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Veröffentlicht: 17.03.2006, 12:00 Uhr

Geben wir unser Bestes in Beruf, Familie und Freizeit - jetzt!

Ein neues Manifest aus der Abteilung "Schluß mit lustig": Christoph Keese läßt an unser aller Verantwortung die Welt genesen

Calvin Paragon ist Unternehmensberater. Die Chance, in einer anderen Stadt Referatsleiter zu werden, schlug er aus. Dann hätte er von seiner Familie getrennt wohnen müssen. Mit seiner Frau versteht er sich gut, sein Sohn ist leider zeitweilig Alkoholiker geworden. Papa Paragon hat ihn in seinem eigenen Interesse zu einer Entziehungskur gezwungen. Im Beruf gibt Paragon sein Bestes. Privat bietet er kostenlose Kurse in der Volkshochschule an. Seine Frau ist arbeitslos, nimmt aber kein Arbeitslosengeld, weil sie der Solidargemeinschaft nicht auf der Tasche liegen will. Sie pflegt ihre Mutter zu Hause. Paragon verzichtet auf Dauerfernsehen und Kneipen, übt statt dessen auf seinem neuen Klavier Sonaten. Beim Rauchen und Trinken hält er maß, den Geist durch Gespräche und Lektüre in Bewegung.

Paragon gibt es nicht. Er ist eine Chimäre, zusammengesetzt aus Beispielen in dem Buch "Verantwortung jetzt" von Christoph Keese. Keese lehrt uns, wie "wir uns und anderen helfen und nebenbei unser Land in Ordnung bringen", indem wir mehr Verantwortung übernehmen. Das Buch ist ein Weisheitsbuch. Wenn man seine Botschaft zusammenfassen sollte, dann wäre es diese: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.

Die beiden Teile "Was ist Verantwortung?" und "Wie können wir Verantwortung tragen?" machen ziemlich genau jeweils die Hälfte des Werks aus. Im ersten Teil beschreibt Keese anhand von Beispielen, was Verantwortung ist. Etwa so: Am 13. März 1964 wurde Kitty Genovese in New York das Opfer eines nächtlichen Lustmords. Es gab 38 Zeugen im Häuserblock. Wenn auch nur einer rechtzeitig die Polizei gerufen hätte, wäre sie am Leben geblieben. Nun wird niemand bestreiten, daß hier viele schuldig wurden, allerdings muß man auch kein Buch lesen, um das zu begreifen. Ob diese Neigung zur Drückebergerei wirklich ein Grundübel unserer Zeit ist und ob sich die Situation stetig verschlimmert, dafür bleibt uns Keese den Beweis schuldig. Er spricht etwas vage von einem "gefährlichen Trend zur Passivität", aber solche Aussagen findet man vermutlich bereits bei Plato und bei Shakespeare. Moralisten reden immer so. Manchmal haben sie sogar recht damit.

Im zweiten Teil des Buchs erhalten wir konkrete Ratschläge, wie wir mit guten Ergebnissen mehr Verantwortung übernehmen können. Hier verfährt der Autor nach dem Prinzip der konzentrischen Sphären. Von innen nach außen fortschreitend, betrachtet er das Individuum (sein eigenes Leben in die Hand nehmen!), die Familie (den Kindern Zeit schenken!), den Beruf (sein Bestes geben!), Staat und Gesellschaft (viele Aufgaben übernehmen!) sowie die globalisierte Welt (den Armen Aufträge erteilen!).

Das meiste kann man bedenkenlos unterschreiben. Binsenweisheiten sind ja in der Regel nicht falsch, Spinat ist gesünder als Nutella. Das Problem liegt bei dem, was Keese nicht sagt. Er denkt monokausal. Mehr Verantwortung zu übernehmen ist die Arznei, mit der er alle Gebresten heilen will. Das läßt sich mit einem simplen Beispiel in Zweifel ziehen: Saddam Hussein war alles, nur nicht verantwortungsscheu. Entscheidend ist eben nicht die Verantwortung an sich, sondern ihr Kontext. Nicht jeder Zeitgenosse hat das Talent für und die Neigung zu Verantwortung. Der eine kann nur als General glücklich werden, der andere nur als Grenadier. In Konzernen und Parteien wird an der Spitze viel Energie durch Hahnenkämpfe um die Verantwortung verschwendet. Und jemand, der im Beruf wie verlangt sein Bestes gibt, wird vielleicht als nützlicher Idiot schamlos ausgebeutet.

Keese ist Experte darin, aus allem und jedem den Honig zu saugen, den er gerade braucht. Ein Beispiel ist die Religion. "Alle . . . Religionen kommen und gehen mit der Zeit." So reden Atheisten und Agnostiker. Kaum hundert Seiten danach plädiert er dafür, nicht aus der Kirche auszutreten. Wer sich mit der gleichen Begeisterung auf Schweitzer, Sartre und Gates beruft, gibt zwangsläufig Anlaß zum Mißtrauen. Noch ein Beispiel: Einerseits kritisiert Keese schale Genüsse wie Videospiele, Funsport und Kurztrips nach Mallorca. Andererseits preist er die Klingeltonindustrie allein deshalb, weil sie Arbeitsplätze schafft. Da würde man zu gerne wissen, ob er ein etwas älteres Gewerbe mit noch mehr Arbeitsplätzen ähnlich sieht.

Die Grundfrage, an die natürlich auch Keeses Buch rührt, lautet: In welches Verhältnis soll man sich als geneigter Leser zu der Fülle zeitdiagnostischer Manifeste aus der Abteilung "Schluß mit lustig!" setzen? Dem Körnchen Wahrheit, das diese gut gemeinten Manifeste alle enthalten, möchte man guten Gewissens nicht widersprechen. Die großartige Erika Fuchs hat einmal einer herzensguten Protagonistin des Genres den schönen Satz "Sittenloses Treiben lehne ich ab" in den Mund gelegt. Sittenloses Treiben lehnen wir alle ab. Wenigstens darin sind wir uns einig.

ERNST HORST

Christoph Keese: "Verantwortung jetzt". Wie wir uns und anderen helfen und nebenbei unser Land in Ordnung bringen. C. Bertelsmann Verlag, München 2006. 272 S., geb., 16,- [Euro].

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