einfallsreichtum einschränken aus lauter Angst, dass etwas passieren könnte.“ Die Dynamik der Eltern-Paranoia ist dabei immer dieselbe: „Ein einziger aufsehenerregender Fall von Entführung, Misshandlung, Mord und Totschlag löst eine Riesenwelle elterlicher Ängste aus und beschwört Forderungen herauf, die von aberwitzigen Sicherheitstechnologien bis zu voreiligen Schuldvorwürfen reichen.“
Deshalb kommt dieses Buch zur rechten Zeit: Weil es in gefährlicher Zeit auf die Gefahren für das Kind aufmerksam macht, die von jenem Klima der Überängstlichkeit rühren, das angesichts dramatischer Übergriffe auf Kinder naheliegt. Gerlinde Unverzagt warnt davor, sich der Gewalt der Täter zu beugen, indem man seine Kinder unter Quarantäne stellt. „Ein Klima der Überängstlichkeit, des Misstrauens und der Eltern-Paranoia schreckt keinen Amokläufer, Kinderschänder oder sonst wie Verrückten ab, untergräbt aber sehr wohl das Vertrauen aller Mütter und Väter in sich selbst und ihre Fähigkeiten, Kinder auf den Lauf der Welt vorzubereiten und ihnen das Rüstzeug an die Hand zu geben. Diese Atmosphäre schwächt die Kräfte von Kindern, die sie dringend bräuchten, um heikle Lebenslagen meistern zu können.“
Strategie der erhöhten Wachsamkeit
Und darauf, auf die Stärkung der kindlichen Abwehrkräfte, kommt es im Angesicht der wirklichen Seele und Körper schädigenden Gefahr an. Die Frage ist, wie man seine Kinder zu „starken“ Kindern macht, die nicht jedem Erwachsenen aus dem Weg gehen, wohl aber gelernt haben, entschieden „nein“ zu sagen, wenn ihnen etwas merkwürdig vorkommt. Ein Pädophiler spricht ein Kind nicht zweimal an. Geht der erste Kontaktversuch ins Leere, weil das Kind zurückweisend reagiert, versucht es der Übergriffige in der Regel nicht noch einmal. Das ist jedenfalls eine der wichtigsten Informationen, die Manfred Karremanns aufsehenerregende Studie im Milieu der Pädophilen ergab, die er vor zwei Jahren unter dem Titel „Es geschieht am helllichten Tag“ veröffentlicht hat. Es kommt also sehr darauf an, wie die erste Reaktion des Kindes ausfällt, mit welcher Stärke sie sich ausdrückt. Hier schließt Unverzagts dreigliedriges Plädoyer für eine Elternbefreiungsbewegung an, die sich von falschem Alarmismus nicht irremachen lässt: Sich selbst wieder vertrauen lernen; sich wieder auf eigene Erfahrungen beziehen; wieder tun, was man für richtig hält.
Auch Karremann hat eine das Kind schwächende Überbesorgtheit von Eltern im Blick, die ihren Nachwuchs vor Missbrauch schützen wollen. Es geht nicht darum, schreibt er, übervorsichtig zu sein, wohl aber darum, jene Vorsicht walten zu lassen, die der Gefahr angemessen ist. Das ist die Linie, auf der Gerlinde Unverzagt vor Panikmache und ungerechtfertigtem Verdacht warnt und gleichzeitig zu verstehen gibt, dass es zur Strategie der erhöhten Wachsamkeit keine Alternative gibt, wenn man Verbrechen am Kind aufklären und ihnen vorbeugen will. Man könnte es auch so sagen: Ihr überschießendes Buch, das sich von keinem Erziehungsexperten den Schneid abkaufen lassen will, kommt wie gerufen.