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Geert Mak: Amerika : Wenn sich im Diner die Gewissheiten auflösen

Bild: Siedler Verlag

Man sieht nur, was man auch sehen will: Geert Mak fährt auf den Spuren John Steinbecks durch Amerika. Mit Befunden hält er sich zurück, und das Silicon Valley lässt er aus.

          Als Bernard-Henri Lévy vor gut siebeneinhalb Jahren „American Vertigo“ vorlegte, den Bericht über seinen damals jüngsten Ausflug durch die Vereinigten Staaten, empörte sich in der „New York Times“ der Schriftsteller und Radiounterhalter Garrison Keillor: „It is the classic freaks, fatties, fanatics & faux culture excursion beloved by European journalists for the past 50 years.“

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Keillor konnte den Erzählungen eines Besuchers rein gar nichts abgewinnen, der zwar, wie im Untertitel seines Buches versprochen, auf den Spuren von Tocqueville durchs Land streifte, dabei aber nicht vergaß, einen Lap-Dancing Club in Vegas, den Elvis-Kult in Graceland und die Alkoholorgien der Bourbon Street zu würdigen sowie die Gelegenheit wahrzunehmen, bei Sharon Stone und John Kerry vorbeizuschauen. Vor allem störte ihn jedoch „die kindliche Liebe zum Paradox“, die Lévy zwischen einem herrlichen und irren, habgierigen und bescheidenen, puritanischen und übergeschnappten, zukunftsgläubigen und vergangenheitsverliebten Amerika umherirren ließ. „Good Lord!“

          Europäischer Traum vom verführerischen Wunderland Amerika

          Was Keillor zu Geert Maks „Amerika!“ zu sagen hätte, dürfen wir nur vermuten, denn noch ist der Sechshundert-Seiten-Wälzer nicht im Land, das er beschreibt, erschienen. Ohne Paradoxe geht es auch bei dem niederländischen Journalisten nicht ab, der immer wieder hin-und hergerissen ist zwischen den Wünschen und Versprechungen Amerikas und seinen Defekten, Verfehlungen und Irrtümern.

          „Danke, Kumpel“, spöttelte Keillor in Richtung Lévy, als der aller Klage und Kritik zum Trotz beteuerte, nicht an den Zusammenbruch des amerikanischen Modells zu glauben. Der Dank an Mak müsste noch wenig sarkastischer ausfallen. Vom Ausrufezeichen, das im niederländischen Original „Reizen zonder John“ (Reisen ohne John) fehlt, lässt sich nicht bloß auf die Begeisterung des Autors schließen. Begeistert ist er sicher, wenn er die triumphalen Nachkriegsjahre heraufbeschwört und den Traum, den sie auslösten, nämlich den europäischen Traum vom verführerischen Wunderland Amerika.

          Äußere und innere Realität vermischen

          Aber dann. War seine „geheime Liebe“ zu Amerika schon seit jeher eingebunden in „ein kompliziertes Verhältnis zu unseren Halbcousins und -cousinen auf der anderen Seite des Ozeans und zu unserem mächtigen ehemals steinreichen Onkel Dagobert“, drängen sich ihm jetzt Fragen auf wie: „Sehen wir Amerika noch immer als unsere Zukunft wie in den fünfziger und sechziger Jahren? Ist Amerika noch immer diese unwiderstehliche Welt voller Glanz und Flitter und Pastellfarben, bewohnt von einem ganz besonderen, überlegenen, entspannten Menschenschlag, die Welt von Disneyland Dream und ,Hey-Ba-Ba-Re-Bop’?“

          So zu lesen auf Seite 550, aber da hat Mak schon längst und ausführlich geantwortet. Amerika, es war einmal - keine überraschende Erkenntnis unter Intellektuellen vom anderen Kontinent. Mak umgeht jedoch geschickt die Falle, die dem enttäuschten Liebhaber und arrogant verschnupften Europäer droht. Er ist nicht allein durch Amerika gereist, neben ihm und seiner Frau hatte es sich im Jeep Liberty ein echter Amerikaner bequem gemacht, der Schriftsteller John Steinbeck.

          Der war vor mehr als einem halben Jahrhundert im Pick-up durchs Land gerumpelt, eigentlich von Enttäuschung zu Enttäuschung. So erhält Mak historisch Schützenhilfe. Steinbeck ist Maks Tocqueville, und bisweilen liest „Amerika!“ sich nicht wie eine Reise- und Landesbeschreibung, sondern wie ein Kommentar zu, wie eine literarische Betrachtung über „Die Reise mit Charley“. Charley, das war Steinbecks Pudel, der auf dem Beifahrersitz saß und sich mitanzuhören hatte, was die Leute draußen im Land dem berühmten Autor so alles erzählten. Oder auch nicht.

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