Home
http://www.faz.net/-gr6-10s7v
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Generation A

12.10.2008 ·  Als das Geld weg war, waren sie plötzlich überall. Tagsüber standen sie an den Straßenecken herum, mit ihren Händen in den ausgebeulten Hosentaschen oder in der Schlange vor den Armenküchen der Heilsarmee, nachts legten sie sich in die Parks zum Schlafen, und wenn sie es nicht mehr aushielten in ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Als das Geld weg war, waren sie plötzlich überall. Tagsüber standen sie an den Straßenecken herum, mit ihren Händen in den ausgebeulten Hosentaschen oder in der Schlange vor den Armenküchen der Heilsarmee, nachts legten sie sich in die Parks zum Schlafen, und wenn sie es nicht mehr aushielten in den Ruinen dieser Welt, die einmal ihnen gehören sollte, dann sprangen sie auf einen Güterzug in Richtung Westen, dorthin, wo die Versprechen herkamen und die Träume, die sie noch nicht ganz aufgegeben hatten. 200 000 "Kindervagabunden" lebten in Amerika Anfang der dreißiger Jahre auf der Straße, bis zu tausend dieser jugendlichen Landstreicher kamen Ende 1933 täglich in Hollywood an. 1936 waren es so viele, dass die Polizei von Los Angeles entschied, die kalifornischen Staatsgrenzen für ein paar Wochen mit Polizeigewalt abzusperren.

Kalifornien, Los Angeles, Hollywood: Das waren natürlich schon damals eher abstrakte Orte, Orte also, die man nicht persönlich betreten musste, um sie zu bewohnen, und trotzdem kann man sich kaum ein Bild vorstellen, an dem man die wahre Größe der sogenannten Großen Depression besser ablesen könnte als diesen Moment der physischen Schließung des Paradieses. Unter den existentiellen Auswirkungen des Börsencrashs von 1929 litt das ganze Land; dass aber die Krise der Wirtschaft auch eine der Überzeugungen war: das spürte vor allem die Jugend, auf der noch ein Jahrzehnt zuvor die Hoffnungen der ganzen Nation geruht hatten. Denn plötzlich stellte sie, schreibt Jon Savage, "keinen Absatzmarkt mehr, sondern einfach einmal mehr ein Problem dar".

Die Gleichung von Amerika und seiner Jugend, die hatte, drei Jahrzehnte zuvor, der Psychologe G. Stanley Hall aufgemacht: "Wir sind eine Nation, die sich in der Adoleszenz befindet", schrieb der Wissenschaftler, "wir hungern nach einem Maximum an Leben" - und dass er selbst schon sechzig war, als er 1904 sein 1500-seitiges Werk "Adolescence" vorlegte, das schützte ihn nicht davor, dem Objekt seiner Studien mit bemerkenswerter Sympathie zu begegnen. Seine psychologische Diagnose war erschreckend, die Therapie aber, die er vorschlug, war revolutionär humanistisch: "Teenager sind emotional instabil und leidanfällig. Es ist das Alter der natürlichen Verwirrtheit", schrieb Hall und empfahl, neben kalten Bädern zum Löschen des sexuellen Feuers, die unzurechnungsfähigen Heranwachsenden möglichst in Ruhe zu lassen: "Um die Lehrzeit des Lebens erfolgreich abzuschließen", brauchten die Jugendlichen, unter anderem, "Freizeit, Kunst, Legenden, Romantik." Als Erster legte Hall auch eindeutige Altersgrenzen für diese problematische Lebensphase fest: die Zeit zwischen dem 14. und 24. Lebensjahr.

Für den britischen Journalisten Jon Savage spielt Halls Arbeit die zentrale Rolle in der Etablierung jenes kurzen Zwischenraums, der sich, Ende des 19. Jahrhundert, auf einmal zwischen Kindheit und Erwachsensein auftat. Siebzig Jahre umfasst Savages Buch "Teenage. Die Erfindung der Jugend", wobei sich der Autor darin sehr schnell von dem engen begrifflichen Korsett des Titels befreit, indem er, erstens, schon auch die Twens und Berufsjugendlichen berücksichtigt, ohne die man das kulturgeschichtliche coming of age der Heranwachsenden nicht erzählen kann, und zweitens sehr schnell eingesteht, dass er, statt 1875 zu beginnen, natürlich auch bis zu Rousseaus "Emile" und bis zum Werther-Kult ausholen hätte können. Mit gutem Grund aber überspringt Savage den Großteil des 19. Jahrhunderts und setzt, gewissermaßen nach der Pubertät, in dem Moment ein, in dem der Teenager auch historisch das tat, wofür er gesellschaftlich bekannt ist: er wurde verhaltensauffällig. In Amerika stieg die Jugendkriminalität Ende des 19. Jahrhunderts so stark an, dass progressive Reformer auf die Einrichtung separater Jugendgerichte drängten. 1899 wurde in Chicago das erste Jugendgericht gegründet, womit das neu entdeckte Lebensstadium auch juristisch anerkannt wurde. Bereits in seinem ersten Jahr verhandelte das Gericht knapp 1500 Fälle, vor allem Delikte wie Diebstahl, "ungebührliches Benehmen" und "Unverbesserlichkeit", ein Sammelbegriff, der Vergehen wie "Herumlungern auf der Straße", "Verwendung vulgärer Ausdrücke" oder "schlechte Gesellschaft" beinhaltete.

