In seinen stärksten Passagen liest sich „Turing’s Cathedral“ wie ein Werk von Thomas Pynchon. Menschen mit komplizierten Biographien treffen inmitten des Weltenbrands auf fremdartige Maschinen, Ausgeburten eines entfesselten Militärapparats. Der Leser erwartet unwillkürlich, Pynchons archetypischen Militärganoven Seaman „Pig“ Bodine um die Ecke biegen zu sehen, einen Karton mit Elektronenröhren vom Schwarzmarkt unterm Arm, den begehrten Bausteinen der ersten virtuellen Welten in Rundfunk und Rechengerät. Gäbe Bodine dann einen Pynchon-Song über Computer, Bomben, Wahn und Wissenschaft zum Besten, er würde sich nicht seltsamer ausnehmen als das neue Buch von George Dyson.
Zehn Jahre hat der amerikanische Wissenschaftshistoriker recherchiert, um den Strang der Ereignisse nachzeichnen zu können, die zum Bau des frei programmierbaren Digitalcomputers am Institute for Advanced Study (IAS) in Princeton führten. Als Sohn des Physikers Freeman Dyson, der selbst jahrzehntelang am IAS gearbeitet hat, bewegte er sich auf bekanntem Terrain. Er verbrachte nicht nur seine Kindheit in Princeton, er durfte dort auch vor einigen Jahren als Gastwissenschaftler für sein Projekt recherchieren. Dyson beschreibt, wie sich das digitale Rechnen als primäres Abstraktionswerkzeug von Wissenschaft, Wirtschaft und Militär und damit als Grundlage der neuen Herrschaftstechnik etabliert hat.
Von-Neumann-Architektur
Der Titel des Buchs ist leicht irreführend, zumal der britische Mathematiker Alan Mathison Turing von Dyson erst nach über zweihundert Seiten ausführlich vorgestellt wird. Mag sein, dass die Marketingabteilung des Verlags an der medialen Aufmerksamkeit für die Veranstaltungen im Turing-Jahr teilhaben wollte. Der Computer, um den es in Dysons Text hauptsächlich geht, wird aber nicht von Turing gebaut. Vielmehr war John von Neumann, Spross einer mächtigen Budapester Bankiersfamilie, die treibende Kraft hinter der Computerentwicklung am IAS.
Das Mathematikgenie von Neumann sah die Transformation der Wissenschaften durch Digitaltechnik und Computer kommen. Von Neumann interessierte sich nicht nur für die Anwendungen in seinem eigenen Fach, sondern unterstützte auch die Arbeit von Meteorologen und Biologen, die sich mit der neuen Rechentechnik befassen wollten. Anders als andere Theoretiker auf seinem Niveau arbeitete er konsequent daran, seine Konzepte in Hard- und Software verwirklicht zu sehen.
Mit seinen ausgezeichneten Verbindungen in höchste Kreise von Militär und Regierung schaffte er es, Geld, Material und kongeniale Ingenieure ab 1945 für den Bau des IAS-Computers aus der streng kontrollierten Nachkriegswirtschaft abzuziehen. Der 1953 voll in Betrieb genommene Rechner war einer der ersten Computer, bei denen Programmcode und Daten gemeinsam in einem elektronischen Speicher zur Verarbeitung vorgehalten wurden. Die wesentlichen Konstruktionsprinzipien dieser Maschine wurden unter dem Namen Von-Neumann-Architektur bekannt und bestimmten bis in die PC-Ära hinein den Aufbau der meisten Rechner.
Kampf um die große Liebe
Dyson hat seinen Text mit zwei politisch relevanten Erzählsträngen durchwoben. Da ist zunächst die fast durchwegs freundliche, ja empathische Darstellung der Person von Neumanns, die eine Neubewertung dieses wichtigen Akteurs bedeutet. Der Mathematiker war immerhin, wie sein Landsmann und Kollege Edward Teller, Verfechter eines atomaren Erstschlags gegen die UdSSR. Man könnte ihn auch als paradigmatischen Vertreter dessen bezeichnen, was Dwight D. Eisenhower 1961 als militärisch-industriellen Komplex bezeichnen sollte. Im späten Kalten Krieg mit seinen berechtigten Overkill-Schreckensvisionen war diese Position in der Öffentlichkeit entschieden weniger populär als jene von J. Robert Oppenheimer, Albert Einstein oder Norbert Wiener, die eindringlich vor den Folgen eines Atomkriegs warnten.
