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Gehirnforschung Was Babys denken

26.11.2006 ·  Die intellektuelle Entwicklung von Babys fängt nicht bei null an. Sie sammeln nicht nur Daten, sondern erschließen sich das Wissen. Ein faszinierendes, an Beispielen reiches Buch erklärt, wie Kinder in ihrem ersten Lebensjahr denken.

Von Michael Pawlik
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Bei der Geburt eines Menschen entspricht sein Geist einem unbeschriebenen Blatt, „ohne alle Schriftzeichen, frei von allen Ideen“. So formulierte John Locke in seinem „Versuch über den menschlichen Verstand“ die Ausgangsüberzeugung der empiristischen Erkenntnistheorie. Nach einer rund siebzigjährigen Forschung zur Denkentwicklung von Säuglingen hat sich heute die Auffassung durchgesetzt, daß Locke sich geirrt hat.

Die intellektuelle Entwicklung von Babys fängt nicht bei null an. Babys sind keine einfachen Datensammler, die ihre Erfahrungen mit ihrer Umwelt ungefiltert abspeichern. „Vielmehr geht man heute davon aus, daß Babys bereits über definierbare Grundstrukturen der Informationsverarbeitung verfügen, die ihnen helfen, sich verschiedene Wissensdomänen nach und nach zu erschließen.“ So resümiert die renommierte Entwicklungspsychologin Sabina Pauen in ihrem faszinierenden, an Beispielen reichen Buch den Forschungsstand.

Lebenswichtige Fähigkeit

Bereits Jean Piaget, der Begründer der modernen Säuglingsforschung, hat dem empiristischen Dogma die Formel entgegengesetzt, das Kind sei Konstrukteur seiner eigenen Wirklichkeit. Mittlerweile weiß man nicht nur, daß Piaget damit recht hatte, sondern auch, daß er die geistigen Fähigkeiten von Babys noch erheblich unterschätzt hat. So spricht vieles dafür, daß Kinder einige fundamentale physikalische Grundannahmen mit auf die Welt bringen. Dazu zählen insbesondere das Prinzip der Kohäsion und jenes der Kontinuität.

Objekte sind danach zum einen ganze Einheiten mit festen Außengrenzen, und zum anderen bewegen sie sich auf kontinuierlichen Bahnen. Das klingt trivial, ist es aber keineswegs. Würden Babys das Prinzip der Kohäsion nicht kennen, so wäre es, wie Pauen zeigt, für sie unmöglich, Objekte in ihrem Sichtfeld zu differenzieren, zu identifizieren oder in Bewegung zu verfolgen. Nicht weniger bedeutsam ist das Kontinuitätsprinzip. Es ermöglicht dem Kind, Vorhersagen über die Bewegungsbahn von Objekten zu machen. Wie lebenswichtig diese Fähigkeit ist, wird man bei jeder Straßenüberquerung bestätigt finden.

Der Nebel lichtet sich

Darüber hinaus verhilft das Kontinuitätsprinzip dem Kind zu der Erkenntnis, daß Gegenstände sich nicht einfach auflösen, wenn sie aus dem Blickfeld verschwinden. Diese Einsicht ist grundlegend für das Denken. „Erst wenn das Baby über geistige Vorstellungen verfügt, wenn es aktiv Erinnerungen wachrufen kann, sie im Kopf kombinieren und damit mental Neues schaffen kann, ist eine Stufe erreicht, auf der man von Denken im eigentlichen Sinne spricht.“ Mentale Repräsentationen dieser Art sind nach gegenwärtigem Erkenntnisstand weder von vornherein gegeben, noch tauchen sie aus dem Nichts auf. Wie Pauen darlegt, entwickelt sich die Fähigkeit, sich im Geist Dinge vorstellen zu können, in vielen kleinen Schritten, in denen das Kind lernt, Informationen über Objekte immer genauer und länger im Gedächtnis zu behalten. „Bildlich kann man es sich vielleicht am ehesten so vorstellen, als würden sich Nebel allmählich über einer Landschaft lichten.“

Am Anfang steht möglicherweise lediglich die rudimentäre Vorstellung „Da ist etwas“, die zudem nur für wenige Sekunden erinnert werden kann. Mit zunehmendem Alter vergrößert sich diese Zeitspanne, und das Kind merkt sich die Eigenschaften dessen, was es gesehen hat, immer besser. Irgendwann im Verlaufe des zweiten Lebenshalbjahres ist dem Kind dann ein aktives Erinnern möglich.