Vor mehr als hundert Jahren also waren die wesentlichen Vorwürfe schon benannt, gegen die sich auch heute noch die Teenager wehren müssen, und wie hartnäckig sich, trotz aller zeitgeistlichen Variablen, die strukturelle Opposition zwischen den Jungen und den nicht mehr ganz so Jungen hält, ist eine der Erkenntnisse, die Savages eher stoff- als thesenreiches Buch vermittelt. Mehr als fünfhundert Seiten lang lässt Savage die wichtigsten Jugendbewegungen und die skurrilsten Cliquen bis 1945 aufmarschieren, von den New Yorker Straßengangs des späten 19. Jahrhunderts bis zu den Sheiks und Shebas, die die Figuren aus Rudolph Valentinos Film im Leben weiterspielten, von den neuheidnischen Pfadfindern der "Kibbo Kift" bis zu den britischen "Bright Young People", von den deutschen Wandervögeln bis zur Hitlerjugend. Für Subkulturen interessiert sich Savage, der bisher vor allem für sein Buch über die Geschichte des Punkrock ("England's Dreaming) bekannt war, mindestens genauso wie für den Mainstream, was sich schon deshalb lohnt, weil dadurch auch die Geschichte der deutschen Swing-Jugend nicht zu kurz kommt. Die tapfer tanzenden Bürgersöhne aus Hamburg, Kiel und Bremen gehörten zu den wenigen, die sich weigerten, der Hitlerjugend beizutreten. Auf ihren Tanzveranstaltungen wurde, wie es in einem Gestapo-Protokoll zu lesen ist, "in übelster Form geswingt". Und ein Bericht des Reichsjustizministeriums beklagte sich 1944: "Die Gier nach dem von ihnen vornehm erscheinenden Leben in Klubs, Barbetrieben, Kaffeehäusern und Hausbällen verdrängte jeden Willen zu einer positiven Einstellung gegenüber den Zeiterfordernissen (. . .). Eine wehrfeindliche Einstellung ist hiernach deutlich erkennbar." Für ihre offizielle Bezeichnung "Swingheinis" revanchierten sich die anglophilen Jugendlichen, indem sie sich untereinander mit "Swing Heil!" begrüßten.

Dass Savage sich mehr für die Details seiner Protagonisten interessiert als dafür, ob es, wenn schon keine Moral, so doch vielleicht eine Pointe seiner Kulturgeschichte gibt, das nimmt seinem Buch zwar manchmal etwas die Spannung; es ist aber insofern konsequent, als dass man aus der Fülle seines Material fast jede beliebige These begründen könnte. Die Jugend, darin liegt ihre Besonderheit, hat sich als demographisches Vakuum etabliert, als gesellschaftlicher Freiraum, der sich im Hedonismus genauso manifestieren kann wie im Radikalismus, im Zukunftswahn wie in der absoluten Gegenwärtigkeit. Ob die Teenager die Welt verändern wollen oder nur ihre Frisur, entscheiden nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Indem er seine Vorgeschichte des Teenagers mit dem Zweiten Weltkrieg enden lässt, legt Savage zwei Fluchtpunkte dieser Dialektik fest. Die eine Jugend trug den Namen eines Mannes, dem es gelang, den Krieg als Spiel und Abenteuer zu verkaufen, die andere fand ihren Helden in einem ausgemusterten Sohn italienischer Immigranten, und wer sich vor Augen halten will, wie unterschiedlich die Formen von jugendlichem Fanatismus sein können, der muss nur einmal die Bilder von den choreographierten Spektakeln der Hitlerjugend mit jenen der 30 000 trampelnden und kreischenden Mädchen vergleichen, die am 12. Oktober 1944, dem sogenannten Columbus Day, den Verkehr am New Yorker Times Square lahmlegten, als sie vor dem Paramount Theater auf Frank Sinatra warteten. Die einen wollten ernst genommen werden, die anderen nur Spaß, und natürlich ist die Tragik dabei, dass in der Regel nur die Letzteren dafür zu Hause Ärger bekamen.

Wie nahe die Extreme beieinander liegen, das zeigt ein Satz, der 1921 die ganz spezielle Dynamik jugendlicher Befindlichkeiten zum Ausdruck brachte: "Youth does not need friends - it needs only crowds", schrieb eine junge Dame, die als Inbegriff des Flappers galt, jenes neuen Typs amerikanischer Frauen, der mit seinen kurzen Haaren und Hosen womöglich mehr zur Emanzipation der Frauen beigetragen hat als die Suffragetten in ihren keuschen Röcken, wobei sich Zelda Fitzgerald unter der "crowd" wohl eher eine Clique vorstellte als Massenversammlungen im Stil der Nazis.

"Teenager außer Kontrolle", so hieß, im vergangenen Jahr, eine Fernsehserie des Senders RTL, in der schwer erziehbare Jugendliche in einem Westerncamp zur Vernunft gebracht werden sollten, und der Titel unterstellte ganz offensichtlich, ebenso wie das pädagogische Konzept der Reihe, dass etwas falsch läuft, wenn Jugendliche sich weigern, Autoritäten zu respektieren. Wer mit Savage ein wenig zurückblickt in die Geschichte jugendlicher Aufsässigkeit, der stellt schnell fest, dass man sehr froh sein muss, wenn nicht das Gegenteil passiert: Erst unter Kontrolle zeigen Teenager, wozu sie wirklich fähig sind.

HARALD STAUN

Jon Savage: "Teenage. Die Erfindung der Jugend (1875-1945)". Campus, 525 Seiten, 29,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2008, Nr. 41 / Seite 45
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen