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Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder Muss man Bilder denn durchschauen?

09.07.2009 ·  Von Werken der bildenden Kunst über politische Plakate und Reklame bis zur Ikonographie der beiden Weltkriege: Ein stattlicher Band führt durch die Bildwelten der Jahre 1900 bis 1949.

Von Peter Geimer
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In den vergangenen Jahren hat die Geschichtswissenschaft verstärkt die Bedeutung von Bildern in den Blick genommen. Zwar hatten Kulturhistoriker wie Jacob Burckhardt oder Philippe Ariès dem Bild schon früh eine eigenständige Bedeutung zugestanden. Neben der Dominanz der Schrift kam dem Visuellen jedoch keine vergleichbare Bedeutung zu, so dass der englische Historiker Peter Burke die Einbeziehung bildlicher Quellen noch vor wenigen Jahren als „neuen Trend“ der Geschichtswissenschaft hervorheben konnte.

Zu den Autoren, die diesen Trend im deutschsprachigen Raum vertreten und mitgeprägt haben, gehört der Flensburger Historiker Gerhard Paul. Nachdem im vergangenen Jahr bereits ein Band der von ihm herausgebenen Anthologie „Das Jahrhundert der Bilder“ erschien, folgt nun der erste Teil, der den Zeitraum von 1900 bis 1949 behandelt. Über siebzig Autoren haben zu dem Projekt beigetragen und jeweils ein Bild, eine Bilderserie oder ein Genre ausgewählt. Der Anspruch des Unternehmens ist hoch: Der Band will kein Geschichtsbuch mit angehängtem Bildteil sein, vielmehr soll gezeigt werden, dass das zwanzigste Jahrhundert massgeblich visuell geprägt war und folglich das Logo „Jahrhundert der Bilder“ tragen darf.

Weites Spektrum

Dementsprechend breit gefächert ist die Auswahl der Gegenstände. Sie reicht von Werken der bildenden Kunst wie Picassos „Guernica“ über das politische Plakat und den Film bis hin zur Ikonographie der beiden Weltkriege. Neben bekannten Motiven wird die Aufmerksamkeit auch auf verlorengegangene Bildwelten wie beispielsweise das Reklame-Sammlerbild gerichtet, die einmal fester Bestandteil der Alltagskultur waren. Schon dieser differenzierte Überblick lohnt die Lektüre des Bandes, und auch die ausführliche Bibliographie macht das Buch zu einer empfehlenswerten Einführung in das Thema.

Ist mit diesem Überblick über die Bildproduktion eines Jahrhunderts aber auch der bildtheoretische Anspruch des Unternehmens eingelöst? Bilder, so entnimmt man der Einleitung des Herausgebers, sind „Medien“ und Vehikel der Kommunikation. Sie vermitteln Inhalte, transportieren Botschaften und entfalten diese Funktion in informierender, propagandistischer oder auch aufklärerischer Absicht. Das ist nicht falsch, verkürzt den Blick jedoch auf eine bestimmte Perspektive.

Private Bilder und solche, die so tun

Die interessantesten Bilder des Bandes sind aber gerade diejenigen, die in dieser Art von Dechiffrierbarkeit nicht aufgehen. Zu diesen Bildern gehört etwa eine Fotografie aus dem Privatalbum eines Soldaten, die Petra Bopp in ihrem Beitrag über das Knipsen der Frontsoldaten während der Weltkriege vorstellt. Die Aufnahme zeigt eine junge, bäuerlich gekleidete Frau, die mit behutsam hochgerafftem Rock einen Fluss durchquert. Was auf den ersten Blick wie eine pittoreske Szene am Rande des Schlachtfelds aussieht, erweist sich als abgründiges Zeugnis einer „Minenprobe“, bei der man Gefangene durch unübersichtliches Terrain schickte, um es auf mögliche Verminung zu testen.

Bopp beschreibt diese Fotos als private Trophäen der Soldaten, zugleich aber auch als Mittel der Entäußerung und Distanzgewinnung. Auch die von Katharina Menzel-Ahr besprochenen Aufnahmen der amerikanischen Fotografin Lee Miller zeichnen sich durch ihre Hintergründigkeit aus. Unmittelbar nach Kriegsende war Miller im Auftrag der amerikanischen „Vogue“ in Deutschland unterwegs und fotografierte im Verlauf ihrer Reportage auch Hitlers private Wohnräume in München. Miller lichtete jedoch nicht einfach die verlassenen Räume ab, sondern machte sie zum Schauplatz einer aberwitzigen Performance, bei der sie rauchend im Bett Eva Brauns posierte oder sich im gekachelten Badezimmer des Führers vom Staub deutscher Trümmerlandschaften befreite. In ihrer Vielschichtigkeit sind diese Bilder ungleich interessanter als die meisten der sogenannten „Ikonen“ des Jahrhunderts – ein im Buch inflationär verwendeter, aber nicht näher erläuterter Begriff.

Bilder als Dokumente

So legt die chronologische Ordnung der Beiträge am Ende dann doch den Eindruck nahe, dass die ausgewählten Bilder hier nicht nach bildlichen Kriterien geordnet wurden, sondern als Chronik der zeitgeschichtlichen Ereignisse. Ein Beitrag wie der von Klaus Honnef verfasste Artikel zur Ästhetik des Neuen Sehens am Bauhaus wirkt in dieser Reihe ein wenig verloren, und wenn unter den Bildern vom Untergang der Titanic auch Max Beckmanns Darstellung des Ereignisses gezeigt wird, erhält auch diese malerische Umsetzung des Themas den Anschein, vornehmlich eine Reportage zu sein.

Insgesamt überwiegen Beiträge, die Bilder als Agenten der Propaganda und Manipulation diskutieren. Bilder, so scheint es dann, sind in erster Linie suggestiv, sie manipulieren und verfälschen die Wirklichkeit, und die Aufgabe der Interpreten ist es dementsprechend, die Gründe und Funktionsweisen dieser Verstellung aufzudecken. Das alles ist nicht falsch, beleuchtet aber nur die eine Hälfte des „Jahrhunderts der Bilder“. Dass Bilder Wirklichkeiten erfinden, ist schließlich zunächst kein Defizit, keine Quelle des Irrtums, sondern ein ästhetisches Potential, von dem nicht nur die bildende Kunst, sondern auch jede intelligente Form der Visualisierung lebt.

„Das Jahrhundert der Bilder“. 1900 bis 1949. Herausgegeben von Gerhard Paul. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009. 822 S., 500 Farbabb., geb., 39,90 €.

Quelle: FAZ.NET
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