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„Generation Doof“ : Der grobe Keil für den groben Klotz

  • -Aktualisiert am

Visionäre: Wigald Boning und Olli Dittrich nannten sich schon 1996 „Die Doofen” Bild: picture-alliance/ dpa

Wo liegen die Pyrenäen, und wie buchstabiert man dieses Wort überhaupt? Davon hat unsere Jugend, die „Generation Doof“, keine Ahnung, glauben Stefan Bonner und Anne Weiss und verraten, wer die Schuld an der Bildungskatastrophe trägt.

          Jugend hat keine Tugend. Zu dieser Erkenntnis ist der Pädagoge Donald Duck schon im März 1958 gekommen. Damals muss alles angefangen haben. Unsere Eltern klagten jedenfalls immer so, als ob wir die erste tugendlose Alterskohorte wären. Inzwischen steht es um die Jugend noch viel schlimmer. Wer allerdings in dieser Sache nicht ganz auf dem Laufenden ist, der kann den Stand der Dinge in dem Buch „Generation Doof“ von Stefan Bonner und Anne Weiss nachlesen.

          Es ist nicht ganz klar, an wen sich dieses Buch eigentlich wendet. Für den Leser einer überregionalen Qualitätszeitung ist die Sprache wohl zu banal und zu vulgär. Und wirklich komisch auf die unfreiwillige Art ist das Buch leider auch nicht. Dass die Generation Doof selbst das Buch mit Befriedigung liest, kann man sich jedenfalls nur schwer vorstellen. Erstens wird sie hier massiv beleidigt, und zweitens ist der Text doch recht umfangreich.

          Die Doofheit wird immer schlimmer

          Wer aber ist überhaupt die Generation Doof? Das, so erfahren wir, sind all jene, die jünger sind als dreißig, aber verdient hat diese Bezeichnung natürlich nur der intellektuell herausgeforderte Teil. Selbstverständlich gab es schon immer die, die das Pulver erfunden haben, und die anderen, die es gar nicht erfinden wollen, doch die Autoren sind der Meinung, dass die Doofheit immer schlimmer wird. Auch das könnte ja noch ein Naturgesetz sein, so etwas wie der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik, aber Bonner und Weiss schildern die Situation so dramatisch, als stünde der Untergang des Abendlandes kurz bevor. Als Ursache der Katastrophe sehen sie einen extremen Realitätsverlust durch Beschäftigungen wie übermäßiges Fernsehen, Computerspielen und Mobiltelefonieren.

          Natürlich ist das eine plausible Theorie die zeigt, dass man seinen Kindern Gutes tut, zieht man sie möglichst fernsehfrei groß. Aber die beiden Autoren übertreiben derart schamlos, dass letztendlich nur ein wenig aussagekräftiges Zerrbild entsteht.

          „Sachbuch“ oder „Humor“?

          Das Buch strebt durchaus eine gewisse Vollständigkeit an und erreicht diese auch. „Generation Doof“ ist eine Art soziologische Analyse, eine Lebenshilfe mit einer etwas pessimistischen Grundeinstellung und natürlich der Versuch, zu unterhalten. Der Verlag verkauft es mit dem Etikett „Sachbuch“ und nicht „Humor“, darüber kann man streiten.

          Die Aufteilung in die einzelnen Kapitel ist plausibel. Am Anfang steht eine allgemeine Beschreibung dessen, was die Generation Doof ausmacht, dann werden die Themen Bildung, Beruf, Unterhaltung, Liebe und Erziehung abgehandelt. An der Schule und an der Universität weigern sich die Angehörigen der Generation Doof zu lernen, wo die Pyrenäen liegen oder auch nur, wie man sie buchstabiert. Dabei ist „sich weigern“ schon eine viel zu aktive Formulierung. Der Lernprozess findet einfach nicht statt. Im Beruf fehlen dann die soliden Kenntnisse und die realistische Selbsteinschätzung.

          Ständiger Sex oder Dauerkuscheln

          Es fehlen Umgangsformen und oft auch die Bereitschaft, dem Chef das vorzuheucheln, was er sehen und hören möchte. Die Freizeit verbringt so ein Doofi mit Privatfernsehen und Egoshooter, mit Mikrowelle und Pizzaservice. Von einem einfachen Spaziergang an der frischen Luft bekommt er vermutlich Magenkrämpfe. Die Liebe tritt überhaupt nur in zwei Varianten auf, entweder in Form von ständigem Sex oder Dauerkuscheln. Und wenn sich die Doofen endlich doch entschließen, Kinder zu kriegen, dann schaffen diese Versager die Aufzucht nur, wenn sie die Babys vor der Glotze parken und ihnen dann später eine Playstation kaufen, vermuten die Autoren.

          Das ist ja alles nicht ganz falsch. Was fehlt, sind die Zwischentöne. Letzten Endes reden Bonner und Weiss so reaktionär daher wie unsere Eltern im Jahr 1958. Aber vielleicht ist das ja auch nur der grobe Keil, der auf den groben Klotz gehört. Die beiden Autoren haben ein sehr einfaches Weltbild, sie wissen stets, was gut und was schlecht ist. Vieles, über das sie sich immer wieder lustig machen, ist nur eine ästhetische Angelegenheit. Über Tätowierungen nörgeln sie wie die Spießer von 1964 über Beatlesfrisuren. Lasst die Mädels doch mit einem Arschgeweih herumlaufen, wenn es ihnen gefällt! Soll ich meines Bruders (beziehungsweise in diesem Fall meiner Tochter) Hüter sein?

          Wir sind kollektiv schuld

          Auch die sechzig Seiten über Liebe und Sex sind zu dogmatisch geraten. Arbeitslosigkeit ist ein riesiges Problem. Und wenn jemand nicht lesen und schreiben kann, weil er lieber fernsieht, und deshalb lebenslang von der Solidargemeinschaft alimentiert werden muss, dann ist das eine Tragödie. Wenn jemand eine Freundin sucht, um ein bisschen Spaß mit ihr zu haben, ist das eine Komödie. Man muss beides nicht unbedingt auf dem gleichen Niveau abhandeln.

          In ihrem vieldiskutierten Buch „The Nurture Assumption“ („Ist Erziehung sinnlos?“) stellte Judith Rich Harris 1998 die These auf, dass unsere Kinder weniger durch die eigenen Eltern als durch die anderen Kinder, mit denen sie zusammen sind, sozialisiert werden. Aber wie wir es auch drehen und wenden mögen, letztendlich läuft es doch auf uns Eltern hinaus. Wir Väter und Mütter sind sozusagen kollektiv an der Generation Doof schuld. Kein Grund, stolz zu sein, aber immerhin ein sehr demokratischer Gedanke.

          Stefan Bonner, Anne Weiss: „Generation Doof“. Wie blöd sind wir eigentlich? Verlag Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2008. 333 S., Abb., br., 8,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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