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: Geheimnisse eines hinreißend Schwierigen

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Als Katja Mann im Jahre 1928 anläßlich der Münchner Uraufführung von dessen Trauerspiel "Der Turm" Hugo von Hofmannsthal wiedersah, konnte es ihrem aufmerksamen Blick nicht entgehen, daß der "ununterbrochen plappernde" Dichter "dicker geworden" war. Was würde sie da erst heute sagen? Denn mittlerweile ...

          Als Katja Mann im Jahre 1928 anläßlich der Münchner Uraufführung von dessen Trauerspiel "Der Turm" Hugo von Hofmannsthal wiedersah, konnte es ihrem aufmerksamen Blick nicht entgehen, daß der "ununterbrochen plappernde" Dichter "dicker geworden" war. Was würde sie da erst heute sagen? Denn mittlerweile ist Hugo von Hofmannsthal einer der korpulentesten Dichter der Moderne geworden. Dabei hatte man ihn doch so herrlich schlank in Erinnerung: eine Handvoll schönster Gedichte, einige wundervolle Erzählungen und hübsche Prosastücke, eine zauberhafte Komödie auch und natürlich die Libretti . . . Heute dagegen? Sein ununterbrochenes Plappern und der Konservierungswille der Philologie haben in unheiliger Allianz den Dichter zu einer unförmigen Gestalt aufgeschwemmt: eine monumentale kritische Ausgabe, zahlreiche wohlkommentierte Briefwechsel, Hofmannsthal-Blätter hier, Jahrbücher dort . . . Wir kennen den hinreißenden Jüngling kaum wieder, mit dem wir in unseren besseren Tagen niveauvolle Unterhaltungen über literarische Gegenstände führten, und fragen uns beklommen, ob sein unablässiges Plappern und der Eifer der Philologen seine Gestalt nun zur Unkenntlichkeit oder nicht doch zur Kenntlichkeit aufgeschwemmt haben. In solchen Augenblicken greifen wir gern zu einer schlanken Biographie.

          Ulrich Weinzierl hat eine solche geschrieben. Bisher hat sich der Dichter konsequent der Kunst der Biographen entzogen, und dies wohl weniger, weil er ein Meister der "totalen Ich-Verschweigung" (Hermann Broch) war und sich gegen "läppischen Biographismus" aufs heftigste verwahrt hat, sondern weil das biographische Material bei diesem Meister des Briefs und Virtuosen des Gesprächs mittlerweile ins Uferlose angewachsen ist, ohne daß sich die Konturen der Gestalt zur Eindeutigkeit verfestigt hätten. Ohne die Sensibilität fürs Gesellschaftliche und die Empathie des Psychologen, die Hofmannsthal auszeichnen, ist seinem "Geheimnis" (eines seiner Grund- und Hauptwörter) nicht beizukommen, und über beides verfügt Ulrich Weinzierl im hohen Maße. Außerdem verfügt er über Ironie. Das hilft ihm dabei, produktive Distanz zu halten, denn er mag den Hugo zwar sehr, aber andererseits doch auch nicht allzusehr. So nimmt er ihm gegenüber die Schreibhaltung desjenigen ein, der zwar, wie der Dichter es sich wünschte, das Geheimnis der Person respektiert, aber gerade deswegen sich auch das Recht herausnimmt, dieses Geheimnis "zumindest in Grundzügen zu umreißen", was dann am Ende auch nichts anderes heißt, als alles menschlich Interessante über ihn auszuplaudern. Das ist schon deshalb völlig legitim, weil dabei seine Hauptquelle immer Hofmannsthal selbst bleibt: Hätt' er halt nicht so viel plappern sollen!

          Was Weinzierl aber vollkommen respekiert, ist das Geheimnis der Poesie; negativ gesagt: Er klammert das dichterische Werk Hofmannsthals mit fast schon unheimlicher Konsequenz aus seiner Darstellung aus. Nur an ganz wenigen Stellen scheint auf, was ihn eigentlich am Werk fasziniert, und dabei fällt dann - naturgemäß - auf die Komödie "Der Schwierige" das meiste Licht. Denn Weinzierls Buch gilt dem Geheimnis eines hinreißend Schwierigen.

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