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: Genies unter sich

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Neidisch blickte Hugo von Hofmannsthal einst auf die französische Literaturgeschichte, weil er den Eindruck hatte, daß dort, anders als in der deutschsprachigen, die Dichter Spuren hinterließen im Werk ihrer geistigen Nachfahren und so eine Kontinuität schufen. So wählte er für seine Aphorismensammlung ...

          Neidisch blickte Hugo von Hofmannsthal einst auf die französische Literaturgeschichte, weil er den Eindruck hatte, daß dort, anders als in der deutschsprachigen, die Dichter Spuren hinterließen im Werk ihrer geistigen Nachfahren und so eine Kontinuität schufen. So wählte er für seine Aphorismensammlung "Buch der Freunde" ein Wort Johann Wolfgang von Goethes, das geradezu als Mahnwort zu verstehen war: "Wer sich des Guten nicht erinnert, hofft nicht."

          Die Germanistik indes hat einiges darangesetzt, sich die Hoffnung zu bewahren und die inner Stimmigkeit ihres Kanons gerade auch über erinnernde Rückverweise in den dichterischen Zeugnissen zu belegen. Zu den großen Figuren, die sich dieser Aufgabe angenommen haben, gehört Bernhard Böschenstein. Nun ist, passend zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag vor acht Wochen, ein Sammelband von Vorträgen und Aufsätzen erschienen, die der Genfer Emeritus in den vergangenen drei Jahrzehnten gehalten und die er bezeichnenderweise unter das Thema "Filiationen der Dichtung von Hölderlin bis Celan" gestellt hat. Denn er versteht seine Arbeit als Ahnenforschung.

          Ein gutes Beispiel dafür ist Hofmannsthal selbst: An ihm führt Böschenstein vor, inwiefern jenes Goethe-Zitat nur das Signal eines implizit mittransportierten Menschenbildes sei. Bei Goethe lautet die Fortsetzung nämlich: "Hieraus ersehen wir, daß des Menschen Leben nur insofern etwas wert ist, als es eine Folge hat." Überträgt man den Spruch auf den Dichter, erhält man Hofmannsthals Selbstverständnis - und Böschensteins Perspektive auf die Literaturgeschichte. Die gewichtigen Stimmen der Literatur, so zeigt er in filigranen Studien, haben durch ihr Werk für Nachkommenschaft gesorgt und sind ihrerseits ohne Vorgänger und Vorbilder nicht zu denken, ja, sie bezogen gerade erst durch ihre Arbeit am Kollegen Impulse für das eigene Schaffen.

          Bei Hölderlin laufen die meisten Fäden zusammen, die Böschenstein durch die deutsche Lyrik zieht. Er scheint dabei einem Diktum Stefan Georges zu folgen, der Hölderlin aufgrund von dessen visionären Qualitäten zum deutschen "Urdichter" erklärt und verklärt hatte. Nichts verabscheut Böschenstein dabei mehr als die Unterstellung, ein Dichter habe das Werk eines Klassikers "bedenkenlos als Steinbruch benutzt", wie Reinhold Grimm es einmal über den Umgang Georg Trakls mit Hölderlin behauptet hat.

          Böschensteins Verständnis von produktiver Rezeption hat nichts mit Tagebau und Anspielung zu tun, sondern fühlt sich der Idee des Erbes verpflichtet. Wenn es darum geht, wie Trakl sich einzelne Passagen aus Hölderlins Gedichten aneignet, dann spricht der Interpret in beinahe religiösem Duktus von Trakls "Sohnschaft", die nicht nur als Herausforderung, sondern bisweilen auch als Last erscheint, wenn dabei schwermütige "Tönungen" festzustellen sind und sich der Autor selbst als der "schwächere Nachklang" inszeniert. Damit soll durchaus nicht der Eindruck entstehen, Literaturhistorie sei Verfallsgeschichte. Gerade in der Art und Weise der dichterischen Rezeption liegen für Böschenstein epochale Innovationen. Die Enkel, die ihn interessieren, sind keine Epigonen, sondern oft renitente Gegenspieler.

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