Vögel haben keine Schwänze

Auch im übrigen verändert sich die Informationsverarbeitung im Verlauf der ersten zwölf Monate ganz wesentlich. Ein Großteil dieser Entwicklungen läßt sich Pauen zufolge auf die zwei komplementären Prozesse der Abstraktion und der Differenzierung zurückführen. Wenn das Baby beispielsweise eine Objektkategorie wie „Vogel“ formt, so geschieht dies entweder durch die Erfassung von Gemeinsamkeiten - Vögel haben Flügel - oder durch die Betonung von Unterschieden - Vögel haben keine Schwänze.

Diese Prozesse können unterschiedliche Ursachen haben. So können Abstraktionen „das Resultat früherer Generalisierungen, selektiver Beachtung bedeutsamer Merkmale oder umfassender Vergleiche auf verschiedenen Ebenen sein. Sie können unbewußt oder bewußt ablaufen, selbst geformt werden oder kulturell übernommen sein.“ Das Kind vermag im Alter von drei bis vier Monaten die ersten Kategorien zu bilden, und mit sieben Monaten denkt ein Baby über Ursache und Wirkung nach.

Gefühlen, Motive und Interessen

Weshalb nimmt ein Kind die damit verbundenen Anstrengungen auf sich? Die Antwort lautet: Das Kind sucht nach Stabilität, Regelhaftigkeit und Kontrollierbarkeit. Es will das Verhalten der Dinge, denen es in der Welt begegnet, sicher vorhersagen können und Gesetzmäßigkeiten erkennen. Von daher ist es wenig verwunderlich, daß für Babys die Unterscheidung zwischen Menschen, Tieren und unbelebten Gegenständen eine fundamentale Rolle spielt. „Diese Differenzierungsleistung ist der Grundstein für die Unterscheidung von Wissensdomänen und damit auch des inhaltlichen Denkens über die Welt.“

Erfahrungen mit Lebewesen werden von Säuglingen grundlegend anders verarbeitet als Erfahrungen mit unbelebten Objekten. Schon einem wenige Monate alten Kind ist ansatzweise klar, daß unbelebte Objekte lediglich den Gesetzen der Physik unterworfen sind, während Lebewesen sich zusätzlich nach Regeln verhalten, die etwas mit ihren psychischen Zuständen, ihren Gefühlen, Motiven und Interessen zu tun haben.

Was können Eltern lernen?

Die Leistung des Denkens entspringt nach der Darstellung Pauens einem Wechselspiel von mitgebrachten Fähigkeiten, körperlichen Reifungsprozessen und ständig wachsenden Erfahrungen. Obwohl der menschliche Geist durch die Evolution von vornherein darauf vorbereitet ist, bestimmte Informationen auf besondere Weise zu verarbeiten, Locke also insoweit einem in das Kleid der Evolutionstheorie gewandeten Kant Platz machen muß, reift das Gehirn also nicht etwa im luftleeren Raum. Es ist vielmehr auf Stimulation angewiesen, um sich in der biologisch vorgesehenen Weise entfalten zu können. „Entscheidend ist, daß ein Baby genügend Informationen über verschiedene Sinneskanäle erhält, denn die Wahrnehmung stellt eine notwendige Voraussetzung für die kognitive Entwicklung dar.“

Was können Eltern aus alldem lernen? Pauens Schlußfolgerungen fallen einigermaßen unspektakulär aus. Daß man dem Kind einen stabilen, aber nicht starren Rahmen bieten und auf seine Bedürfnisse eingehen soll, ohne sich ihm völlig unterzuordnen - dies findet man auch in jedem Erziehungsratgeber, wenn man es nicht ohnehin schon weiß. Die wichtigste Lehre muß der Leser selbst ziehen: das Staunen. Wer Pauens Buch gelesen hat, wird mit neuen Augen auf das wundervolle Wesen schauen, das ihm einst im Kreißsaal in die Arme gelegt worden ist.

Sabina Pauen: „Was Babys denken“. Eine Geschichte des ersten Lebensjahres. Verlag C. H. Beck, München 2006. 232 S., br., 17,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 24.11.2006, Nr. 274 / Seite 45
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