In Andrew Hodges’ Alan-Turing-Biographie von 1983 wird von Neumann als kühler Aristokrat beschrieben. Dyson dagegen gibt der Haltung des Mathematikers einen differenzierten biographischen Hintergrund. Seine wichtigste Quelle dabei sind die Erinnerungen von dessen zweiter Ehefrau Klára. Die Erzählung, wie sich der verliebte von Neumann 1938 als bereits etablierter Wissenschaftler umständlich von seiner ersten Frau scheiden lässt und nach Europa fährt, um in einem monatelangen Kampf mit den Bürokratien der Vereinigten Staaten und Ungarns seine neue große Liebe zu ehelichen, ist eine der wichtigsten Passagen des Buchs. Von Neumann rettete Klára damit vor den Nazis, denn wie er selbst stammte sie aus großbürgerlich-jüdischem Haus. Dysons Fazit: „Von Neumann verließ Europa mit einem tiefsitzenden Hass auf die Nazis, einem wachsenden Misstrauen gegen die Russen und der Absicht, die freie Welt nie wieder in jener Position der militärischen Schwäche sehen zu wollen, die sie zu Zugeständnissen gegenüber Hitlers erstarkender Kriegsmaschinerie gezwungen hatte.“
Kompromisslos und brillant
John von Neumann sollte von da an alles tun, um den Vereinigten Staaten einen Vorsprung in der Waffentechnik zu sichern, eine Motivation, aus der heraus auch der Rechner am IAS entstand. Der wiederum wurde unter maximaler Geheimhaltung am Atomforschungszentrum in Los Alamos geklont, um die Arbeit von Edward Teller und Stan Ulam an der H-Bombe zu unterstützen. Mit Erfolg. „Das digitale Universum und die Wasserstoffbombe entstanden zur gleichen Zeit“, notiert Dyson. Er zitiert auch J. Robert Oppenheimer, der laut dem amerikanischen Luftwaffenminister Thomas K. Finletter nach einer Präsentation Tellers über die H-Bombe gesagt haben soll: „Geben Sie uns diese Waffe, und wir werden die Welt beherrschen.“ Tellers Atomsprengköpfe sorgten dann für einen gespannten Frieden, auf dessen Oberfläche sich die Weltherrschaft der Computerlogik etablieren konnte. Es hätte aber auch ganz anders kommen können.
Von Neumann ist bei Dyson eine ambivalente, aber letztlich positiv bewertete Figur: einerseits kompromisslos beim Bau von Atomwaffen und beim Verkauf von Computergeheimnissen an IBM, andererseits begeisternder Wissenschaftler, brillanter Planer und Unterstützer Oppenheimers, als dieser 1954 wegen seiner Kritik an der nuklearen Hochrüstung und angeblicher Verbindungen zur UdSSR unter Druck gerät. 1957 verstarb von Neumann an einem Krebsleiden, er wurde nur dreiundfünfzig Jahre alt. Ob er seine Haltung zur nuklearen Aufrüstung geändert hätte, wenn ihm mehr Zeit geblieben wäre, kann niemand wissen. Sicher ist aber, dass das Computerprojekt am IAS nach von Neumanns Abgang zur Atomic Energy Commission im Jahr 1955 ohne Unterstützung vor sich hin dümpelte und nach dem Tod seines Gründers von dessen institutsinternen Gegnern schnell erledigt wurde. Dyson spinnt die Visionen von Neumanns und seiner Mitarbeiter in den letzten Kapiteln seines Buches weiter, vor allem jene in Bezug auf künstliches Leben.
Amerikanisches Gegenstück zum Standardwerk
Der zweite wichtige Erzählstrang in „Turing’s Cathedral“ betrifft die Finanzierung wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Dyson beschreibt nicht ohne Hintergedanken minutiös die Überlegungen und Probleme bei der Gründung des IAS durch die jüdische Stifterfamilie Bamberger und ihre Berater inmitten der schlimmsten Zeit der Weltwirtschaftskrise. Die Stifter wollten einen Ort schaffen, an dem Wissenschaftler befreit von allen Zwängen ihrer Arbeit nachgehen konnten. Als das Institut in den dreißiger Jahren entgegen allen Widrigkeiten seine Arbeit aufnahm, stand es dazu bereit, von den Nazis aus Mitteleuropa vertriebene Wissenschaftler aufzunehmen. Diese wiederum halfen dabei, den Krieg zugunsten der Vereinigten Staaten zu entscheiden.
Dysons Buch ist dort besonders stark, wo er den Mitarbeitern des IAS eine individuelle Geschichte und damit ein Gesicht verleiht. Er lässt nicht nur die Führungsebene zu Wort kommen, sondern auch Ingenieure und Verwaltungspersonal, schildert deren Leben in Arbeit und Freizeit, das Basteln an den Maschinen sowie die Verflechtungen hoher Theorien und praktischer Gedankengänge in pynchonesker Qualität.
Wegen dieser Passagen empfiehlt sich „Turing’s Cathedral“ als amerikanisches Gegenstück zu Hodges’ Standardwerk „Alan Turing - The Enigma“, das sich in erster Linie mit den Entwicklungen in Großbritannien befasst. Dyson beschreibt, durchaus in Pynchons Sinn, den Bau des Computers als Parabel, deren Bogen Wissenschaft und Gesellschaft umspannt: an einem Endpunkt Alan Turing, am anderen von Neumann.